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Gastkommentar Wie die Kräfte der britischen Geschichte auf die Brexit-Katastrophe hinführten

Der Brexit beruht nicht auf einem rationalen Entscheidungsprozess. Wer seine wahren Antriebskräfte verstehen will, muss in die britische Kulturgeschichte eintauchen.
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Frank Vogl ist Brite und Mitbegründer von Transparency International. Sie erreichen ihn unter: gastautor@handelsblatt.com Quelle: Transparency International [M]
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Frank Vogl ist Brite und Mitbegründer von Transparency International. Sie erreichen ihn unter: [email protected]

(Foto: Transparency International [M])

Im Londoner Unterhaus steht eine monumentale Entscheidung an, die das Verhältnis Großbritanniens zum europäischen Kontinent auf lange Jahre hin prägen wird. Dies gilt auch unabhängig vom spezifischen Ausgang der Abstimmung.

Gleichzeitig ruft der Brexit bei den meisten Nichtengländern bis heute großes Kopfschütteln hervor. Dies gilt, obwohl das Thema in den vergangenen anderthalb Jahren in den Medien ausführlichst behandelt worden ist. Das deutet darauf hin, dass es beim Brexit-Manöver nicht um einen rationalen Entscheidungsprozess geht.

Um seine wahren Antriebskräfte zu verstehen, muss man in die britische Kulturgeschichte eintauchen. Die sich abzeichnende Brexit-Katastrophe kann nur verstehen, wer das Gefühl von Einzigartigkeit und Überlegenheit, das meine britischen Mitbürger bis heute in Fängen hält, nachvollziehen kann.

Die gepflegte Illusion von Rule Britannia

Das von Theresa May gesteuerte Brexit-Chaos ist ohne mehrere Generationen von unzureichend ausgebildeten Geschichtslehrern in britischen Schulen, ohne die BBC-Schauspielabteilung, ohne die königliche Familie und ohne all die dummen Lieder, die britische Kinder immer noch gezwungen sind zu singen, nicht zu verstehen – zum Beispiel „Rule Britannia! Britannia regiert die Wellen; Briten werden niemals Sklaven sein.“ Diese disparaten Kräfte haben sich alle magisch zusammengetan, um daraus einen politischen Teufelscocktail zu brauen.

Vor einem halben Jahrhundert kämpfte Edward Heath, der damalige Premierminister, verzweifelt darum, das Narrativ einer ewig währenden britischen Überlegenheit und Einzigartigkeit in moderatere Bahnen zu lenken. Er wollte zeigen, dass wir Briten tatsächlich eine „europäische Nation“ waren. Dieses Bemühen war ein Kernbestandteil seiner Kampagne, die EU-Mitgliedschaft anzustreben.

In einem ersten Schritt gelang es Heath, den damaligen französischen Präsidenten Georges Pompidou zu überzeugen, das berühmte „Non“ von Präsident Charles de Gaulle zurückzunehmen und Großbritannien zu erlauben, dem beizutreten, was damals noch einfach als Gemeinsamer Markt bezeichnet wurde.

Aber die zweite Hälfte seines mutigen Umpolungsmanövers konnte Edward Heath nicht umsetzen. Das britische Volk konnte er trotz seiner engagierten Bemühungen nicht voll von der Sinnhaftigkeit des EU-Beitritts überzeugen.

Geschichtsschreibung im britischen Stil

Egal, in welcher Gegend unseres Land man sich fortan der Fuchsjagd oder dem Schneehühnerjagen hingab, insbesondere die Anhänger der konservativen Partei scheuten davor zurück, sich hinlänglich mit der europäischen Sache zu identifizieren.

Diese Gemütslage besteht bis heute fort, wie man am Widerstand gegen Theresa May aufseiten vieler Tory-Abgeordnete ablesen kann. Man ist weiterhin nicht bereit, die eigene – fälschlich als nahezu absolut erachtete – Macht mit den „Continentals“ zu teilen.

Ich habe all das am eigenen Leib miterlebt. So bin ich in verschmutzten Londoner Schulen aufgewachsen, in denen uns ständig mitgeteilt wurde, dass unser Großbritannien seit einem Jahrtausend nicht besetzt worden war. Die Geschichte unserer Insel war in jeder Hinsicht glorreich.

Unser Wissen, so wurde uns mitgeteilt, brauche deshalb auch nicht über die Grenzen unseres ehemaligen Reiches hinauszureichen. Natürlich haben wir von den Griechen und Römern gehört und davon, wie sie unser Königreich beeinflussten. Aber über die großen Zivilisationen Asiens und Lateinamerikas wurde nie ein Wort gesprochen.

Versunken in britischen Fernsehserien

Dieses monotone Erzählmuster der ewig währenden britischen Überlegenheit wurde von einer Generation zur nächsten geschickt durch einen ständigen Strom von mehrteiligen Fernsehdramen ergänzt. Diese liefen vor allem darauf hinaus, den Ruhm der britischen Könige herauszuarbeiten, selbst wenn sie oftmals vor allem dadurch hervorstachen, dass sie ihren Vorgänger brutal abmurksten. Dass es in königlichen Gefilden auch subtiler zugehen kann, zeigt die Serie „The Crown“, deren dritte Staffel derzeit gerade gedreht wird.

In der BBC ging es aber nicht nur um Königsdramen. Da gab es auch die realitätsfern harmoniesüchtigen Dramen im Telenovela-Stil, in denen die Beziehungen zwischen den oberen und unteren Stockwerken in großen Herrenhäusern beschrieben wurden. So zu sehen in der weltbekannten TV-Serie „Downton Abbey“.

Und es gab und gibt all die Filme über unendlich tapfere britische Soldaten, die sich in zwei Weltkriegen gegen alle Widrigkeiten erfolgreich zur Wehr setzten. Auch aktuell erinnern sich die Bürger Großbritanniens an diese heroischen Zeiten. Sie tun dies unter anderem mit „Darkest Hour“, als Winston Churchill Adolf Hitler trotzte. Dann gab es 2017 noch den Film „Dunkirk“. Diese Werke schwankten mitunter ein wenig zu sehr zwischen Geschichtsklitterung und Geschichtsfälschung.

Der Brexit ist auch eine Familiengeschichte

Zwei Männer verkörpern diese ganze grotesk-grandiose Denkweise am besten – Jacob Rees-Mogg und Boris Johnson. Sie sitzen auf den Hinterbänken der Tories im Unterhaus und machen Theresa May das politische Leben sehr unbehaglich.
Ihr Hauptanliegen hat drei Elemente: Erstens wollen sie die Brexit-Debatte komplizieren, zweitens ihre eigene Partei spalten und drittens die gewaltigen Schwierigkeiten, die ein harter Brexit für die britische Wirtschaft haben würde, herunterspielen.

Premierministerin May hingegen ist weiterhin bestrebt, dass Großbritannien einen gangbaren Weg findet, mit der EU verbunden zu bleiben. Das Ergebnis, das sie mit der EU ausgehandelt hat, gefällt niemandem. Aber dies ist das unvermeidliche Ergebnis eines schlecht konzipierten Referendums, bei dem obendrein die Notwendigkeit zum rationalen Denken im Union-Jack-Fahnenschwenken unterging.

In einer Nation, in der man auf fast ein Jahrtausend Invasionsfreiheit stolz ist, kann man es nicht verknusen, wenn ein Mann aus Luxemburg, einem Land mit einer Bevölkerung, die kaum der eines Londoner Vororts entspricht, die Ungeheuerlichkeit besitzt, den Briten mitteilen zu wollen, was für sie das Beste ist. Jean-Claude Juncker mag zwar Chef der EU-Kommission sein, aber diese Tatsache verschafft ihm keinen Respekt jenseits des Ärmelkanals.

Die Geschichte des Brexits ist übrigens auch britische Familiengeschichte. Als Pompidou Ende 1969 Heath den EU-Beitritt zugestand, erklärte William Rees-Mogg, damals Chefredakteur der „Times“ und der Vater von Jacob Rees-Mogg, dem heutigen Parlamentarier, die Zeitung sei fortan „europäisch“ eingestellt. Angesichts der Bedeutung von britischer Tradition und Kultur für die Londoner „Times“ war dies ein sehr mutiger Schritt.

Rees-Mogg senior kündigte auf der Titelseite des Blattes an, dass die „Times“ einen europäischen Wirtschaftskorrespondenten für den europäischen Kontinent ernennen werde. Der Zufall wollte es, dass ich für diesen neuen Auftrag ausgewählt wurde. So gelangte ich nach Frankfurt. Mein Mandat vonseiten des Chefredakteurs: „Berichte einfach über Europa!“

Zurück in die Zukunft oder allein zu Hause?

Allerdings hat William Rees-Mogg nie großes Interesse am Gemeinsamen Markt gezeigt. Gelegentlich trafen wir uns in seinem Büro. Und ab und an forderte er mich auf, einen Kommentar über europäische Dinge zu schreiben.

Die Rees-Moggs, Vater und Sohn, wie auch die Johnsons – Sohn Boris und sein noch fanatischerer, durch und durch nationalistisch geprägter Vater Stanley Johnson – haben die britische Europa-Debatte qua ihrer gesellschaftlichen Stellung und ihres Platzes in der Politik und den Medien vor allem durch Geringschätzung, wenn nicht zum Teil auch purer Verachtung über viele Jahre hinweg stark beeinflusst. Dabei standen sie, deutlich gesagt, schlicht auf der falschen Seite der Geschichte.

Das britische Volk wird, sobald das Vereinigte Königreich die EU verlassen hat, wieder auf sich allein gestellt sein. Dann kann es sich wieder ganz ungestört in seiner glorreichen Vergangenheit wälzen, wenn es dies wünscht. Eine solche Rückwärtsgewandtheit könnte sich dann als probates Mittel erweisen, um die ernsten wirtschaftlichen Herausforderungen, vor denen man dann beim Alleingang steht, zu verdrängen.

Ein Trost für die Briten ist jedenfalls, dass –  Brexit hin oder her – die Cricket-Weltmeisterschaften in diesem Jahr auf dem Lords Cricket Ground im Nordwesten Londons ausgetragen werden. Dies ist ein eindeutiger Beleg für die Einzigartigkeit und den weltumspannenden Charakter der britischen Nation. Denn auf den Kricketplätzen finden sich nun einmal nur sehr wenige Kontinentaleuropäer, dafür aber umso mehr Bürger von Commonwealth-Nationen. Warum sollte sich der britische Phönix da von den Europäern irgendwelche Beschränkungen auferlegen lassen?

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2 Kommentare zu "Gastkommentar: Wie die Kräfte der britischen Geschichte auf die Brexit-Katastrophe hinführten"

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  • Da können noch so viele "Experten" einen Grund für den Brexit Zirkus verteilen, der Unsinn ist nicht mehr zu verstehen.
    Ich bin sicher wenn vor dem Referendum nicht so viel gelogen wurden wäre und die Jugend sich mehr für ihr Land als für sich selbst interessiert hätte, soll heißen den Arsch hoch gekriegt hätte, wäre der ganze Zirkus der Welt erspart geblieben.
    Tradition hin oder her, wenn diese Generation das erreichte wieder kaputt macht, dann ist es die dümmste Generation die je gelebt hat.

  • Ja als 15 jähriger Austausschüler (vor schon 38 Jahren ;-(() erinnere ich mich and die unzähligen "World War II spy soaps" im BBC, die einem das Gefühl gaben, dass der Krieg nie geendet hatte. Und alls erstes wurde ich gefragt, ob ich ein original Swastika habe...die Insellage bringt halt nicht nur gutes.

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