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Gastkommentar Wie eine Alternative zum Lockdown aussehen könnte

Deutschland bekämpft die Corona-Pandemie seit November mit immer strengeren Lockdowns. Thomas Gries und Paul Welfens plädieren für einen schonenderen Weg aus der Krise.
04.02.2021 - 12:36 Uhr 1 Kommentar
Thomas Gries lehrt Makroökonomik, Internationale Wachstums- und Konjunkturtheorie an der Universität Paderborn, Paul Welfens ist Präsident des Europäischen Instituts für Internationale Wirtschaftsbeziehungen (EIIW)/Universität Wuppertal. Quelle: Privat [M]
Die Autoren

Thomas Gries lehrt Makroökonomik, Internationale Wachstums- und Konjunkturtheorie an der Universität Paderborn, Paul Welfens ist Präsident des Europäischen Instituts für Internationale Wirtschaftsbeziehungen (EIIW)/Universität Wuppertal.

(Foto: Privat [M])

Deutschland ist – trotz beginnender Impfungen – mindestens bis zum Frühjahr einer erheblichen Corona-Ausbreitungsgefahr ausgesetzt. Die bisher neben Hygieneregeln im Wesentlichen eingesetzte Gegenmaßnahme ist der Lockdown. Lockdowns sind aber nicht nur ökonomisch extrem teuer, sie sind auch eine erhebliche Freiheitsbeschränkung – und für viele eine Existenzbedrohung. Daher wäre es besser, man könnte die Ausbreitung der Pandemie durch andere wirksame Strategien bekämpfen und die wiederkehrenden Lockdowns vermeiden.

Eine Alternative ist eine breit angelegte Testen-und-Quarantäne-Strategie. In einer gerade vorgelegten Studie beschreiben die Autoren mithilfe eines epidemiologischen Modells, wie eine innovative Testen-und-Quarantäne-Strategie in Deutschland aussehen könnte. Bereits mit einem Schnelltest pro Person und Woche könnte ein Lockdown vermieden werden, wenn die dann positiv Getesteten plus Kontaktpersonen durch Quarantäne nicht weiter zur Pandemie beitragen.

Durch einen solchen Ansatz mit wöchentlicher Testung kann der kritische R-Wert – letztlich der Wachstumsfaktor der Infektionen – zuverlässig, nach weniger als vier Wochen, deutlich unter den Wert von eins geführt werden und die Pandemie austrocknen.

Die Effektivität dieser statistischen Detektionsstrategie – hier werden Infizierte mit Symptomen wie Menschen ohne Symptome einbezogen – könnte weiter erhöht werden, wenn Bevölkerungs- und Berufsgruppen mit hoher Kontakt- und Übertragungswahrscheinlichkeit besonders oft getestet werden. Die Ausbreitungswege werden dann gezielter entdeckt, frühzeitig unterbrochen. Am intensivsten müsste dies in medizinischen- und Pflegeeinrichtungen geschehen.

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    Was spricht gegen eine solche Testen-und-Quarantäne-Strategie? Das Prinzip dieser Strategie wurde bereits im Frühjahr 2020 vom Nobelpreisträger Paul Romer in einem Webinar der Universität Princeton erwähnt. Im Juli wurde dann diese Idee von zwei Wissenschaftlern der Forschungsabteilung des Internationalen Währungsfonds detailliert theoretisch begründet.

    Zu diesem Zeitpunkt bestand der wichtigste Einwand wohl in den hohen Kosten der gerade auf den Markt gekommenen Testverfahren. Durch die drastisch gesunkenen Testkosten und die Verfügbarkeit von Schnelltests haben sich die Optionen seitdem jedoch völlig verändert.

    Die Frage heute lautet nun: Ist eine Testen-und-Quarantäne-Strategie, die ebenso wie der Lockdown die Pandemie austrocknen kann, immer noch teurer als ein Lockdown? Ein Lockdown kostet je nach Ausmaß eine Milliarde bis zwei Milliarden Euro täglich. Das heißt, in einem einzigen Monat mit massivem Lockdown entsteht ein Verlust von circa 60 Milliarden Euro und damit rund 1,8 Prozent des Nationaleinkommens.

    Die verschiedenen Lockdowns und Einschränkungen des letzten Jahres haben laut Statistischem Bundesamt fünf Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP) gekostet.

    Testen ist weit billiger als ein einmonatiger Lockdown

    Was sind nun die Kosten der Testen-und-Quarantäne-Strategie, die zu einem R-Wert dauerhaft unter eins führt? Nach den Berechnungen der Autoren bräuchte man in Deutschland pro Tag zehn Millionen Tests. Einschließlich der Kosten für die erforderliche Infrastruktur und das Personal entstünden bei dieser Strategie monatlich Ausgaben von circa 4,5 Milliarden Euro.

    Im Zeitverlauf würden sich diese monatlichen Testkosten über ein halbes Jahr lang – bis Sommer – auf rund 27 Milliarden Euro beziehungsweise 0,8 Prozent des BIP summieren. Das ist etwa um die Hälfte weniger als ein einmonatiger Lockdown. Wahrscheinlich noch wichtiger als die monetäre Kosteneinsparung ist jedoch – bei Beibehaltung der Hygieneregeln – die „relative Normalität“, die durch eine Testen-und-Quarantäne-Strategie erhalten bliebe.

    Dezentrale Testmöglichkeiten können überall eingerichtet werden, zum Beispiel in Unternehmen, in Schulen und Universitäten, in Verwaltungen, in Arztpraxen und anderen medizinischen Einrichtungen. Jeder Bundesbürger wird dann eine Anlaufstelle in der Nähe seiner Wohnung oder an seinem Arbeitsplatz finden.

    Testkapazität müsste massiv erhöht werden

    Als zentralisierte Maßnahme müssten Bund und Länder rasch dafür sorgen, dass eine hinreichende Menge an Testkits verfügbar ist. Die Testkapazität müsste in kurzer Zeit von derzeit rund 1,6 Millionen Testungen pro Woche auf circa zehn Millionen pro Tag massiv erhöht werden. Das ist ein ökonomisches Produktionsproblem – mehr nicht.

    Nicht zuletzt wird die Strategie des Testens und der Quarantäne der langfristigen Kontrolle der Pandemie dienen. Die Strategie kann parallel zum Hochfahren der Impfzahlen sehr hilfreich sein – in Deutschland, der EU, weltweit. Neben Testzentren und Testkits für alle braucht man Quarantänehotels für einige Personengruppen. Das verlangt eine Kraftanstrengung vonseiten der Politik und des Medizinsektors – aber ein ökonomisch, psychologisch und politisch belastender Lockdown wird so vermieden.

    Thomas Gries lehrt Makroökonomik, Internationale Wachstums- und Konjunkturtheorie an der Universität Paderborn, Paul Welfens ist Präsident des Europäischen Instituts für Internationale Wirtschaftsbeziehungen (EIIW)/Universität Wuppertal.

    Mehr: Kik-Chef: „Es ist erstaunlich, mit welcher Leichtigkeit der Handel vernichtet wird“

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    1 Kommentar zu "Gastkommentar: Wie eine Alternative zum Lockdown aussehen könnte"

    Das Kommentieren dieses Artikels wurde deaktiviert.

    • Das klingt vernünftig, und es erinnert an das Procedere z.B. in Südkorea, wie uns kürzlich
      aus erster Hand bestätigt wurde. Viel testen und ggf. konsequente Quarantäne; hinzu kämen
      eine funktionierende APP und brauchbare, zertifizierte Masken nebst starkem Bewusstsein
      für gute Hygiene-Standards.
      Es wäre gut, wenn Mandats- und Entscheidungsträger den Blick weiteten auf Regionen/ Länder
      mit geringeren Todesraten/ Erkrankten und gezielt nach den dort erfolgreich umgesetzten Maßnahmen
      fragten, um zu prüfen, was sich daraus in unserer Gesellschaft verbessernd anwenden ließe.

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