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Facebook-Coin Libra

Libra stößt auf den Widerstand von drei Gruppen, die alle das Kreditgeldwesen in seiner jetzigen Form zum Schutz ihrer Interessen erhalten wollen.

(Foto: Reuters)

Gastkommentar Warum die Furcht vor Facebooks Libra übertrieben ist

Facebooks Kryptowährung hat das Potenzial, die Finanzwelt komplett umzukrempeln. Für Nutzer könnte die Libra ungeahnte Möglichkeiten eröffnen.
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Vor wenigen Wochen veröffentlichte eine Gruppe von 28 von Facebook angeführten Unternehmen ein Weißbuch, das in der Kryptowelt für Aufsehen sorgt. Darin schlagen sie die Einführung einer neuen digitalen Währung namens Libra vor. Die Gruppe verspricht „eine stabile Währung, die auf einer sicheren und stabilen Open-Source-Blockchain basiert“. Eine Abdeckung mit Vermögenswerten. Und eine Verwaltung durch eine unabhängige Vereinigung.

Angesichts der Unterstützung durch namhafte Unternehmen – vom Kreditgartenanbieter Visa bis zum Mobilfunkanbieter Vodafone – erscheint dies als der wichtigste Anlauf zur Einführung einer neuen Kryptowährung seit der Schaffung von Bitcoin vor einem Jahrzehnt. Doch die Folgen könnten diesmal viel weitreichender sein.

Libra ist als „stable coin“ konzipiert, das heißt als Krypto-Währung, die voll durch Vermögenswerte gedeckt wird. Ihre Kaufkraft wird nicht durch Angebot und Nachfrage nach der Währung selbst bestimmt (wie bei Bitcoin), sondern durch die sie stützenden Vermögenswerte. Dafür dient ein Korb von bestehenden „Fiat“-Währungen, die von Zentral- und Geschäftsbanken geschaffen wurden, und die international konvertierbar, liquide und kaufkraftstabil sind.

Somit werden sich Veränderungen des Libra-Wechselkurses gegenüber einer der Korbwährungen im Verhältnis zur Bewegung dieser Währung gegenüber einer anderen Korbwährung ergeben. Und die Veränderung des Wechselkurses einer anderen Währung gegenüber Libra entspricht ihrer Bewegung gegenüber dem Währungskorb. Die Libra Geldmenge wächst mit den Käufen der Nutzer, die dafür konventionelles Geld verwenden.

Libra wird von den Mitgliedern der „Libra Association“ ausgegeben und verwaltet. Die Mitgliederzahl von zunächst 28 Unternehmen soll im Laufe der Zeit auf rund 100 steigen. Facebook wird in Zukunft die gleichen Verpflichtungen, Privilegien und finanziellen Verpflichtungen haben wie jedes andere Gründungsmitglied auch.

Bei der Gründung der Vereinigung spielte der Tech-Konzern eine Schlüsselrolle. Mit Calibra rief Facebook eine regulierte Tochtergesellschaft, um die Trennung zwischen Sozial- und Finanzdaten zu gewährleisten und in seinem Namen an der Libra Association teilzunehmen. Damit beweist das US-Unternehmen Weitblick und bindet große Anbieter von Zahlungssystemen, mobilen Netzwerken und Mikrokrediten ein.

Schnelligkeit und Präzision

Hierdurch wiederrum stehen sie für Krypto-Währungsprojekte etwaiger Konkurrenten wie Amazon, Apple oder Google nicht mehr unmittelbar zur Verfügung. Allerdings wird nach dem aktuellen Stand Calibra zumindest für eine gewisse Zeit der einzige Wallet-Anbieter sein, was trotz der Trennung von der Mutter Fragen nach der Datenkontrolle aufwirft.

Die Libra-Blockchain ist ein neues Konstrukt, das die für Schnelligkeit und Präzision geschätzte Programmiersprache „Rust“ verwendet. Für die Benutzer der Blockchain wird – ähnlich wie mit „Solidity“ bei Ethereum – eine spezielle Programmiersprache namens „Move“ entwickelt. Es handelt sich um eine „permissioned blockchain“, die es ermöglicht, neben den Mitgliedern der Libra Association auch andere Betreiber für die Validierung von Transaktionen zu beauftragen.

Die Blockchain soll schon in naher Zukunft in der Lage sein, eine große Anzahl von Transaktionen in kurzer Zeit abzuwickeln, wie sie für die Bedienung von Milliarden von Konten benötigt wird. Die aktuell publizierten 1000 Transaktionen pro Sekunde liegen allerdings noch weit entfernt von den 56.000 Transaktionen im VISA Netzwerk.

Die Nutzung von Libra für Geldtransfers ist nicht mit Gebühren belastet und ermöglicht es den Nutzern, Transfers unter Pseudonymen durchzuführen, die ihre reale Identität für Außenstehende nicht erkennen lassen. Allerdings ist zu erwarten, dass an den Schnittstellen zum traditionellen Zahlungsverkehr unter Geldwäsche- und Know-Your-Customer-Regulierungen Identitäten geprüft werden.Die Architektur der Blockchain ermöglicht mit entsprechenden Schnittstellen einfache und schnelle Anbindungen mit einer Zeile Code an Webshop

Die Architektur der Blockchain ermöglicht mit entsprechenden Schnittstellen einfache und schnelle Anbindungen, so dass jeder Kiosk kurzfristig in der Lage sein könnte, Libra als Zahlungsmittel zu akzeptieren. Sollte sich Facebooks Kryptowährung schnell etablieren, würde sich im Internet der Dinge und in der Industrie 4.0 die Möglichkeit ergeben, Warenströme an Maschine-zu-Maschine Zahlungen zu koppeln.

Dies könnte dazu genutzt werden, um Warenströme zu dokumentieren (Supply Chain Track-und-Trace) und in einem weiteren Schritt die darin enthaltenen Informationen aus- und weiter zu verwerten. Wenn man den Gedanken etwas weiterspinnt und sich vorstellt, dass wesentliche Zahlungs- und Warenströme auf der Libra-Blockchain dokumentiert und abgewickelt werden, ergeben sich auch ungeahnte Möglichkeiten für die Analyse.

Wertstabil und liquide

Zahlt zum Beispiel eine große Firma drei Tage später als üblich, könnten Finanzmarktakteure als Käufer der Analysedaten Rückschlüsse auf die Liquidität besagter Firma ziehen. Technisch gesehen sind der Transparenz keine Grenzen gesetzt und nach aktuellem Stand sind Regelungen wie das Bankgeheimnis in Blockchain-Währungen unbeantwortet.

Der Reservepool zur Abdeckung von Libra soll wertstabil und liquide sein. So wird die Vereinigung nur in kurzfristige Schuldtitel von Ländern mit niedriger Inflation und mit geringer Ausfallwahrscheinlichkeit investieren. Es kommen nur Papiere in Frage, die an liquiden Märkten mit einem täglichen Volumen von zehn bis hundert Milliarden Euro gehandelt werden.

Die Zinserträge gehen an die Mitglieder der Libra-Vereinigung. Angesichts der Anforderungen ist es nicht schwer, zu erraten, dass der Währungskorb zur Deckung von Libra hauptsächlich die G7-Währungen (US Dollar, Euro, japanischen Yen, britische Pfund und kanadische Dollar) beinhalten wird. Da die Zinssätze für kurzfristige Verbindlichkeiten in USD, GBP und CAD weiterhin positiv sind, kann der Verband von Anfang an mit Zinserträgen rechnen.

Unter der Annahme, dass die Zusammensetzung der Währung im Wesentlichen die Größe der Volkswirtschaften widerspiegelt, die die Währungen emittieren, würde der jährliche Zinssatz für die Reserve derzeit etwa 0,75 Prozent betragen. Wenn also eine Milliarde Nutzer ein Libra-Wallet im Wert von durchschnittlich 1000 US-Dollar besitzen würden, hätte die Vereinigung eine Vermögensbasis im Wert von 1000 Milliarden US-Dollar und jährliche Zinserträge von rund 7,5 Milliarden US-Dollar. Sie würde wie ein sehr großer Geldmarktfonds aussehen, der für seine Kunden nicht deshalb attraktiv ist, weil er Zinsen zahlt, sondern weil er bargeldlose Zahlungen mit geringen Gebühren ermöglicht.

Drei Gründe, warum Libra für Nutzer sehr attraktiv werden könnte:

  1. Sie bietet kostengünstige Peer-to-Peer-Geldtransfers in beliebiger Höhe und über jede Entfernung.
  2. Sie bietet ein stabiles Instrument zur Wertaufbewahrung mit geringen Risiken aus Wechselkursschwankungen des Reservekorbs (wenn auch ohne Zinsen).
  3. Sie könnte sich zur Rechnungseinheit entwickeln, wenn Lieferanten auf globalen Handelsplattformen sich dafür entscheiden, ihre Waren in Libra zu bepreisen.

Facebook blickt zudem auf starkes Kundenpotenzial. Während andere Vereinigungsmitglieder wie Visa und Mastercard allein 1,6 Milliarden Nutzer haben, sind es bei dem sozialen Netzwerk bereits 2,7 Milliarden. Damit hätte der Facebook Coin eine deutlich höhere Reichweite als eine der bestehenden Währungen.

Für eine schnelle Verbreitung sprechen nicht nur die Erfahrungen der Initiatoren in programmatischen Schnittstellen und die damit verbundenen Web-Technologien (die populäre JavaScript Erweiterung REACT wurde von Facebook entwickelt). Auch die Beteiligung von Zahlungssystem-Anbieter kann als Flucht nach vorne gesehen werden: Anstatt von Blockchain-basierten Zahlungssystemen überrannt zu werden, nehmen diese jetzt als Betreiber der Validator-Nodes die Rolle ein, die sonst Geschäftsbanken in der klassischen Abwicklung von Zahlungen zukommt.

Dagegen stößt Libra auf den Widerstand von drei Gruppen, die alle das Kreditgeldwesen in seiner jetzigen Form zum Schutz ihrer Interessen erhalten wollen. Geschäftsbanken befürchten, dass sie Kunden verlieren, wenn Libra zum bevorzugten Mittel für Transaktionen wird. Die Zentralbanken befürchten, dass ihre Fähigkeit, die Wirtschaft zu steuern, nachlassen wird, wenn ein erheblicher Teil der ausstehenden Geldmenge durch kurzfristige Staatskredite gedeckt wird. Und Politiker befürchten, dass sie von einem Großkreditnehmer abhängig werden, der nur an kurzfristigen Schatzwechseln zur Finanzierung der Staatsausgaben interessiert ist.

Übertriebene Befürchtungen

Daher nehmen diese Gruppen eine von Natur aus skeptische Haltung gegenüber Libra ein und stellen mögliche Probleme in den Vordergrund. Aus ihrer Sicht könnte Libra die Geldwäsche, Zahlungen für kriminelle Aktivitäten und den Missbrauch privater Daten erleichtern, die Nutzer finanziellen Risiken aussetzen und Gefahren für das Finanzsystem schaffen, indem ein großer Bestand an Finanzanlagen entsteht und die Wirksamkeit der Geldpolitik untergraben wird.

Viele dieser Befürchtungen sind jedoch übertrieben. Libra dürfte für Geldwäsche und kriminelle Aktivitäten nicht anfälliger sein als das bestehende Bar- und Bankengeld. Datenschutz ist ein allgemeines Problem in der digitalen Wirtschaft und nicht auf digitales Geld begrenzt. Geldpolitik hat ihre Wirkungskraft auch ohne Libra schon in erheblichem Maße eingebüßt und hoch verschuldete Staaten hängen heute schon vom guten Willen der Finanzmärkte ab.

Es gibt nur sehr wenige europäische Unternehmen, die in der Lage wären, sich an diesem Projekt zu beteiligen. Aus europäischer Sichte wäre daher zu befürchten, dass die Libra Association von amerikanischen Plattformunternehmen mit globalen Netzwerken dominiert wird. Somit könnte mit Libra eine US-dominierte Weltwährung entstehen, welche die bereits durch die Dominanz des US-Dollars als internationale Reservewährung geschaffene globale Finanzmacht der USA verstärkt.

Gerade das könnte auch ein Grund für die US-Regulierungsbehörden sein, für Libra die Tür nicht zu schließen. Will Europa nicht auch noch von einer US dominierten Kryptowährung abhängig werden, müsste es sich an die Schaffung einer eigenen Kryptowährung machen. Eine andere Möglichkeit als die Emission eines digitalisierten Euro durch die Europäische Zentralbank ist gegenwärtig nicht in Sicht.

Mehr: Facebook will eine eigene globale Kryptowährung einführen. Aufseher und Zentralbanker sind in Alarmbereitschaft, sie fürchten um die Stabilität des Geldsystems. Wie gefährlich ist die Libra?

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