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Gastkommentar Wie der Osten zum Innovationstreiber Deutschlands wird

Die Chancen für ostdeutsche Länder sind besser als ihr Ruf. Niedrige Mieten, geringe Lebenshaltungskosten und exzellente Hochschulen ziehen Talente in die Region.
1 Kommentar
Der Autor ist Politikwissenschaftler und leitet das Berliner Büro des Zukunftsinstituts.
Daniel Dettling

Der Autor ist Politikwissenschaftler und leitet das Berliner Büro des Zukunftsinstituts.

Die Spaltung zwischen Ost- und Westdeutschland scheint nach den Landtagswahlen in Brandenburg, Sachsen und Thüringen größer denn je. Wird der Osten unregierbar und zur „No-go-Area“ für Investoren und Unternehmen? Dabei sprechen vor allem zwei Trends für die Ostländer: der demografische und der digitale Wandel.

Das im Osten verbreitete Gefühl, zu den Verlierern zu gehören, liegt an der historisch einmaligen Abwanderung von Talenten. In den letzten 30 Jahren hat der Osten fast zwei Millionen junge Fachkräfte an den Westen verloren. Der Trend kehrt sich jedoch seit einigen Jahren um, die Abwanderung nach Westdeutschland geht zurück. Zuletzt gab es sogar zum ersten Mal einen positiven Saldo von Zuzügen aus dem Westen in den Osten.

Gewinner des Trends sind „Schwarmstädte“ wie Leipzig, Dresden, Chemnitz, Erfurt, Jena und Potsdam. Sie ziehen Zuwanderer aus dem Westen, dem Ausland und vor allem Studenten an. Mieten und Lebenshaltungskosten sind niedriger, die Hochschulen nicht überfüllt, und Kindergärten haben länger auf. Auch deshalb ist die Geburtenrate im Osten zuletzt stärker gestiegen als im Westen.

Ein Beispiel ist Chemnitz. Gemeinsam mit lokalen Unternehmen und Universitäten hat die Stadt am Erzgebirge die demografische Wende gegen den allgemeinen Trend geschafft. Seit zehn Jahren wächst Chemnitz, auch weil die Stadt für junge Familien, Ältere und Migranten attraktiv ist.

Neben dem demografischen gehört der technologische Wandel zu den Treibern der Veränderung. Der US-amerikanische Stadt- und Regionenforscher Richard Florida hat in seinem global beachteten Bestseller „The Rise of the Creative Class“ („Der Aufstieg der kreativen Klasse“) bereits vor 15 Jahren darauf hingewiesen, dass jene Städte und Regionen wirtschaftlich besonders erfolgreich sind, die auf drei Standortfaktoren setzen: Talente, neue Technologien und Toleranz.

Den globalen Wettbewerb machen jene „hot spots“ unter sich aus, die offen gegenüber neuen Entwicklungen sind, in Bildung investieren und Fremde und Andersartige positiv wahr- und aufnehmen.

Offen gegenüber neuen Technologien

Beim Faktor Talente schneiden die ostdeutschen Bundesländer im nationalen Vergleich gut bis sehr gut ab, auch gegenüber neuen Technologien sind sie offener eingestellt als die westdeutschen Bundesbürger, beim Faktor Toleranz sind sie jedoch Schlusslicht.

Dabei hat der Mangel an Offenheit gegenüber Fremden und Neuem erhebliche Folgen für die beiden anderen Standortfaktoren Technologien und Talente. Innovative Firmen und ihre Mitarbeiter machen einen großen Bogen um Regionen, in denen sie nicht willkommen sind. Mit dem Mindset „Wir bleiben unter uns“ läuft jede gut gemachte Standortkampagne ins Leere. Mehr als andere sind die Ostregionen auf Zuwanderung angewiesen.

Der in diesem Jahr beschlossene Ausstieg aus der Kohle ist eine Chance für den Einstieg in eine neue Standortpolitik. Köpfe und Kooperationen sind die neue Kohle. Es geht um die Zukunftsthemen E-Mobilität, erneuerbare Energien und öffentlicher Verkehr.

Neue Technologien, Forschungseinrichtungen, Start-ups und Unternehmen sowie die Ansiedlung von mehr Behörden und Bundeswehr sind notwendig, aber nicht hinreichend, um aus strukturschwachen Gebieten Zukunftsregionen zu machen.

Nachhaltige und neue Wertschöpfung entsteht vor allem aus der Vernetzung und Kooperation von kreativen und innovativen Unternehmen, Kommunen und den Bürgern vor Ort. Nur dann entstehen aus neuen Bundesländern innovative Hubs und Regionen für neues und nachhaltiges Wachstum. Nur dann wird der Osten eine Adresse für die junge Generation und für innovative Unternehmen.

Nachholbedarf bei der Verkehrsanbindung

Um Talente zu halten und anzuziehen, kommt es auf attraktive Wohn- und Arbeitskonzepte, schnelles Internet in den Städten wie auf dem Land, eine Politik der gezielten Zuwanderung und neue Mobilitätsformen an. Die große Mehrheit der ostdeutschen Unternehmen sucht händeringend nach Arbeitskräften.

Diese werden nur kommen, wenn der öffentliche Nah- und Fernverkehr für schnelle Verbindungen in die Städte sorgt und aus abgehängten Regionen angeschlossene werden.

Das Leit- und Vorbild für die Integration der neuen Bundesländer war bislang immer der Westen. Damit ist 30 Jahre nach dem Mauerfall Schluss. Das ist vielleicht die zentrale Lektion der Landtagswahlen in Brandenburg, Sachsen und Thüringen. Es gilt, Abschied zu nehmen von alten Rezepten und vertrauten Koalitionen. Die neuen Länder müssen eigene und neue Wege gehen.

Mehr: Laut Ifo-Institut ist die Zufriedenheit mit der wirtschaftlichen Situation in Ostdeutschland höher als vielfach angenommen.

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Mehr zu: Gastkommentar - Wie der Osten zum Innovationstreiber Deutschlands wird

1 Kommentar zu "Gastkommentar: Wie der Osten zum Innovationstreiber Deutschlands wird"

Das Kommentieren dieses Artikels wurde deaktiviert.

  • Hallo Herr Dettling,

    ein sehr guter Artikel mit Gedanken und Argumente in Zukunft.
    Nicht - wie sonst - das Geheule des unterentwickelten Osten unseres Landes und der armen Menschen, die ja in so einer Hölle ihr Dasein fristen müssen.
    Die östlichen Bundesländer haben auch wesentliche Vorteile und die Möglichkeiten, sich in Zukunft sehr gut zu entwickeln.
    Man muss diese Chancen vor Ort aber auch erkennen und tatkräftig reagieren und die Erfolge darstellen und feiern - so entsteht ein positives Gemeinschaftsgefühl.
    Viel Erfolg und eine gute Hand vor Ort.

    Allen einen schönen Tag und viel Inspiration wünscht Peter Michael