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Gastkommentar Warum Corona den Zusammenhalt in Europa nicht gefährden darf

Zwei Meter Abstand müssen sein, aber „soziale Distanz“ darf es nicht geben. Europa kann nun stärker und digitaler werden – am Ende profitiert die Gesellschaft.
  • Kai Beckmann
02.04.2020 - 18:09 Uhr Kommentieren
Kai Beckmann ist Geschäftsleitungsmitglied von Merck und Präsident des Bundesarbeitgeberverbandes Chemie (BAVC) Quelle: Merck
BAVC-Präsident Kai Beckmann

Kai Beckmann ist Geschäftsleitungsmitglied von Merck und Präsident des Bundesarbeitgeberverbandes Chemie (BAVC)

(Foto: Merck)

Die Corona-Krise hat uns hart erwischt. Corona hat aber nicht nur die Lage in Norditalien, Spanien, Frankreich und mittlerweile auch den USA, Deutschland und vielen anderen Ländern dramatisch verschärft – Kollaps der Krankenhäuser, Friedhofskapellen voller Särge, Ausgangssperren und Hamsterkäufe – nein, Corona verändert gerade unser gesamtes Leben und unser Bild von Europa und der Welt.

Europa: Unser gemeinsames Europa, das Europa des einheitlichen Binnenmarktes und der weggefallenen Binnengrenzen, ist auf einmal ein Trümmerhaufen. Grenzkontrollen und geschlossene Grenzen im Inneren, Ausfuhrverbote für medizinische Güter auch in befreundete EU-Staaten, ein unübersehbarer Flickenteppich von nationalem, regionalem und lokalem Entscheidungswirrwarr – innerhalb der letzten Wochen ist alles möglich, was man sich nie hätte vorstellen können. Der entstandene Trümmerhaufen wird nur in sehr kleinen Schritten und zögerlich aufgeräumt.

Und trotzdem gibt es zu einem gemeinsamen Europa keine Alternative. Aus meiner Sicht wird das Versagen der europäischen Institutionen und Regeln nur in ein stärkeres Europa münden können. Gerade Corona macht doch deutlich, dass nationale Lösungen in einer globalisierten Welt nicht tragen. Die Erkenntnis wird sich auf der politischen Bühne nicht direkt nach Corona und auch nicht automatisch durchsetzen.

Es wird Zeit brauchen, und wir müssen aktiv etwas dafür tun. Ein starkes Europa kann Epidemien wie Corona nicht verhindern. Aber auch im Gesundheitsbereich müssen wir eben stärker europäisch denken, Abhängigkeiten reduzieren und eine bessere Versorgungssicherheit garantieren - und damit allen europäischen Bürgern eine größere Sicherheit bieten.

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    Wirtschaft: Die Corona-Krise hat Millionen von Menschen in Europa auf einen Schlag in eine neue Arbeitswelt katapultiert. Das magische Wort heißt „Homeoffice“. Auf vielen Konferenzen diskutiert, arbeitsrechtlich durchleuchtet, zwischen Gewerkschaften und Arbeitgebern verhandelt – von einem Tag auf den anderen ist Homeoffice flächendeckende Realität.

    Digitale Unternehmen im Vorteil

    Und es funktioniert erstaunlich gut. Das wundert uns bei Merck nicht – schließlich ist Homeoffice bei uns schon seit mehr als sieben Jahren Realität. Aber viele andere betreten hier gerade Neuland. Corona hat die europäische Gesellschaft in wenigen Tagen in die Realität von Arbeit 4.0 und Industrie 4.0 geführt. Ich hätte mir wirklich gewünscht, dass dies aus anderen Gründen als Corona geschieht.

    Eine Erkenntnis ist auch, dass Unternehmen, die schon vorher stark auf Digitalisierung gesetzt hatten, in Zeiten der Krise einen echten Vorteil haben. Sie können besser und schneller reagieren. Die Unternehmen der Chemieindustrie sind dabei besonders gut aufgestellt.

    Viele Jahre der guten Sozialpartnerschaft mit den Gewerkschaften, die umfangreichen Modellprojekte, die frühzeitige Umsetzung und nicht zuletzt die Investitionen in die digitale Infrastruktur haben Früchte getragen.

    Digitalisierung wird in Zukunft stärker denn je als Vorteil gesehen werden können. Eine Pandemie in der wirklichen Welt hat der digitalisierten Arbeitswelt zum endgültigen Durchbruch verholfen.

    Miteinander: Corona hat aber nicht nur Europa und die Arbeitswelt verändert und wird dies noch weiter tun, Corona stellt auch unser menschliches Miteinander und das gesellschaftliche Zusammenleben auf eine harte Probe. Isolation, Quarantäne, Einreisestopp, Verzicht auf Umarmungen und Händeschütteln – all das verändert unsere Einstellung zu den Mitmenschen.

    Wenn das Gegenüber nicht mehr als Freund, Nachbarin oder Helfer wahrgenommen wird, sondern als potenzielle Gefahr, dann geschieht etwas mit uns. Trauriger Höhepunkt der Debatte war der politische Apell, auf „soziale Kontakte zu verzichten“.

    Sichtbar mehr Solidarität

    Welch gefährliches und geradezu gesellschaftspolitisch giftiges Missverständnis. Zwei Meter Abstand von anderen zu halten, ist keine große Herausforderung. Diese physische Distanz ist gegenwärtig nicht nur sinnvoll, sondern für viele sogar überlebensnotwendig. Aber eine „soziale Distanz“ darf es nicht geben.

    Ich bin sehr froh, dass gerade die Krise auch zu zahlreichen sehr schönen Initiativen führt. Familien finden näher zueinander, Nachbarn greifen Menschen aus sogenannten Risikogruppen unter die Arme, kaufen für diese ein. Neben Abschottung und Isolation gibt es also auch viel Hilfsbereitschaft und ein gesellschaftliches Zusammenwachsen. „Soziale Distanz“ hingegen ist sprachlich einfach nur gefährlicher Nonsens.
    Die gesundheitlichen Gefahren von Corona waren und sind unübersehbar, die wirtschaftlichen und finanziellen Folgen werden uns eine ganze Zeit beschäftigen, und die gesellschaftlichen Konsequenzen werden sehr lange nachwirken. Aber wie immer: Betrachtet man Krisen mit ein wenig zeitlicher Distanz, so erkennt man häufig, dass man aus Krisen gestärkt und nicht geschwächt hervorgeht.

    Das gilt für einzelne Individuen ebenso wie für ganze Gesellschaften. Meine Prognose heute: Wir werden Europa stark machen, auch wenn es ein wenig dauert. Wir werden Digitalisierung und neue Arbeitsformen schneller umsetzen denn je und damit unsere Wirtschaftskraft nachhaltig ausbauen. Wir werden aus dem Schock lernen, das gesellschaftliche Miteinander stärken und Wichtiges und Unwichtiges wieder besser auseinanderhalten können.

    Mehr: Die Menschheit nach Corona wird eine andere sein: digitaler, isolierter, nationaler. Doch wird sie auch glücklicher sein – ein Kommentar.

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