Benachrichtigung aktivieren Dürfen wir Sie in Ihrem Browser über die wichtigsten Nachrichten des Handelsblatts informieren? Sie erhalten 2-5 Meldungen pro Tag.
Fast geschafft Erlauben Sie handelsblatt.com Ihnen Benachrichtigungen zu schicken. Dies können Sie in der Meldung Ihres Browsers bestätigen.
Benachrichtigungen erfolgreich aktiviert Wir halten Sie ab sofort über die wichtigsten Nachrichten des Handelsblatts auf dem Laufenden. Sie erhalten 2-5 Meldungen pro Tag.
Jetzt Aktivieren
Nein, danke

Gastkommentar Was Aufsichtsräte von Greta Thunberg lernen können

Im Bewusstsein vieler Aufsichtsräte ist die Umweltfrage noch nicht richtig angekommen – obwohl die Zeit drängt. Deshalb sollten sie auf die Klimaaktivistin hören.
  • Barbara Kux
19.12.2019 - 13:43 Uhr 2 Kommentare
Wie gelingt es dieser 16-jährigen Schülerin, derart große Resonanz zu erzeugen? Quelle: AFP
Greta Thunberg

Wie gelingt es dieser 16-jährigen Schülerin, derart große Resonanz zu erzeugen?

(Foto: AFP)

Rund 240 Millionen in anderthalb Jahren – so viele Treffer bringt die Google-Suche nach „Greta“. In anderthalb Jahren hat es Greta Thunberg weiter als die meisten Filmstars, Fußballer oder Politiker gebracht, ganz zu schweigen von Unternehmensführern, die selten über eine Million Suche-Treffer hinauskommen.

Wie gelingt es dieser 16-jährigen Schülerin, derart große Resonanz zu erzeugen? In den Aufsichtsräten weltumspannender Unternehmen wird das Phänomen Greta durchaus kontrovers gesehen: Von „Die nervt gewaltig!“ über „Was soll das?“ bis hin zu „Respekt!“ reicht das Meinungsspektrum.

Bei allen Kontroversen ist eines sicher: Auch erfahrene Aufsichtsräte können von dieser jungen Frau lernen, wenn sie ganz nüchtern analysieren, worauf das Aufsehen beruht.

Wir nutzen heute so viele natürliche Ressourcen, als hätten wir 1,7 Erden. Seit dem 1. August haben wir dieses Jahr auf Kosten kommender Generationen gelebt. Wenn die Bevölkerung so wächst wie vorhergesagt, werden wir 2030 sogar die Ressourcen zweier Erdkugeln verbrauchen.

Top-Jobs des Tages

Jetzt die besten Jobs finden und
per E-Mail benachrichtigt werden.

Standort erkennen

    Die Folgen der Übernutzung sind unübersehbar, etwa an Überschwemmungen, Stürmen, Hitzewellen und Waldbränden. Im Global Risk Report des Weltwirtschaftsforums nehmen Wetterextreme, das Scheitern des Klimaschutzes und Naturkatastrophen die ersten drei Ränge ein.

    Barbara Kux ist Multi-Aufsichtsrätin. Sie ist außerdem Mitglied des High Level Panels für Dekarbonisierung der EU Kommission.
    Die Autorin

    Barbara Kux ist Multi-Aufsichtsrätin. Sie ist außerdem Mitglied des High Level Panels für Dekarbonisierung der EU Kommission.

    Im Bewusstsein vieler Aufsichtsräte ist die Umweltfrage allerdings noch nicht richtig angekommen. Laut einer Studie des Weltwirtschaftsrats für Nachhaltige Entwicklung steht zwar für 65 Prozent der Unternehmen Nachhaltigkeit auf der Tagesordnung des Managements. Aber nur 22 Prozent der Manager glauben, dass ihr Aufsichtsrat das Thema vollständig beaufsichtigt.

    Laut einer Umfrage von Mazars sehen in Europa freilich erst 53 Prozent der Boardmitglieder einen Business Case für Nachhaltigkeit; und noch weniger Boards wissen, was sie konkret dazu beitragen können. Dabei ist nachhaltiges Wirtschaften ein entscheidender Erfolgsfaktor, weil alle Anspruchsgruppen dies wünschen: Investoren, Mitarbeiter, externe Stakeholder und Kunden.

    Der Druck der Investoren

    Für institutionelle Investoren ist nachhaltiges Investieren selbstverständlich, rund 30 Billionen verwaltetes Vermögen haben diesen Schwerpunkt. Dieser Trend wird sich noch verstärken: Laut der Schweizer Großbank UBS sind zwar 65 Prozent der vermögenden Privatleute überzeugt, dass es wichtig ist, eine bessere Welt zu schaffen, aber erst 39 Prozent legen ihr Geld entsprechend an. Wenn die Investoren die Einhaltung der ESG-Kriterien (Environmental, Social, Governance) als Pflicht betrachten, gilt dies auch für die Unternehmen und ihre Boards.

    Unaufhaltsam ist der Trend zur Nachhaltigkeit aber auch bei den Mitarbeitenden und gerade bei engagierten jungen Talenten, um die sich alle Unternehmen reißen. 60 Prozent der Millennials suchen eine Tätigkeit, die über bloße Gewinnerzielung hinausgehend der Umwelt und Gesellschaft dient. Sie suchen Firmen mit einem überzeugenden Unternehmenssinn und nicht nur einen schönen Titel oder attraktiver Vergütung.

    Im digitalen Zeitalter wachsen auch Einfluss und Vielfalt der externen Stakeholder. Erfolgreiche Unternehmensführer beachten nicht nur die regelgebende Politik und die behördliche Aufsicht, sondern berücksichtigen alle Interessengruppen.

    Der Dialog mit NGOs gehört zwar zum Führungshandwerk, jetzt kommen aber Bewegungen ohne feste Strukturen auf, wie Gretas „Fridays for Future“. Kluge Boards lassen sich vom Vorstand über den Dialog mit den Köpfen hinter dieser grünen Welle berichten und wollen die Meinungsführer auch als Ideengeber.

    Grüne Marktchancen

    Die Kunden geben den Rahmen vor, das gilt für Geschäftskunden wie für Konsumenten. Mit einer App wie ToxFox prüfen sie anhand des Barcodes, ob ein Produkt Schadstoffe oder Allergene enthält. Wenn ja, formuliert die App gleich die Protestmail an den Hersteller. Mit einem Klick erreichen Konsumenten das Unternehmen. Diese neue Durchlässigkeit macht auch vor dem einzelnen Aufsichtsratsmitglied nicht halt.

    Das hört sich für Unternehmen und ihre Aufsichtsräte kritisch an, bietet jedoch auch Chancen. Der Markt für grüne Technologie soll bis zum Jahr 2025 weltweit von 3,2 auf 5,9 Billionen Euro wachsen, 2018 betrug die Steigerung in Deutschland bereits 8,8 Prozent. Felder wie Energieeffizienz, umweltfreundliche Energie, nachhaltige Wasserwirtschaft, Rohstoff- und Materialeffizienz haben sich als Wachstumstreiber etabliert. Hinzu kommen völlig neue Projekte wie etwa biologisch abbaubares Mikroplastik.

    Einige europäische Unternehmen haben ihren Umsatz mit Greentech längst ausgeweitet. Als ich in der Konzernleitung von Philips war, konzentrierten wir uns auf energieeffiziente Beleuchtung und konnten dort den Umsatz von 2002 bis 2007 um den Faktor fünf auf mehr als fünf Milliarden Euro erhöhen. Bei Siemens legten wir den Schwerpunkt auf Greentech und steigerten den Umsatz in fünf Jahren von 19 auf 33 Milliarden Euro.

    Umsatz- und Gewinnsteigerung genügen nicht, wenn man den Menschen in den Mittelpunkt stellt: Bei Philips haben wir damals rauchfreie Öfen und sonnenenergiegespeistes LED-Licht entwickelt und so den Menschen in einfachsten Hütten in Indien und Afrika reine Luft gebracht und abendliches Licht für ihre Schulkinder. Und bei Siemens folgten wir konsequent der Devise, das Potenzial vorhandener Technologien auszureizen, denn schließlich ließen sich damit zwei Drittel des CO2-Problems unserer Welt lösen.

    Jeder Aufsichtsrat sollte diese positive Wirkung betonen, wenn er seine gesetzliche Kontrollfunktion wahrnimmt und auf Nachhaltigkeit drängt, auch wenn die zweistufige deutsche Unternehmensverfassung seine Rolle klar beschränkt. Neben der Aufsicht steht jedoch der Rat. Und diese zweite Funktion sollte er auch bei der Nachhaltigkeit wahrnehmen.

    Beim Dieselskandal von VW mag dem Aufsichtsrat rechtlich nichts vorzuwerfen sein. Für die Gesellschaft, ihre Aktionäre und weiteren Stakeholder reicht dies aber nicht, da die Verfehlungen des Managements offenbar auf einem falschen Wertesystem beruhten.

    Die richtigen Fragen stellen

    Die besten Aufsichtsräte sehen sich als Sparringspartner und bieten neben Kontrolle auch Konsultation. Im digitalen und ökologischen Umbruch kann ein Weiter-so nicht zum Erfolg führen. Aufsichtsräte müssen die Strategie hinterfragen und neue Aspekte einbringen, gerade die Nachhaltigkeit. Die Erfahrung zeigt, dass es oft genügt, die richtigen Fragen zu stellen.

    1. Ist Nachhaltigkeit im Unternehmen nachhaltig verankert? Wie bringt das Unternehmen Ökonomie, Ökologie und soziale Verantwortung in Einklang? Ein guter Aufsichtsrat wird sich nicht mit reinen Pflichtübungen abspeisen lassen. Ihm geht es nicht darum, dass in einem aufwendigen bürokratischen Verfahren ein langer ESG-Fragebogen abgehakt wird. Er wird verlangen, dass Nachhaltigkeit ein integraler Bestandteil der DNA des Unternehmens ist.
    2. Gibt es eine Materialitätsmatrix, die auch im Board diskutiert wird? Werden darin Umfeld, Unternehmen und Stakeholder-Erwartungen hinsichtlich Chancen und Risiken analysiert? Und gibt es einen Maßnahmenkatalog etwa zur Risikominimierung bei globalen Lieferketten? Als Basis für diese Betrachtung eignen sich die 17 Ziele für nachhaltige Entwicklung (SDG) der Vereinten Nationen. Auf welchen ein oder zwei relevanten Zielen liegt der Fokus und warum?
    3. Ist Nachhaltigkeit als Wettbewerbsvorteil in der Strategie abgebildet? Sind grüne Marktchancen und Wettbewerbsvorteile Bestandteil der Unternehmensstrategie? Welche innovativen Technologien und Lösungen bietet das Unternehmen an? Die Mineralöl- und Erdgasfirma Total etwa baut sich zusätzlich einen grünen Sektor mit Solartechnologie und Stromspeichern auf. Welche klaren Ziele (zum Beispiel Greentech-Umsatz), welche Strukturen und Prozesse unterstützen diese neuen Geschäftsfelder? Welche externen Benchmarks dienen zur Erfolgskontrolle wie der Dow Jones Sustainability Index?
    4. Gelten auch langfristige Entscheidungskriterien, um Ökonomie, Ökologie und soziale Verantwortung in Einklang zu bringen – und zu halten? Siemens zum Beispiel ist aus dem Geschäftsfeld Sonnenenergie ausgestiegen, als es langfristig nicht mehr wirtschaftlich war. Der Aufsichtsrat hat bei strategischen Entscheidungen den langfristigen Zeithorizont oft klarer im Auge als das Management.
    5. Wird allumfassend und dennoch knapp Bericht erstattet, ganz nach der Devise „less is more“? Wie kann sich der Aufsichtsrat regelmäßig anhand entscheidender Erfolgsfaktoren über Strategie, Programm und Umsetzungsresultate informieren? Er braucht alle entscheidenden Kennzahlen, nicht nur die rein finanziellen. So können etwa auch die Ergebnisse von Mitarbeiterbefragungen ein guter Indikator für die künftige Performance eines Unternehmens sein.
    6. Wirkt die Unternehmensspitze selbst als Vorbild? In Nachhaltigkeit kompetente und erfahrene Aufsichtsratsmitglieder wissen, wie sie ihren eigenen CO2-Fußabdruck mit einer simplen App messen und durch Kompensationsmaßnahmen verkleinern können.

    Ja, Aufsichtsräte können und sollen von Greta Thunberg lernen. Das Problem des CO2-Ausstoßes duldet keinen Aufschub. Wir müssen jetzt handeln. Aufsichtsräte sollten das Thema ernst nehmen und ihm großen Stellenwert einräumen. Denn, wie wusste schon Molière: Wir sind nicht nur verantwortlich für das, was wir tun, sondern auch für das, was wir nicht tun.

    Mehr: Die Bundesregierung kann die CO2-Einspareffekte des Energie- und Klimafonds nur grob umreißen. Aus Sicht der FDP sind die Mittel nicht effizient eingesetzt.

    Startseite
    Mehr zu: Gastkommentar - Was Aufsichtsräte von Greta Thunberg lernen können
    2 Kommentare zu "Gastkommentar: Was Aufsichtsräte von Greta Thunberg lernen können"

    Das Kommentieren dieses Artikels wurde deaktiviert.

    • Ja - auch Firmenleitungen, also in der Regel kenntnisreiche Leute, sind Kinder ihrer Zeit und nur wenige erkennen die Zeichen der Zeit. Zumal diejenigen Personen, die im Vorstand sind, meist schon überdurchschnittlich alt sind, was kein Nachteil sein muss, aber oft hinsichtlich des Blicks auf die Zukunft sein kann. Mich erinnert das sehr an meine Schulzeit in den 70er Jahren: Die jungen Leute redeten von der Umwelt und für die meisten Älteren waren wir im günstigsten Fall Spinner, oft schon terrorismusnah ("Symphatisanten" war damals das Wort) oder zumindest "nützliche Idioten des Osten" (es war kalter Krieg). Ich erinnnere mich noch, wie wir damals einen Infostand in der Fußgängerzone machten, in dem wir jungen Leute die Einführung eines Altglas-Sammelsystems forderten. Von richtig erregten, meist mittelalten Männern wurden wir Jugendlichen heftigst beschimpft, auch unterhalb der Gürtellinie bzw. des Anstands. Das gab es also auch damals, es gab nur noch kein öffentliches Internet und damit nicht die technischen Möglichkeiten für einen Shitstorm. Heute hochgeehrte Politiker: Schmidt, Kohl und fast alle anderen der damals praktisch allein in Bund und Ländern regierenden Parteien CDU/CSU, SPD und FDP haben das Problem ignoriert oder nur zaghaft in viel zu kleinen Schritten angegangen. Lieber wurden die "langhaarigen" Jugendlichen verlacht, ignoriert oder verunglimpft. Erhard Eppler wurde auch in der eigenen Partei zum Sonderling gestempelt. Auch die Industrie und deren kluge Lenker sind keineswegs vorangegangen. Erst die öffentlichkeitswirksamen Katastrophen, Seveso in Italien, Boehringer in Hamburg, Sandoz/Basel im Rhein, Bhopal in Indien, die vom sauren Regen absterbenden Wälder in den höheren Mittelgebirgen und Tschernobyl in der Sowjetunion haben gezielte, wirksame Politik erzwungen. So ist es heute wieder: Seit über 20 Jahren wird gewarnt und nun, wo die Messungen zeigen, dass es unabweisbar ernst wird, kommt die ältere Generation zu langsam aus dem Quark.

    • Es ist schon erstaunlich wie so eine intelligente Frau so einen Artikel über die heilige Greta schreibt. Entweder haelt sie uns Leser alle für dumm und schwachsinnig oder sie ist dieser Greta Hysterie selbst erlegen. Das hinter der Greta eine Organisation steht die sie bewusst steuert ist doch unumstritten - s. Fahrt mit der DB - eines von vielen Beispielen. Also bitte sachlich bleiben und nicht mit Halbwahrheiten argumentieren. Wie heißt es so schön bei den Presseleuten " wir luegen nicht, wir sagen nur nicht alles was wir wissen, wenn es gerade nicht passt".

    Zur Startseite
    -0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%