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Gastkommentar Wie wir in vier Schritten zu einer neue Gründerkultur gelangen

Die Coronakrise berührt unsere ökonomischen Fundamente. Jetzt kommt es darauf an, die Voraussetzungen für junges Unternehmertum zu schaffen.
21.08.2020 - 08:59 Uhr Kommentieren
Johannes Vogel ist Mitglied des Deutschen Bundestags und Generalsekretär der FDP NRW. Hauke Schwiezer ist Mitgründer und Geschäftsführer der Non-Profit-Initiative Startup Teens. Quelle: dpa, teens, Montage Handelsblatt
Ehrengast

Johannes Vogel ist Mitglied des Deutschen Bundestags und Generalsekretär der FDP NRW. Hauke Schwiezer ist Mitgründer und Geschäftsführer der Non-Profit-Initiative Startup Teens.

(Foto: dpa, teens, Montage Handelsblatt)

Deutschland ist arm an Rohstoffen. Und mit dem eigentlichen Rohstoff unseres Landes, dem kreativen Kapital der Menschen, gehen wir viel zu sorglos um. Das kann gerade jetzt zum Problem werden. Denn wir werden nach der Krise ein ebenso kräftiges Wachstum wie vor der Krise brauchen – alles andere als ein Selbstläufer. Um dieses Wachstum zu erreichen, müssen wir noch stärker als bisher auf eines setzen: digitale Innovationen.

In Deutschland wurden das Auto und Aspirin erfunden, ebenso der Computer und mit MP3 sogar die Technik, um die Digitalisierung zum Klingen zu bringen. Es gibt also kein Naturgesetz, wonach disruptive Ideen, die uns ökonomisch in die Zukunft katapultieren, nicht hierzulande das Licht der Welt erblicken können. Um aus Ideen aber konkrete Produkte und Dienstleistungen werden zu lassen, die unsere Welt prägen wie heute etwa das Smartphone, braucht es vor allem eins: Unternehmertum. Denn Unternehmerinnen und Unternehmer sind geborene Innovatoren.

Sie bauen die Brücke zwischen frischen Sichtweisen und wirtschaftlichen Potenzialen, zwischen technischen Möglichkeiten und ihrer Marktfähigkeit. Sie übernehmen Verantwortung für eine Idee, die ihnen keine Ruhe lässt. So schaffen sie Neues – mal schleichend, mal als große Provokation des Bestehenden.

Das ist die große Stärke unserer fundamentalen Überzeugung, dass gesellschaftliche und wirtschaftliche Freiheit untrennbar zusammengehören. Nur so setzen wir die überlegene Stärke der Bottom-up-Kreativität frei – umso wichtiger in einer Zeit, in der uns China mit seinen staatlich gesteuerten Top-down-Innovationen herausfordert. Was hätten wir alles für Möglichkeiten, wenn wir die inkrementelle Innovationskraft der Mittelständler etwa in Westfalen oder Württemberg mit mehr disruptiver Sprunginnovation verbinden?

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    Zur ehrlichen Analyse gehört aber auch: Bisher kommen die großen digitalen Innovationen vor allem von der anderen Seite des Atlantiks – oder zunehmend aus Asien. Das muss nicht so bleiben, aber das passiert nicht von allein. Und weil es eben oft junge Unternehmen sind, die genau das schaffen und so die Zukunft Deutschlands in die eigenen Hände nehmen, brauchen wir mehr Start-ups „made in Germany“.

    Ja, ja, mag jetzt mancher denken: Diese Analyse ist nicht neu. Wir brauchen mehr Venture-Kapital für junge Unternehmen, weniger Bürokratie in der Aufbauphase und eine echte Gründerkultur und entsprechende Netzwerke. Das stimmt – manches konnten wir hier auch schon auf den Weg bringen, viel mehr bleibt noch zu tun. Aber ein zentraler Faktor ist bisher viel zu wenig diskutiert worden: der Faktor Alter.

    Vier-Punkte-Plan für mehr junges Gründertum

    In Amerika werden 25 Prozent der sogenannten „Unicorns“, also Firmen, die später einmal eine Milliarde Dollar oder mehr wert sind, die unsere Welt revolutionieren und auf Dauer enorme Wertschöpfung und Arbeitsplätze schaffen, von 19- bis 25-Jährigen gegründet. Erkennen Menschen in diesem Alter Produkte, Dienstleistungen und Märkte häufig früher als andere? Oder kommen sie in den USA oftmals schon im Teenager-Alter mit Entrepreneurship in Kontakt? Oder vielleicht beides?

    Die Voraussetzungen, die Ideen und die Lust an der unternehmerischen Unabhängigkeit sind auch bei uns in Deutschland vorhanden: Laut einer aktuellen, repräsentativen Umfrage der Startup Teens wollen 49 Prozent der befragten Schülerinnen und Schüler der Generation später ein eigenes Unternehmen gründen. Nur ein erschreckend kleiner Bruchteil setzt dies hierzulande später aber in die Tat um – bisher. Was also können wir tun, um junge Menschen zu ermutigen, diese Option im Zuge ihrer Ausbildung nicht zu verwerfen, sondern vielmehr weiterzuverfolgen? Vier konkrete Vorschläge:

    Erstens: Entrepreneurship Education in der Schule

    Wenn Gründerförderung erst nach der Schulzeit beginnt, haben viele junge Menschen bereits gedanklich einen anderen Weg eingeschlagen. Eine aktuelle Untersuchung des Global Entrepreneurship Monitor belegt, dass Nationen, die bereits in der Schule einen hohen Fokus auf Entrepreneurship Education legen, signifikant mehr Gründungen haben und diese nachhaltig erfolgreicher sind. Deutschland liegt hier bei 54 untersuchten Ländern auf einem desaströsen 36. Platz – nach Pakistan, Guatemala und Armenien.

    Als die FDP-Schulministerin der schwarz-gelben NRW-Koalition das Schulfach Wirtschaft letztes Jahr zur Pflicht an allen weiterführenden Schulen machte, kritisierten Gewerkschaften, Grüne und SPD das einförmig und reflexhaft: „Wirtschaft“ sei halt „Lobby“. Leider bezeichnend und vor allem fatal! Denn das Verständnis für wirtschaftliche Zusammenhänge und Grundlagen unseres Wohlstands darf keine parteipolitische Frage sein. Schlimm genug, dass es in einer der größten Industrienationen in der überwiegenden Mehrzahl der Bundesländer möglich ist, die Schule ohne echten Wirtschaftsunterricht zu verlassen, weil es kein Pflichtfach gibt.

    Dabei kann das Schulfach Wirtschaft nur der erste Schritt sein: Wir müssen dies im nächsten Schritt zu einer echten Entrepreneurship Education ausbauen, Lehrer dazu aus- und fortbilden, für regelmäßige Praktika in Unternehmen schicken und das Ganze bundesweit ausrollen. Will Deutschland auch künftig in Sachen Innovation und Kreativität ganz oben mitspielen, muss es mehr in die unternehmerische Bildung investieren – für eine höhere Gründungsquote, aber auch für mehr unternehmerisch denkende Angestellte.

    Zweitens: Programmieren als Grundkompetenz

    Um eigene (Gründungs-)Ideen im digitalen Zeitalter umsetzen zu können, wird ein eigenes Verständnis vom Programmieren immer wichtiger. Daher ist es auch für dieses Ziel von elementarer Bedeutung, Kinder bereits ab der ersten Klasse spielerisch an Coding heranzuführen und die Fähigkeiten über die gesamte Schulzeit hinweg in einem eigenen Schulfach Informatik weiter auszubauen. Besonders wichtig ist die Förderung von Mädchen, denen auch im Jahre 2020 aufgrund verstaubter Vorurteile häufig immer noch eingeredet wird, sie hätten dafür kein Talent.

    Digitale Lerninhalte können aber nur vermittelt werden, wenn auch digitale Lernmethoden und Lehrmittel zur Verfügung stehen. In vielen Bundesländern wurden während der Pandemie endlich Schülerinnen und Schüler mit einem Tablet oder Laptop ausgestattet. Das sollten wir ab sofort zur Regel machen, und zwar ab der ersten Klasse. Heranwachsende, deren Eltern diese Hardware nicht bezahlen können, bekommen ein Gerät gestellt. Nachdem der Bund mit dem „Digitalpakt Schule“ Bildung endlich als nationale Aufgabe begreift, steht das Geld dafür und für die Qualifizierung der Lehrerinnen und Lehrer längst bereit. Jetzt muss dieser Topf verstetigt und endlich ohne Bürokratiehürden auch genutzt werden.

    Drittens: Gründen schon mit 16 Jahren

    Die Umsetzung eigener Ideen macht der deutsche Gesetzgeber unnötig schwer, indem er Gründungen von unter 18-Jährigen nur dann erlaubt, wenn die Unterschrift beider Eltern vorliegt sowie das Einverständnis des Familiengerichts, welches oftmals keinerlei Bezug zum Thema Gründen hat. Wenn Deutschland wieder ein Land der großen Innovationen werden soll, braucht es deshalb mehr Flexibilität, weniger Bürokratie und weitaus mehr mutige Menschen, die der Staat auch mutig sein lässt. Das geht besser, auch ohne den natürlich zu gewährleistenden Schutz Jugendlicher zu vernachlässigen. Eine haftungsbeschränkte Unternehmergesellschaft (UG) etwa schützt das Privatvermögen und ist bereits ab einem Euro Kapital gründbar. Diese Rechtsform wollen wir daher schon für 16-Jährige öffnen. Sobald beide Eltern hierzu ihr Einverständnis erklären, sollte dies zukünftig ausreichend sein.

    Viertens: Weg mit der Anstellungs-Norm

    In Deutschland gibt es immer noch eine vermeintliche Königsform der Beschäftigung: sozialversicherungspflichtig angestellt, Vollzeit, keine Zeitarbeit. Alles andere ist schon nach wissenschaftlicher Definition atypisch, in der politischen Debatte ohne jede nähere Betrachtung der genauen Umstände dann gleich prekär. Und das wirkt sich aus: Selbstständige und Freelancer müssen sich mit einer bürokratischen und oft willkürlichen Statusfeststellung quälen, fallen in der Coronakrise bei der Bundesregierung durchs Raster und werden von ihr auch sonst häufig als Erwerbstätige zweiter Klasse behandelt. Das prägt unsere Gesellschaft. Je mehr wir diese überkommene Vorstellung einer angeblich allein erstrebenswerten Erwerbsform aufbrechen, desto mehr junge Menschen können in ihrem Umfeld auf offene Ohren und Ermutigung hoffen, falls sie das Unternehmertum als ihren Lebensweg entdecken oder auch nur ausprobieren wollen.

    Ein konkreter Ansatzpunkt hierfür ist die Berufsorientierung an den Schulen. Für diese ist die Bundesagentur für Arbeit zuständig. Deren gesetzlichen Auftrag sollten wir so präzisieren, dass hier alle Erwerbsformen als gleichwertige Optionen vermittelt werden – inklusive der Gründung eines eigenen Unternehmens. Die Berufsberater sollten zudem die nach bayerischen und nordrheinwestfälischen Vorbildern immer häufiger vor Ort entstehenden (digitalen) Gründerzentren einbeziehen. Diese Zentren brauchen wir künftig flächendeckend, und zwar mit einem Fokus auf wirtschaftlich schwächere Regionen. So könnten auch alle Schülerinnen und Schüler deren Arbeit bereits als Teenager kennen lernen und inspiriert werden. Das wäre doppelt sinnvoll: Denn in Deutschland gilt Mentoring bislang noch im Wesentlichen als großzügiges Ehrenamt von Älteren, die ihr Wissen weitergeben. Die jüngeren Digital Natives können jedoch auch Sparringspartner für ihre Mentoren sein. Riskieren wir, dass unsere Kinder schlauer sind als wir – und dass sie früher und erfolgreicher gründen!

    Mehr: Johannes Reck ist Teil des Vordenker-Jahrgangs 2020. Warum das Start-up GetYourGuide gut durch die Coronakrise kommt, berichtet er im Interview.

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