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Gastkommentar Tradition ist nicht immer ein guter Ratgeber

Aufsichtsräte sollten verantwortungsvoll den Wechsel vom Vorstand in den Aufsichtsrat diskutieren, anstatt blind einer Tradition zu folgen.
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Das Bayer-Kreuz an der Fassade eines Werksgebäudes. Quelle: dpa
Bayer

Das Bayer-Kreuz an der Fassade eines Werksgebäudes.

(Foto: dpa)

In der nun schon einige Jahre anhaltenden „Nachkriegszeit“ wurde an den verschiedensten Stellen versucht, die so schlagartig verlorene eigene Geschichte und Historie möglichst schnell durch „neue“ Traditionen vergessen zu machen.

Lange bevor der Begriff „Corporate Governance“ erfunden beziehungsweise transatlantisch für die europäische Unternehmensdiskussion ertüchtigt wurde, haben die Verantwortlichen der Finanzindustrie und vor allem der chemischen Industrie eine „Tradition“ begründet, die vor allem durch die gebetsmühlenartige Wiederholung der zentralen Glaubenssätze – und mangels wirklich gelebter guter Vorbilder – der aufstrebenden Industrie Halt geben sollte: die Tradition, dass nach einer möglichst langen Amtszeit als Vorstandsmitglied, besser aber noch als Vorstandsvorsitzender, eine mindestens ebenso lange Zeit als Aufsichtsratsvorsitzender derselben Gesellschaft das höchste Heil für die zunehmend prosperierende Wirtschaft bedeute.

Jede Diskussion um diese spezifische Eigenart, später neudeutsch unter dem Rubrum „Cooling-off-Periode“ bis zum Erbrechen durchdekliniert, wurde jahrzehntelang mit „der Tradition“ zum Erliegen gebracht. Selbst schwache gesetzgeberische Ansätze führten in den betroffenen Branchen bisher fast ausnahmslos dazu, dass nicht an der Erbfolge, sondern nur an einer möglichst minimalen „Wartezeit“ gearbeitet wurde, die meist mit Beraterverträgen und sonstigen winkeladvokatischen Tricks nahezu zum Verschwinden gebracht wurde.

Als eines der größten und nachhaltigsten Beispiele darf die Bayer AG zitiert werden: Der letzte Vorstandsvorsitzende hat bisher 52 Jahre im Konzern verbracht, davon 14 Jahre als Vorstandsmitglied beziehungsweise Vorstandsvorsitzender, seit 2012 ist er Aufsichtsratsvorsitzender derselben Gesellschaft, bis heute. In der Tat „gelebte Tradition“.

Auf der Hauptversammlung 2019 – und anschließend mit aller medialen Wucht – wurde nun plötzlich diese Tradition und das damit zwangsläufig geschaffene Netzwerk von Abhängigkeiten, persönlichen Verbindungen und kumulierter Macht thematisiert. Die Aktionäre straften mit niedrigen Entlastungsquoten die Betroffenen, „ihre“ Unternehmensführer und Kontrolleure, ab. Offensichtlich fragen sich aber nur Außenstehende: Wer hat die „Tradition“ und deren Begünstigte denn jahrzehntelang ins Amt gehoben, dort gehalten und auf jeder Hauptversammlung beklatscht? Jetzt ist die Zeit der (Miss-)Ernte angebrochen.

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