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Gastkommentar Von unseren europäischen Nachbarn lässt sich lernen

Europa steht vor vielen offenen Fragen und gesellschaftlichen Problemen. Der Blick über die Grenzen kann helfen, eine besser Zukunft zu gestalten.
  • Frank Appel
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Der Autor ist Vorstandsvorsitzender der Deutschen Post. Quelle: dpa
Frank Appel

Der Autor ist Vorstandsvorsitzender der Deutschen Post.

(Foto: dpa)

Wir leben in einer Zeit, in der sich jeder Bürger Europas fragen muss, welche Zukunft wir für unseren Kontinent wollen. Die Europabegeisterung früherer Jahre ist verflogen. Vielerorts herrscht Nervosität vor. Jeder spürt, dass wir in einer Periode des Übergangs leben – und zwar sowohl auf lokaler, regionaler, nationaler, europäischer wie auch auf weltweiter Ebene.

Die Hauptfrage, die wir jetzt beantworten müssen, lautet wie folgt: Inwieweit bereichern die EU und die größere Vernetzung innerhalb Europas unser persönliches Leben? Und macht die EU unsere Gesellschaften und Länder stabiler?

Im Lebensalltag hat die EU den Bürgern ihrer Mitgliedstaaten viel zu bieten. Das Problem besteht darin, dass Kernelemente wie der Binnenmarkt oder die einheitliche Währung entweder als selbstverständlich betrachtet oder aber von den Bürgern als „zu abstrakt“ wahrgenommen werden.

Daher muss Europa mehr Entschlossenheit zeigen, um sich der dringenden Probleme anzunehmen, mit denen die Menschen in ihrem Alltag zu kämpfen haben. Themen wie bezahlbare Wohnungen und kostengünstige öffentliche Verkehrsmittel, bessere Kinderbetreuung, ein smartes System der beruflichen Ausbildung für die junge Generation, der Umgang mit der Digitalisierung, die Sicherstellung von lebenslangem Lernen und die Gewährleistung eines finanziell gesicherten Ruhestands.

Das Problem, mit dem die EU in dieser Hinsicht zu kämpfen hat, ist, dass die meisten dieser Aufgaben als „innenpolitische“ Themen betrachtet werden. Brüssel und die EU können hierfür so gut wie keine Lösungen anbieten, und zwar vor allem, weil diese Aufgaben zumeist nicht in den Zuständigkeitsbereich der EU fallen.

Wer an dieser Stelle ansetzt, wird schnell erkennen, dass für viele EU-Länder der beste Ort in einem anderen europäischen Land liegen könnte, um nach neuen und praktikablen politischen Ideen für zu Hause anstehende Probleme zu suchen.

Grenzüberschreitendes Lernen und die Bereitschaft, sogenannte „Best Practices“ aus dem Ausland zu übernehmen, sind die bisher viel zu wenig beachtete Dimension der europäischen Integration. Hierbei geht es nicht um Koordination oder Regelsetzung durch Brüssel, sondern darum auszuloten, welches Nachbar- beziehungsweise EU-Mitgliedsland bei welchem Sachthema smartes Politikmanagement betreibt.

Problemlösungspartnerschaften fördern

So haben die Österreicher in ihrer Hauptstadt kluge Wege gefunden, um eine ausreichende Versorgung mit bezahlbarem Wohnraum zu gewährleisten. Den Schweden ist es schon vor einigen Jahrzehnten gelungen, auf nationaler Ebene eine CO2-Steuer einzuführen und so ihre Emissionen zu senken, ohne dass dies ihre Exportwirtschaft beeinträchtigt hätte.

Von den Esten kann der Rest der EU viel über die Machbarkeit und Effizienz des E-Governments lernen. Andere EU-Länder könnten von Elementen des deutschen Lehrlingsausbildungssystems profitieren. Und die Niederländer zeigen den Weg auf, wie man ein Rentensystem generationsübergreifend auf eine gerechtere und nachhaltigere Basis stellen kann.

Natürlich spiegeln diese Lösungen oft spezifische Bedingungen in einem bestimmten Land wider. Engagierten EU-Partnerländern können diese Ansätze bei entsprechender Anpassung dennoch clevere Ideen für die Lösung der Probleme liefern, mit denen sie zu Hause zu kämpfen haben.

EU-weit sollten möglichst viele solcher Problemlösungspartnerschaften gefördert werden. Diese Art der Aktivierung von zwischengesellschaftlicher Intelligenz hat nicht nur den Vorzug, dem europäischen Projekt neues Leben einzuhauchen. Vor allem kann sie den immer öfter an die Politik gerichteten Vorwurf entkräften, sich nicht hinreichend um die wesentlichen Probleme der Menschen zu kümmern.

Grenzübergreifendes Lernen kann sich auch auf Projekte auf lokaler und regionaler Ebene erstrecken. Auf diese Weise wird aus dem bisherigen Netzwerk der europäischen Gemeinschaft eine potenziell recht breit gestreute Gemeinschaft von Netzwerken auf allen Ebenen Europas.

Damit dies mit Dynamik gelingen kann, sollten wir alle – Bürger wie Politiker – stärker als bisher bereit sein, uns so zu verhalten, wie wir als Touristen in andere Länder Europas reisen. Im Ausland schauen wir oft neugierig auf die Praktiken anderer Länder und sind fasziniert von bestimmten Aspekten ihrer Lebensweise.

Wir denken sogar darüber nach, die attraktivsten davon in unseren eigenen Alltag zu Hause zu übertragen. Wir sollten diese Art von Offenheit und Wissbegierde nicht nur den Ferienzeiten vorbehalten.

Mehr: Die Europawahl war eine Schicksalswahl für den Kontinent. Welche Visionen für ein besseres Europa jetzt umgesetzt werden sollten.

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