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Gastkommentar Warum die Politik für den Klimaschutz auf digitale Strommärkte setzen muss

Mit einer Maßnahme könnte die Politik mehr für den Klimaschutz tun: Digitale Strommärkte. Doch die Politik scheut sich Geld in die Entwicklung zu investieren. Das muss sich ändern.
  • Prof. Dr. Jens Strüker
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Das Zeil einen digitalen Strommarkt mit Millionen von Teilnehmern aufzubauen, ist anspruchsvoll. Quelle: dpa
Braunkohlekraftwerk Niederaußem

Das Zeil einen digitalen Strommarkt mit Millionen von Teilnehmern aufzubauen, ist anspruchsvoll.

(Foto: dpa)

Neben dem Emissionsrechtehandel und einer CO2-Lenkungssteuer existiert ein bislang vernachlässigtes Instrument für den Klimaschutz: Digitale Strommärkte. Erzeuger, Verbraucher und intelligente Speicher können hier gemäß ihren Präferenzen automatisiert und damit in Echtzeit am Stromhandel teilnehmen. Dynamische Preissignale erlauben so, die Nachfrage und das schwankende Angebot aus Wind und Sonne effizient in Einklang zu bringen.

Darüber hinaus versprechen digitale Strommärkte eine enge Verzahnung der Sektoren Strom, Wärme und Verkehr. Hierbei gilt: Je mehr Teilnehmer und je häufiger die Interaktionen, desto kostengünstiger, wirkungsvoller und klimaschonender ist das Energiesystem.

Bei der Digitalisierung der Strommärkte ist Tempo gefragt: Bis 2030 werden Anlagen mit einer Leistung von 37 Gigawatt aus der Förderung entsprechend dem Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) ausscheiden. Dies entspricht über 40 Prozent aller installierten EEG-Anlagen. Heute speisen diese ihren Strom gegen eine fixe Vergütung in die Stromnetze ein. Nach dem Ende der Förderung resultiert aus der Kombination von Wartungs- und Instandhaltungskosten sowie sinkenden Vermarktungserlösen ein starker wirtschaftlicher Anreiz zum Eigenverbrauch vor Ort oder zur Stilllegung der Anlagen. Beides würde unweigerlich dazu führen, dass den Märkten Strommengen und somit wichtige Liquidität entzogen wird.

Angesichts des wachsenden Strombedarfs im Wärme- und Transportbereichs ist dies wenig zielführend. Speisen beispielsweise vollgeladene Photovoltaik-Heimspeicher bei entsprechender Nachfrage keinen Strom in die Netze ein, dann müssen zusätzliche Kraftwerke oder Speicher zur Deckung des Strombedarfs vorgehalten werden. Die Folge sind höhere Gesamtsystemkosten und ein erhöhter CO2-Ausstoß.

Bit für Bit in die Echtzeit-Energiewirtschaft

Wenn also mehr Marktteilnehmer zu einem effizienteren Energiesystem führen, dann sollten wir die Strommärkte öffnen und den Millionen von Akteuren wie dezentralen erneuerbaren Anlagen, Wärmepumpen, stationären Stromspeichern und Elektrofahrzeugen einen digitalen Marktzugang ermöglichen. Dies gilt auch für strombetriebene, internetfähige Maschinen und Geräte jeder Größe.

Der Autor ist Direktor des Instituts für Energiewirtschaft (INEWI) an der Hochschule Fresenius in Frankfurt. Quelle: Twitter/ Jens Strüker /Hochschule Fresenius John M John
Prof. Dr. Jens Strüker

Der Autor ist Direktor des Instituts für Energiewirtschaft (INEWI) an der Hochschule Fresenius in Frankfurt.

(Foto: Twitter/ Jens Strüker /Hochschule Fresenius John M John)

Das Leitbild lautet: Autonomie statt Autarkie. Anlagen sollen nach Nutzerpräferenzen automatisiert entscheiden können, wann sie in welchem Umfang an den Märkten teilnehmen. Genau dies ist heute technisch nicht umgesetzt: Ein kleiner industrieller Stromspeicher kann beispielsweise nicht innerhalb von Minuten zwischen Eigenverbrauch, netzstützenden Maßnahmen oder der Teilnahme am Großhandel wechseln. Technologien wie Machine Learning, 5G oder Blockchain ermöglichen eine solche aktive Strommarktteilnahme und damit die Digitalisierung der Strommärkte.

Bausteine für ein marktwirtschaftliches Zielmodell

Die deutsche Energiepolitik hat mit dem „Gesetz zur Digitalisierung der Energiewende“ im Jahr 2016 nur einen sehr kleinen Schritt in Richtung digitale Strommärkte unternommen. Denn anders als der Name verspricht, beschränkt sich das Gesetz auf die Einführung digitaler Stromzähler. Die Freiheitsgrade, die die Digitalisierung für die Weiterentwicklung von Energiemärkten verspricht, spielen hingegen keine Rolle.

Die Studie „Digitale Echtzeit- Energiewirtschaft“, die das Institut für Energiewirtschaft (INEWI) für das European Energy Lab 2030 des Wirtschaftsrats der CDU verfasst hat, soll die überfällige Diskussion über die Bausteine eines marktwirtschaftlichen Zielsystems anstoßen. Konkret werden Maßnahmen vorgeschlagen, wie die digitale Infrastruktur und die Marktordnung anzupassen sind, um einen offenen Marktzugang und eine Vielfalt von Märkten zu erreichen.

Schnellboote für die Förderung angewandter Forschung

Das Ziel digitaler Strommärkte mit Millionen von Teilnehmern mag anspruchsvoll sein. Die offenen Fragen reichen von technischer Interoperabilität bis zur Integration lokaler Strommärkte. Wir können und sollten uns dem Zielmodell daher durch ein kontrolliertes und konsequentes Testenin vielen kleinen Schritten nähern.

Für die Entwicklung digitaler Strommärkte sind daher insbesondere Förderformate mit kurzen Laufzeiten und einer schnellen Antragsphase geeignet. Diese Schnellboote könnten flexibel auf neue Technologienentwicklungen reagieren und würden großvolumige Fördervorhaben wirkungsvoll ergänzen. Dies alles kostet Geld. Ohne eine rasche Weiterentwicklung der Strommärkte erzeugen wir allerdings vermeidbare CO2-Emissionen und weit höhere Kosten. Die Politik ist nun am Zug. Sie muss nur endlich wollen.

Mehr: Die Energiewende kommt voran: Erstmals wird mehr Strom aus erneuerbaren Energien gewonnen als aus Atomenergie.

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