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Gastkommentar Wie Deutschland mit Chinas Übernahmeoffensive umgehen sollte

Chinesische Investoren gehen gerne in Deutschland auf Einkaufstour. Droht nun ein Ausverkauf oder entstehen auch Chancen? Eine Analyse.
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Jörg Rocholl ist Präsident der internationalen Wirtschaftshochschule ESMT Berlin.
Der Autor

Jörg Rocholl ist Präsident der internationalen Wirtschaftshochschule ESMT Berlin.

Deutschland als Kaufhaus des Westens – Ausverkauf an China? Leifeld, 50Hertz, Grammer – kaum eine Woche vergeht, in der kein deutsches Unternehmen in das Visier chinesischer Interessenten gerät.

Während Übernahmen ansonsten kaum öffentliches Interesse hervorrufen, ist die Aufregung besonders groß, wenn China ins Spiel kommt. Liegt es an China – oder eher an Europa?

Ein Blick auf die Fakten: China ist Deutschlands wichtigster Handelspartner. Im letzten Jahr exportierte Deutschland Waren im Wert von 86,2 Milliarden Euro nach China. Die deutschen Exporte nach China haben sich damit über die letzten zehn Jahre fast verdreifacht. Im Gegenzug importierte Deutschland im letzten Jahr Waren im Wert von 100,5 Milliarden Euro aus China. Die wechselseitige Abhängigkeit ist groß, und ebenso groß ist der Gewinn für beide Seiten.

Für Firmenübernahmen und -beteiligungen in Europa haben chinesische Unternehmen laut einer EY-Studie im vergangenen Jahr 57,6 Milliarden Dollar investiert. Der größte Anteil entfiel mit 13,7 Milliarden Dollar auf Deutschland, und dieser Anteil ist im ersten Halbjahr 2018 weiter gestiegen. Deutsche Unternehmen mit weltweit anerkanntem Status als Technologieführer sind erste Wahl für chinesische Käufer.

Allerdings war der chinesische Anteil an allen ausländischen Firmenübernahmen und -beteiligungen in Deutschland im Jahr 2017 laut einer IW-Studie mit 6,6 Prozent klein und betrug damit weniger als ein Drittel des amerikanischen Anteils.

Zudem liegt der Bestand deutscher Direktinvestitionen in China nach wie vor deutlich höher als andersherum. Bisherige Erfahrungen deutscher Unternehmen mit ihren chinesischen Eigentümern sind zudem positiv: Neue Absatzmärkte werden gerade in China geschaffen, die Unternehmensleitung behält ihre unternehmerische Freiheit, während die Arbeitnehmervertreter die langfristige Orientierung schätzen.

Deutsche Unternehmen sind erste Wahl für China

Warum die Aufregung? China nimmt nicht nur durch seine Größe eine Sonderstellung ein. Im Gegensatz zu europäischen und amerikanischen Unternehmen schwingt bei Aktivitäten chinesischer Unternehmen die Sorge mit, dass der chinesische Staat seine Finger im Spiel hat und direkt oder indirekt Einfluss ausübt.

 Die zentrale Kritik konzentriert sich auf den Vorwurf, dass Chinas staatlich gelenktes Wirtschaftssystem die westliche Offenheit ausnutze. Demnach könnten chinesische Unternehmen hier frei agieren, während deutsche Unternehmen kritisieren, sich Gängelungen und Restriktionen in China ausgesetzt zu sehen.

Mit Sorge werden in diesem Zusammenhang die jährlichen Treffen zwischen China und 16 mittel- und osteuropäischen Staaten betrachtet, da sie eine Gefahr für die politische Einstimmigkeit bei Entscheidungen auf europäischer Ebene mit sich bringen.

Man verfolgt hierzulande zudem mit Ehrfurcht, dass China nicht länger kopiert, sondern im großen Umfang selbst entwickelt und in ausgewählten Bereichen bereits weltweit führend ist. In den Bereichen, in denen China die eigenen Entwicklungen zu lange dauern, wird fehlende Expertise hinzugekauft. Die ambitionierte Strategie, sich noch in der ersten Hälfte des 21. Jahrhunderts zur weltweit führenden Volkswirtschaft zu entwickeln, ist daher keine Utopie mehr.

Davon zeugen schon heute international bedeutende chinesische Unternehmen wie Baidu, Alibaba und Tencent. Sie scheinen die einzigen Internetunternehmen zu sein, die es mit den amerikanischen Giganten Google, Amazon und Facebook aufnehmen können. Europäische Wettbewerber sucht man hier meist vergeblich.

Die chinesische Verbindung aus politischer und wirtschaftlicher Macht ist also der zentrale Punkt, der Europa umtreibt, verbunden mit der diffusen Angst, abgehängt zu werden. Hier liegt der erste und wichtigste Hebel. Europa muss besser und stärker werden. Es muss die Voraussetzungen dafür schaffen, dass seine Unternehmen in Zeiten der Plattformökonomie erfolgreicher sein können. Die Kernbedingung dafür ist Skalierbarkeit in einem Markt von mehr als 500 Millionen Menschen. Denn es gilt hier der Grundsatz: „The winner takes it all.“

 Die wirtschaftspolitischen Anstrengungen sind darauf zu lenken, dass Unternehmen, die ihre Aktivitäten in einem EU-Mitgliedstaat gründen, diese ohne weitere Genehmigungsprozesse in alle weiteren Mitgliedstaaten ausrollen können – und grenzüberschreitende Finanzierung über Wagniskapital erhalten.

Nur dann können sie die kritische Masse erreichen, die für ihr Überleben und Gedeihen über Europa hinaus wichtig ist. Europa muss in Zukunftsfeldern präsenter sein, und die praktische Vollendung des Binnenmarktes ist hierfür der kritische Erfolgsfaktor.

Diese Entwicklung hätte mindestens zwei weitere positive Effekte. Zum einem würde die europäische Diskussion weg von fiskalischen Fragen und hin zu gemeinsamen Zukunftsthemen führen. Damit könnte das wichtige politische Aufbruchssignal gesandt werden, dass es in erster Linie um die Größe des Kuchens und erst in zweiter Linie um seine Verteilung geht. Zum anderen würde es mit zunehmendem Erfolg leichter fallen, allen EU-Mitgliedstaaten eine klare Alternative zu den vermeintlichen Verlockungen von außen aufzuzeigen.

Effektive Verbindung aus wirtschaftlicher und politischer Macht

Der zweite Punkt ist die Frage nach einer neuen Industriepolitik oder gar staatlichen Fördertöpfen, wie sie bei der künstlichen Intelligenz gefordert werden. Hier ist deutliche Vorsicht angesagt, denn diese Maßnahmen und Mittel können leicht mehr Schaden als Nutzen anrichten.

Die Erfahrung zeigt, dass der Staat zwar nicht schlechter als der Markt darin sein mag, neue Technologien aufzuspüren, dass er aber häufig daran scheitert, Investitionen bei offensichtlichen Fehlentwicklungen umgehend wieder zu beenden. Wenn man in diese Richtung denkt, muss eine staatliche Unterstützung in klar eingegrenztem Rahmen greifen, vor allem bei der Förderung neuer öffentlicher Güter wie digitaler Dienste und Plattformen.

 Auch die deutlich verstärkte Förderung von Spitzenforschung auf europäischer Ebene mit kompetitiver Auswahl von Projekten durch internationale Experten wäre ein wichtiger und sinnvoller Weg. Der nächste EU-Haushalt sollte diese Prioritäten aufnehmen, weniger Landwirtschaft und mehr Digitales.

Drittens muss Europa gemeinsam mit den USA seine Forderung nach Reziprozität in Gesprächen mit China weiter deutlich zum Ausdruck bringen. Erste Erfolge sind zu erkennen. Die Abschaffung des Zwangs zu Joint Ventures für ausländische Hersteller ist ein wichtiger Schritt – und BMW ist erster Nutznießer der neuen Regelung. Viele weitere Schritte bleiben notwendig, um tatsächliche Chancengleichheit zu erreichen.

Diese Schritte werden umso besser gelingen, je deutlicher Deutschland und Europa gegenüber China auf die eigene gelebte Praxis als glaubwürdiges und gutes Vorbild verweisen können.

Mindestschwellen für Investitionsprüfungen

Alle genannten Punkte können Europa widerstandsfähiger machen und seinen Wohlstand erhöhen. Sie beantworten aber nicht die Frage, wie mit konkreten chinesischen Übernahmeangeboten umgegangen werden soll. Hier gilt vor allem: Es muss klare Regeln geben, die eingehalten werden. Der Fall 50Hertz, bei dem der Bieter weniger als 25 Prozent des Unternehmens erwerben wollte und damit unter dem gesetzlichen Mindestwert für eine staatliche Investitionsprüfung blieb, der Staat mit Hilfe der KfW dennoch intervenierte, muss eine Ausnahme bleiben.

Ebenso wenig ist es sinnvoll, siehe Kuka, zu versuchen, deutsche Unternehmen gegen ihren Willen als weiße Ritter zu gewinnen. Eine solche Intervention muss beim Staat und nicht bei einzelnen Unternehmen liegen. Es ist nicht deren Aufgabe und in deren Interesse, politisch zu agieren, ihre wirtschaftlichen Nachteile auch in China wären zu groß. Vielmehr geht es darum, eine klare Mindestschwelle für Investitionsprüfungen zu definieren und diese strikt einzuhalten und danach die Prüfung nach klaren Kriterien vorzunehmen. Dabei darf nicht alle Last auf dem Außenwirtschaftsgesetz liegen.

Zwei Beispiele: Wenn man verhindern möchte, dass Minderheitsaktionäre übermäßige Mitspracherechte erhalten, dann gilt es, über Regeln zur Verbesserung der Corporate Governance nachzudenken. Wenn man Energienetze als kritische Infrastruktur betrachtet, dann kann man Regeln für deren Betrieb aufstellen, mit klaren und harten Sanktionsregeln für Verstöße.

Europa und insbesondere Deutschland stehen mit dem Erstarken Chinas vor großen neuen Chancen und Herausforderungen. Wirtschaftliche Offenheit und Zusammenarbeit als Grundpfeiler für Wohlstand müssen gewahrt und gestärkt werden, ohne dass der Staat in genau definierten Einzelfällen und nach klaren Regeln auf sein Interventionsrecht verzichtet. Das ist das Grundprinzip der Sozialen Marktwirtschaft.

 Europa muss einig auftreten und seine Stärken ausbauen. Die jüngsten Erfahrungen im Handelsstreit mit den USA zeigen, was es dann erreichen kann.

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