Gastkommentar: Warum die Strahlkraft „westlicher Werte“ verblasst
Professor Bert Rürup ist Präsident des Handelsblatt Research Institute und Chefökonom des Handelsblatts.
Foto: Uta WagnerIn den Konflikten zwischen den USA, China, Russland und Europa ist oft von „westlichen Werten“ die Rede. Bis in die Neuzeit stand der „Westen“ für das „Abendland“, geprägt von griechischer Philosophie und Christentum. Ab dem späten 18. Jahrhundert traten dann die Errungenschaften der Französischen Revolution – Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit – hinzu. Für den Historiker Heinrich-August Winkler verkörpert „der Westen“ daher in geradezu idealer Weise die Idee von Demokratie, Gewaltenteilung, Rechtsstaat, Meinungsfreiheit und Menschenwürde – den Gegenpol von Diktatur und Autokratie.
Die „Werte des Westens“ gelten als Fixstern für die Entwicklung demokratischer Industriestaaten, die in den vergangenen Jahrzehnten tatsächlich oft durch ein Mehr an Liberalität und Partizipation gekennzeichnet war. Dennoch ist Winklers Diktum gerade aus Sicht eines Historikers überraschend. Denn der europäische Kolonialismus und Imperialismus vom Ende des 15. bis weit ins 20. Jahrhundert spricht eine andere Sprache: nicht die Sprache der Menschenrechte und Menschenwürde, sondern die der gewaltsamen Eroberung, meist blutigen Unterdrückung und Ausbeutung anderer Länder.