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Gastkommentar Wasserstoff ist das Öl der Zukunft

Die europäische Gesellschaft ist im Jahr 2020 von der Sorge um das Klima geprägt. Eine Wiederbelebung der Volkswirtschaft nach Corona bietet Chancen.
  • Robert Schlögl und Holger Lösch
07.05.2020 - 16:40 Uhr Kommentieren
Illustration für den Ehrengast: links: Holger Lösch, Stellv. Hauptgeschäftsführer des Bundesverbands der Deutschen Industrie e.V. (BDI) und rechts daneben: Prof. Dr. Robert Schlögl, deutscher Chemiker und Direktor sowie Wissenschaftliches Mitglied am Fritz-Haber-Institut der Max-Planck-Gesellschaft in Berlin und am Max-Planck-Institut für Chemische Energiekonversion in Mülheim an der Ruhr Quelle: action press / Max-Planck-Institut
Holger Lösch und Prof. Dr. Robert Schlögl

Illustration für den Ehrengast: links: Holger Lösch, Stellv. Hauptgeschäftsführer des Bundesverbands der Deutschen Industrie e.V. (BDI) und rechts daneben: Prof. Dr. Robert Schlögl, deutscher Chemiker und Direktor sowie Wissenschaftliches Mitglied am Fritz-Haber-Institut der Max-Planck-Gesellschaft in Berlin und am Max-Planck-Institut für Chemische Energiekonversion in Mülheim an der Ruhr


(Foto: action press / Max-Planck-Institut)

Mit der Gründung von Standard Oil, dem ersten Ölunternehmen der Welt, im Jahr 1870 begann ein neues Energiezeitalter, das Zeitalter von Öl und Gas. Was heute als Verursacher für den Klimawandel verdammt wird, war damals eine Zäsur, die die Industrialisierung ermöglichte und der Elektrizität zum Durchbruch verhalf.

Das war die Voraussetzung für Wohlstand der breiten Bevölkerung. Heute kennen wir die vielen negativen Nebenwirkungen dieses Durchbruchs. Daher muss die Menschheit nach der digitalen Revolution auch die Art der Erzeugung und Nutzung von Energie komplett revolutionieren.

Zu Beginn des 21. Jahrhunderts wurde diese Revolution‧ durch die verstärkte Erforschung, Förderung und Nutzung von erneuerbaren Energien eingeleitet. Strom aus Wind und Sonne hat mittlerweile einen bedeutsamen Einfluss auf den Energiesektor weltweit genommen.

Doch der Siegeszug der Erneuerbaren ist nicht ansatzweise mit den Auswirkungen der Gründung von Standard Oil vergleichbar, weil es zunächst „nur“ eine zusätzliche Quelle für elektrischen Strom ist. Strom macht allerdings nur rund 20 Prozent des gesamten Endenergieverbrauchs Deutschlands aus. 80 Prozent unseres Endenergieverbrauchs, den wir für Mobilität, Industrie und Wärme verbrauchen, werden bis heute fast ausschließlich von Öl und Gas gedeckt.

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    Dass sich dieses Verhältnis langfristig komplett ins Gegenteil verkehrt, ist keine realistische Annahme. Wir werden nicht alle Prozesse einer Volkswirtschaft mit heimischem oder im Europäischen Binnenmarkt verfügbarem erneuerbarem Strom zu 100 Prozent direkt elektrifizieren können.

    Um ein Industrieland zu bleiben, werden Deutschland und Europa auch in Zukunft im großen Stil Energie importieren müssen. Und das eröffnet eine Menge Chancen.

    Die nächste Stufe der notwendigen Energierevolution wäre also, auch den riesigen Anteil von Gasen und Brennstoffen CO2-neutral zu bekommen. Hierfür kommt wissenschaftlich und technologisch nur Wasserstoff mit seinen vielen Derivaten infrage.

    Wir müssen politisch verinnerlichen, dass es keinen Gegensatz zwischen Wasserstoff und erneuerbarem Strom gibt. Langfristig werden erneuerbarer Strom und Wasserstoff mit seinen Derivaten das Zwillingspaar sein, mit dem der Menschheit die zweite Energierevolution gelingt.

    Warum es dieses Mal anders ist

    Erneuerbar produzierter Strom braucht einen Partner, der seine Schwächen ausgleicht, der ihn speicherbar, transportierbar, importierbar und in allen Sektoren einsetzbar macht. Wasserstoff ist dieser perfekte Partner.

    Schon Jules Verne sagte: „Wasser ist die Kohle der Zukunft.“ Heute sind wir sogar in der Lage zu formulieren, dass Wasserstoff das Öl und Gas der Zukunft sein wird. Doch wird es wieder nur ein Hype um Wasserstoff bleiben? Ab den 70er-Jahren trieb die Angst vor der nächsten Ölkrise, vor dem „peak oil“, die Debatte um Wasserstoff, doch dieser „peak oil“ wird wohl nicht kommen.

    Gesellschaftlich, wissenschaftlich und technologisch hat sich die Ausgangslage für eine erfolgreiche neue Energierevolution dennoch dramatisch verbessert. Drei Dinge sind im Jahr 2020 grundlegend anders: das Bewusstsein für den Klimawandel, die politische Zielsetzung einer Klimaneutralität und die Perspektive auf global verfügbare erneuerbare Energien zu attraktiven Kosten.

    Die europäische Gesellschaft ist im Jahr 2020 nicht durch die Angst um das Öl, sondern von der Sorge um das Klima geprägt. Die Risiken des Klimawandels sind in der gesamten Breite der Gesellschaft, auch in der Industrie, spürbar. Trotz mancher Rückschläge in der internationalen Klimadiplomatie genießt das Thema hohe politische Priorität.

    Mit dem in Europa politisch gesetzten Ziel einer Klimaneutralität im Jahr 2050 ist klar, dass es keine nennenswerten „Restmengen“ an CO2-Emissionen, auch in den besonders schwer zu defossilisierenden Bereichen, geben wird.

    Wenn wir in Zukunft fliegen, unbegrenzte Mobilität genießen, Häuser bauen und vor allem weiterhin eine Grundstoffindustrie betreiben wollen, müssen wir sehr schnell CO2-neutrale molekülbasierte Wege und Verfahren entwickeln und zur Marktreife bringen.

    Die in vielen Regionen der Welt dramatisch gesunkenen und weiter sinkenden Gestehungskosten für erneuerbar erzeugten Strom eröffnen erstmals eine greifbare Perspektive auf eine wirtschaftlich tragfähige globale Wasserstoffwirtschaft.

    Deutschland kann Maßstäbe setzen

    Die Unternehmen der Industrie und die Wissenschaft haben diese Herausforderung angenommen. Wege zeichnen sich ab, doch diese Wege werden nicht einfach, und die Prognosen über den dafür notwendigen Wasserstoff sind atemberaubend und sprengen jeden national oder europäisch vorstellbaren Rahmen.

    Daher muss Deutschland mit Europa bei der Entwicklung einer globalen Wasserstoffwirtschaft eine Treiberrolle einnehmen. Sie wird uns helfen, unsere Klimaziele möglichst effizient zu erreichen, und sie wird uns große wirtschaftliche Potenziale als Treiber dieser Zukunftstechnologie eröffnen.

    Wenn Deutschland Forschung, Entwicklung und Demonstrationsprojekte im Industrieformat gut koordiniert, haben wir hervorragende Chancen, die systemischen Lösungen für zentrale und dezentrale Anwendungen zu entwickeln, die weltweit langfristig nachgefragt werden.

    Auch wenn Wasserstoff beileibe kein Unbekannter für die deutsche Industrie ist, erfordert der Umstieg auf eine umfassende Wasserstoffwirtschaft eine erhebliche Lernkurve. Der Betrieb von dezentralen erneuerbaren Erzeugungsanlagen, Elektrolyse- sowie Synthese-Anlagen im großen Stil muss aufeinander abgestimmt werden. Diese hohe Modularität schafft Komplexität.

    Deutschland mit seiner einzigartigen Kompetenz in der Entwicklung von systemischen Konzepten kann hier Maßstäbe setzen. Deshalb ist der zügige Aufbau eines Heimatmarkts für grünen Wasserstoff, wie dieser in der Nationalen Wasserstoffstrategie zum Ziel gesetzt wird, dringend erforderlich.

    Denn dieser technologische Vorsprung wird nicht einfach nachzuahmen sein. Und das haben die asiatischen Hersteller, insbesondere Japan und Südkorea, bereits sehr früh erkannt und treiben ihre Technologieentwicklung massiv voran.

    Die sehr emotional geführte Diskussion über eine Exklusivität für grünen Wasserstoff aus Elektrolyse droht uns allerdings das Momentum zu nehmen.

    Eine globale Wasserstoffwirtschaft

    Was wir jetzt wirklich brauchen, sind ein rascher Markthochlauf von Wasserstoff in allen Sektoren hin zu Anwendungen im Industriemaßstab und der Aufbau einer globalen Wasserstoffwirtschaft.

    Wenn wir gerade unter dem Aspekt einer Wiederbelebung unserer Volkswirtschaften nach der Corona-Pandemie schnellere Wege in eine nachhaltige Zukunft beschreiten wollen, werden wir in einem gewissen Rahmen zunächst auch alternative Erzeugungsformen wie blauen oder türkisen Wasserstoff aus Erdgas für unsere Versorgung akzeptieren müssen, ohne unsere eigene Perspektive von ausschließlich grünem Wasserstoff aufzugeben.

    Für den Aufbau einer globalen Wasserstoffwirtschaft bedarf es schon kurzfristig erster internationaler Demonstrationsprojekte mit deutscher Beteiligung. Die Erfolgsformel für eine globale Wasserstoffwirtschaft ist die Kombination aus günstigem Strom aus erneuerbaren Quellen, technologischem Know-how und international vergleichbaren Zertifizierungsstandards.

    Um dieser Erfolgsformel näherzukommen, haben die Deutsche Akademie der Technikwissenschaften und der BDI mit Unterstützung des Bundesministeriums für Bildung und Forschung ein Projekt mit Australien konzipiert, in dem zentrale Fragen zum Aufbau internationaler Wasserstoffpartnerschaften in enger Zusammenarbeit zwischen Wissenschaft, Politik und Industrie konzentriert analysiert und beantwortet werden sollen.

    Der Fokus liegt in diesem Projekt klar auf regenerativ erzeugtem Wasserstoff. Die Erkenntnisse werden auch auf andere internationale Wasserstoffpartnerschaften anwendbar sein. Die Stromkostenfrage entwickelt sich in vielen Teilen der Welt dynamisch positiv.

    In Australien, Chile, Marokko, aber auch in anderen Regionen ist die Produktion von erneuerbarem Strom an bestimmten Standorten bereits für zwei US-Cent/kWh möglich. Dies können sich Deutschland und Europa zum Vorteil machen und mit neuen Partnerschaften einen wichtigen Grundstein für den Aufbau eines „grünen“ Wasserstoffmarkts legen.

    Wasserstoff zu wettbewerbsfähigen Preisen

    Der Aufbau solcher internationalen Wasserstofflieferketten hat auch eine außen- und geopolitische Bedeutung. So beobachten die klassischen Energieexporteure weltweit die klimapolitische Entwicklung mit Interesse bis Sorge und befassen sich zunehmend intensiver mit langfristigen Alternativen zur Wertschöpfung aus fossilen Ressourcen. Diese Länder brauchen auch in einer klimaneutralen Welt eine Perspektive.

    Verlierer der globalen „Energiewende“ zu schaffen ist mit großen außenpolitischen Risiken behaftet. Eine globale Wasserstoffwirtschaft zu entwickeln heißt auch, Energieexporteuren und Entwicklungsländern eine neue Perspektive zur Diversifizierung ihrer Wirtschaft zu eröffnen.

    Die Verfügbarkeit von Wasserstoff zu wettbewerbsfähigen Preisen, sei es aus heimischer Quelle oder als Import, wird über die Zukunftsfähigkeit unseres Industriestandorts und den Erhalt des heutigen Wohlstands in Deutschland und Europa entscheiden.

    Denn in einer klimaneutralen Welt ist der Zugang zu CO2-freien Energieträgern die Voraussetzung für die industrielle Wertschöpfung. Der Aufbau einer globalen Wasserstoffwirtschaft muss daher zu den wichtigsten Aufgaben der Bundesregierung und der EU-Kommission gehören.

    Seine EU-Ratspräsidentschaft muss Deutschland nutzen, Europa auf diesem Pfad voranzubringen. Andere Mächte wie China tun dies bereits mit hohem Geldeinsatz. Wir müssen nun gerade in der Krise groß denken und politische Bremsen lösen, wenn wir als Europa Initiator und langfristiger Gewinner der echten Energierevolution des 21. Jahrhunderts sein wollen.

    Mehr: „Tempo verloren“: Uniper-Chef rügt die Bundesregierung beim Thema Wasserstoff

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