Gastkommentar Über Sinn und Unsinn in der Griechenland-Debatte

Vor wichtigen Entscheidungen über die Zukunft des Euroraums melden sich gerne Fundamentalkritiker zu Wort. Doch Forderungen wie die von Ifo-Chef Sinn, die Hilfen für Griechenland einzustellen, entbehren jeder Grundlage.
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Gustav Horn vom Institut für Makro-Ökonomie der Hans-Böckler-Stiftung. Quelle: picture-alliance

Gustav Horn vom Institut für Makro-Ökonomie der Hans-Böckler-Stiftung.

(Foto: picture-alliance)

Der Präsident des Ifo-Instituts, Hans-Werner Sinn, meint, ein Staatsbankrott Griechenlands und dessen sofortiger Austritt aus dem Euro-Währungsgebiet sei das Gebot der Stunde. Die Härten eines solchen Schritts werden in Ansätzen sehr wohl gesehen. Daher wird auch gefordert, die eigentlich für die Bedienung der griechischen Staatschulden vorgesehene Summe lieber zu nutzen, um den mit der Wiedereinführung der Drachme absehbaren Zusammenbruch des griechischen Bankensystems aufzufangen.

Mit einem solch dramatischen Schritt soll dann – wie im vergangenen Jahrzehnt Argentinien – die griechische Wirtschaft auf den Weltmärkten wieder wettbewerbsfähig werden, da die neue griechische Währung entsprechend stark abwerten würde. Im Gegensatz zu bisher praktizierten Strategie immer neuer Rettungspakete sei dies ein tragfähiges Vorgehen. Glaubt Herr Sinn.

Wie schon häufiger in den vergangenen zwei Jahren haben sich die Finanzminister der Eurogruppe nicht an derartige Empfehlungen gehalten. Vielmehr haben sie Griechenland erneut Kredite zur Verfügung gestellt, und zwar zu nochmals günstigeren Konditionen. Allerdings ist unverkennbar, dass die Geduld mit der bisherigen Rettungsstrategie auf allen Seiten extrem strapaziert ist. Die Geberländer beklagen, dass ihre Mittel in ein Fass ohne Boden flössen, da sich derzeit die wirtschaftliche Lage nicht einmal in Ansätzen bessere.

Im Gegenteil: Griechenland befindet sich in einer anscheinend hoffnungslos tiefen wirtschaftlichen Depression. Dies alles spräche gegen das bisherige Vorgehen, da die Vorgaben von Griechenland offenkundig nicht erfüllt würden. In Griechenland wird genau das gleiche Faktum aus einer anderen Perspektive beklagt. Die bisherige Rettungsstrategie habe Not und Elend hervorgerufen. Ein Strategiewechsel sei unvermeidlich. Dies zeigt schon, dass das bisherige Vorgehen an Grenzen stößt. Erodiert die politische Zustimmung, können weder die Staatsfinanzen in Griechenland konsolidiert noch weitere finanzielle Mittel in den Geberländern mobilisiert werden. Hat Sinn also Recht? Wäre das Ende mit Schrecken eine Alternative?

Wo der Ifo-Präsident richtig liegt
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26 Kommentare zu "Gastkommentar: Über Sinn und Unsinn in der Griechenland-Debatte"

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  • Das liebe ich so an den Euromantikern: Die völlige Verdrehung nicht etwa nur von Tatsachen, nein auch dem politischen Gegner, oder auch dem Kollegen aus der Wissenschaft, wird das Wort im Mund herumgedreht. Wer also wagt, den Sinn und Zweck des Rettungs-Irrsinns auch nur in Zweifel zu ziehen, ist automatisch ein böser Anti-Europäer, wenn nicht gleich ein Nationalist - dabei weiß jedes Kind, dass das "Retten" so nicht funktionieren wird. Komisch nur, dass das exakt die Methoden sind, mit denen man auch bei der Euro-Einführung alle warnenden Stimmen hämisch niedergemacht hat - dabei hatten die Professoren, die das jetzige Desaster präzise vorhergesagt haben, durchaus die europäische Idee im Blick. Und dieser Idee, werter Herr Professor Horn, würde es heute deutlich besser gehen, wenn man auf Ihre "Gegner" gehört hätte. Warum also sollten wir jetzt ausgerechnet wieder auf die hören, die offenbar unter komplettem Realitätsverlust leiden?! Ich bin dagegen, denn wissenschaftliche Auseinandersetzung geht anders, Demokratie übrigens auch. Gut 65 Prozent der deutschen Bevölkerung sind gegen den Rettungs-Wahn, rund 90 Prozent der Abgeordneten stimmen dafür, teilweise trotz eigener bedenken - da stimmt doch etwas nicht, oder?

  • Außer Erhard hat kein Bundeskanler was von wirtschaft verstanden,bzw. haben sich von Gewerkschaften und Staatsbediensteten die Gehirne weichklopfen lassen.
    Alles Schuldenkanzler , die dem Kaynes Mythos verfallen waren bzw. sind.
    shootinggirl.blog.de

  • Immer dies Gerede von Krise. Hätte man die Marktwirtschaft
    das richten lassen , dann wäre jetzt Ruhe. Griechenland pleite, die Deppen, die einem Staat Geld geliehen hatten ,etwas ärmer. Die dot.com Krise ging ja auch schnell vorüber , eben weil niemand eingegriffen hatte. Eine solche effiziente Lösung paßt den Politikern, Gewerkschaften und Wählern der anderen Euro Staaten nicht ,weil diese Lösung auch ein schnelles Ende der auch dort kreditfinanzierten Wohltaten bedeuten würde.
    http://shootinggirl.blog.de/

  • Und ob nach Zahlung die erhoffte Verbesserung der Wettbewerbsfähigkeit Griechenlands überhaupt eintritt, ist dann eine Zockerwette auf die wirtschaftliche Zukunft nicht nur eines Landes.

  • Wenn man den Bock zum Gärtner macht, dann wird er trotzdem bei einer Befragung nur blöken. Dies zu Herrn Horn als Leiter eines gewerkschaftsnahen Instituts. Dass er mit seiner Meinung aber letztendlich den normalen deutschen Steuerzahler für die "Griechenland-Pleite" zahlen lassen will, das ist doch interessant. Denn es wird letztendlich zu einem Totalausfall aller an Griechenland gezahlten Kredite kommen und für den deutschen Anteil steht nun mal der deutsche Steuerzahler gerade und das ist zu einem nicht unerheblichen Teil der deutsche Arbeitnehmer. Welche Interessen vertreten Sie eigentlich, Herr Horn? Jedenfalls nicht die normalen Arbeitnehmer, die in der Zukunft einen erheblichen Mangel an öffentlichen Ausgaben für sinnvolle und notwendige Aufgaben in Deutschland gegenüberstehen werden. Denn der deutsche Staat wird sparen müssen, um die Ausfälle zu kompensieren. Die reichen Griechen werden ihm dann sicher auch keine Anleihen mehr abkaufen, wenn seine eigene Kreditwürdigkeit durch die "alternativlosen" Hilfskredite für Griechenland bei "Ramsch" angelangt ist. Und Griechenland ist so nicht zu retten, nur über Austritt und eigene Währung. Also soll man nicht weiterhin gutes Geld dem schlechten nachwerfen.

  • endlich wird erkannt, dass es höchste zeit ist, dass Deutschland die hohen exporterlöse abbaut. Sollte dies auch noch sozial gerecht erfolgen, sprich; der deutsche arbeitnehmer für seine geleistete arbeit auskömmlich bezahlt werden, so wäre dies geradezu der durchbruch gesellschaftverträglichen wirtschaftlichen denkens.
    Als deutscher arbeitnehmer lebe ich seit 10 j. im benachbarten Frankreich. Während dort für vergleichbare arbeit der kaufkraftzuwachs um ca 20% zunahm, ist meine kaufkraft um ca 10% gesunken.
    Was nützt lohnzurückhaltung, wenn dadurch der binnenmarkt in Deutschland stagniert, die einkommen der oberschicht in unzulässigem masse ansteigen und nunmehr durch ausgleichszahlungen an schwache euroländer exporterlöse abgebaut, aber auch der mittelstand geschröpft wird.
    Wie verfehlt unsere heutige lohnpolitik im hinblick auf deren auswirkung für den euroraum ist, möchte ich an einem kleinen beispiel festmachen.
    Zu DM-zeiten (ohne dass ich der DM das wort reden möchte) verdiente ein deutscher arbeitnehmer in relation zu griechischen urlaubsparadiespreisen immerhin so gut, dass er sich einen urlaub dort leisten konnte. Der arbeiter hatte seine vergnügliche erholung, der griechische dienstleister konnte auskömmlich leben. Dieser finanzumverteilungsprozess führte zu einer durchaus volkswirtschaftlich interessanten ausgleichsfunktion in milliardenhöhe.
    Das waren noch zeiten, als wir noch finanz/wirtschaftspolitiker hatten, die von wirtschaft etwas verstanden, die noch die werte eines rheinischen kapitalismuses hochhielten!!

  • @Wahnsinn_mit_Methode
    Das ist nur die Hälfte der Wahrheit, was scliesslich schlimmer als eine Lüge ist. ZB:

    "...80 Prozent der Griechen haben eigene vier Wände..."
    Ich zweifle, dass diese Nummer stimmt, ist aber auf jeden Fall höher als sonst (EU). Dazu 2 Fakten:
    1. Viele erbten oder bauten ein Haus im Dorf, dass wenig Verkaufswert hat.
    2. Die durchschnittliche gr Familie verzichtete (ab den '60-'70) auf Ferien, Autos usw. um mit Hilfe von BSV den Traum der eigenen Wohnung zu realisieren. Es ist einfach eine andere Mentalität, als in D, wo es sogar "Winterferien" (!) gibt und man teure Autos kauft, statt für das Alter und für die Kinder zu sparen.

    "...die griechischen Löhne stiegen in den vergangenen Jahren unaufhaltsam..."
    Stimmt! Aber die Inlation (insbesondere mit der Euro-Einführung) vernichtete den grössten Teil diesen Steigerungen. Und schließlich blieben die Lohnen vergleichsweise (in der EU) niedrig.

    "...13. und 14. Arbeitslosengeld für Weihnachten und Ostern..."
    Glauben Sie mir, sie möchten nicht Arbeitslose in Gr sein! Das Sozialhilfe-System ist ein Witz!
    (übrigens: warum sind hier die Meisten gegen den 13. & 14. Gehalt in G? Die gr Arbeitgeber sind DAFÜR, die Wissenschaftler auch... Kann man hier überhaupt verstehen wie es ist, Weihnachten zu warten um Kleidung & Schuhe kaufen zu können, oder sogar die Steuer-Berge zu zahlen?)

    Ich könnte so weiter bei (fast) allen, von was Sie geschrieben haben, eine andere Seite schreiben, muss ich aber bald leider Schluss machen. Also nur eins noch:
    Glauben Sie ernst, oder irgendjemand in D, dass Gr (& der Süden überhaupt) der Himmel für Rentner & Arbeitnehmer ist, der Sie beschrieben haben? Dass die Meisten ein lockeres Leben führen? Fragen Sie Mal diejenigen, die lieber auf Freunde & Familie verzichtet haben, und im Ausland ein neues Heimat ausgesucht haben, wo sie endlich gute Arbeitsbedingungen haben um produktiver zu werden und anständige Lohne.

  • Nein, die Grundlagen für die derzeitigen Geldvernichtungsorgien haben Eichel, der Griechenland reingelassen, und Steinbrück, der die Bankenkrise im Schulterschluss mit Asmussen verursacht hat, gelegt, alle SPD. Was nicht heißt, dass ich Merkels Wahnsinnskurs goutiere.

  • Nein, den Vergleich mit Horn hat der geniale Keynes nun wirklich nicht verdient, der niemals für ein tumbes Verfrühstücken von Geld durch Umverteilung eingetreten ist, sondern stets erheblich differenzierter argumentiert hat und zudem vor dem Hintergrund seiner Zeit zu bewerten ist. Wenn ihn Dünnbrettbohrer aus dem Zusammenhang gerissen verkürzt und teilweise grob falsch zitieren, kann man das Keynes nicht anlasten. Schon zu Lebzeiten hat er die Dummheit und Verlogenheit seiner Nachahmer geahnt und geschrieben: "Gott schütze mich vor den Verzerrungen meiner Adapten." Also immer schön sachlich bleiben. Ihre Horn-Kritik teile ich.

  • Es stimmt, dass die griechischen Oligarchen noch immer keine Steuern zahlen und ihre Gelder aus Griechenland abgezogen haben, was die deutschen Immobilienpreise steigen lässt. Aber so unschuldig und ausgeplündert ist auch der griechische Durchschnittsbürger keineswegs. Hier ein paar Beispiele: Die Steuerlast für einen Niedriglohnempfänger ist in Deutschland höher; 80 Prozent der Griechen haben eigene vier Wände, in Deutschland nicht einmal die Hälfte; die griechischen Löhne stiegen in den vergangenen Jahren unaufhaltsam. Allein von 2003 bis 2008 um jährlich fünf Prozent. In Deutschland gab es eine Reallohnsenkung. In Griechenland gibt es ein 13. und 14. Arbeitslosengeld für Weihnachten und Ostern. Höchstrente in Deutschland 2200 Euro. Höchstrente Griechenland (wo sie vererbt und auch noch nach dem Tod des Rentners weitergezahlt wird) laut Eurostat 2773 Euro. Rentner in Griechenland müssen keine Krankenversicherung bezahlen. Schulkindern wird bei der Klassenreise der Aufenthalt in einem teuren Hotel bezahlt. Bisher gab es für Schulkinder in jedem Jahr brandneue Schulbücher, umsonst natürlich. Hier hat man jetzt gestrichen. Krankenversicherte haben alle paar Jahre einen Anspruch auf eine mehrtägige Reise. Die Kosten für Fahrt und 4- oder 5-Sterne-Hotel werden bis auf einen kleinen Teil erstattet. Diesen Sozialtourismus gibt es noch. Zusätzlich zu den Renten oder Gehältern gibt es einen Betrag, der auf Antrag monatlich gezahlt wird. Den Betrag gibt es bei Bedürftigkeit. Diese allerdings wird nie geprüft. Der Betrag wurde für die Zukunft gekürzt. Kindergeld gibt es bis in alle Ewigkeit und NICHT nur bis zum 18.Lebensjahr. Einmal Eltern, immer Eltern. Usw. usw. Also, viel Mitleid habe ich mit diesen Leuten, die auf uns als ihre Zahlmeister rumtrampeln, die letzte Wirtschaftskraft des eigenen Landes durch Streik und Vandalismus lahmlegen und zerstören und dennoch verbreiten, sie seien arme Opfer, nicht.

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