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Gastkommentar Willkommenskultur fördern: Die Verwaltung muss sich neu erfinden

Wie wichtig eine kreative Verwaltung ist, zeigt die Coronakrise. Um deren Leistungskraft zu steigern, brauchen wir vor allem eine Öffnung für „Querwechsler“ aus der Wirtschaft.
  • Isabell Nehmeyer-Srocke, Katrin Suder und Sebastian Muschter
28.09.2020 - 19:56 Uhr 1 Kommentar
Isabell Nehmeyer-Srocke ist Kämmereileiterin der Stadt Köln, Katrin Suder ist Vorsitzende des Digitalrates, Senior Advisor und Multiaufsichtsrätin, Sebastian Muschter ist Mitglied der Geschäftsleitung bei PD. Sie sind die Initiatoren des Querwechsler-Netzwerks.
Die Autoren

Isabell Nehmeyer-Srocke ist Kämmereileiterin der Stadt Köln, Katrin Suder ist Vorsitzende des Digitalrates, Senior Advisor und Multiaufsichtsrätin, Sebastian Muschter ist Mitglied der Geschäftsleitung bei PD. Sie sind die Initiatoren des Querwechsler-Netzwerks.

Die deutsche Verwaltung hat sich während der Coronakrise in vielerlei Hinsicht bewährt. Die Krisenstäbe und viele Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter im öffentlichen Dienst haben mit ihrem ebenso besonnenen wie effizienten Engagement Deutschland vor Schlimmerem bewahrt. Die Gesundheitsämter haben den enormen Anforderungen standgehalten.

Aber es gibt gleichwohl auch eine parallele, weniger rühmliche Verwaltungsrealität: Deutschlands Behörden hinken bei strukturellen Veränderungen oft hinterher. Der Hauptgrund: Der öffentliche Dienst lebt immer noch zu sehr in seiner eigenen Welt, ist zu geschlossen und möglicherweise nicht attraktiv genug für Querwechslerinnen und Querwechsler aus der Wirtschaft.

Die Liste der Defizite ist lang: So liegt Deutschland bei der Digitalisierung bestenfalls im EU-Mittelfeld – in den meisten Behörden dominiert immer noch Papier, was sich gerade in der Coronakrise rächt. So verfolgen die Gesundheitsämter die Infizierten immer noch in mühevoller Papierarbeit.

In den Schulen hängt der digitale Unterricht vom individuellen Engagement und der IT-Kompetenz einzelner Lehrerinnen und Lehrer ab. All diese Probleme sind Teil einer generellen Problematik: Die deutsche Verwaltung steht für Verlässlichkeit und Stabilität, aber nicht für zeitgemäße Transformationen und klugen Wandel.

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    Genau das brauchen wir aber, um die großen Herausforderungen zu meistern: den Kampf um Daten, den Klimawandel, Pandemien, zunehmende soziale Ungleichheit und Fluchtbewegungen. Das ist nicht zu schaffen, wenn sich die Verwaltung nicht neu erfindet!

    Führungskräfte auf Augenhöhe mit Politik

    Einige Bundestagsabgeordnete haben aktuell in ihrem Buch „Neustaat“ mehr als 100 Vorschläge zur Modernisierung der Verwaltung gemacht. Voraussetzung ist demnach zunächst eine Neuausrichtung der Politik, um die Rahmenbedingungen für die Verwaltung zu ändern.

    Es gibt eine Fülle von Ideen, wie es künftig gehen kann und gehen soll. Um diese umzusetzen, braucht es aber Führungskräfte, die mutig und auf Augenhöhe mit der Politik sprechen. Und die zukunftsorientierte, langfristig ausgerichtete Modernisierungsmaßnahmen trotz der Kurzlebigkeit des politischen Tagesgeschäfts voranbringen und auch implementieren.

    Die Führungskräfte, die über Jahrzehnte im Verwaltungssystem sozialisiert wurden, schaffen diesen Wandel nicht allein. Zu oft sind sie gegen Wände gerannt, Innovation wurde nicht belohnt. Im Ergebnis haben viele sich entsprechend angepasst, um im System der vielschichtigen, oft starren und auch gegensätzlichen Anforderungen der Verwaltung zu bestehen. Verstärkt wird der Druck durch die Tatsache, dass im öffentlichen Sektor in den nächsten zehn Jahren jeder Dritte altersbedingt ausscheiden wird.

    Für eine wirkliche Veränderung hin zu mehr Effizienz und Modernität bedarf es eines unvoreingenommenen Blicks von außen und der Erkenntnisse und modernen Arbeitsweisen, die in der Wirtschaft längst etabliert sind, kurzum: Es bedarf erfahrener Köpfe, die von der Wirtschaft in die Verwaltung wechseln.

    Die bisher von Juristen dominierte Verwaltungskultur kann so durch ein frisches Denken bereichert werden, das stärker auf Kooperation und Veränderung setzt und einen diversen Kompetenzmix schafft.

    Für eine aktuelle Studie hat die Hertie School 26 Führungskräfte interviewt, die aus der Privatwirtschaft in eine höhere Leitungsposition des öffentlichen Sektors gewechselt sind. Die Studie zeigt, dass die Querwechslerinnen und Querwechsler Kompetenzen mitbringen, die der öffentliche Bereich bisher nur unzureichend fördert.

    Dazu zählen eine hohe Umsetzungskompetenz, ein modernes Führungsverständnis, starkes Projektmanagementwissen sowie die Fähigkeit, gleichermaßen strategisch, innovativ und „out of the box“ wie auch lösungsorientiert und betriebswirtschaftlich zu denken.

    Wechsel mit Lobbyarbeit assoziiert

    Die Querwechslerinnen und Querwechsler können neue Impulse setzen, ohne sich durch antrainierte Betriebsblindheit selbst im Ansatz zu stoppen, und sie können Brücken bauen: innerhalb der Verwaltung wie auch zwischen Verwaltung und Wirtschaft.

    So weit die Potenziale. Diese scheinen aber bisher nur unzureichend genutzt: Es gibt kaum Querwechslerinnen bzw. Querwechsler, und viele sind schon nach wenigen Jahren wieder in die Privatwirtschaft zurückgewechselt. Das liegt u. a. an den langwierigen Entscheidungsprozessen im öffentlichen Sektor, einem weit verbreiteten Silodenken und einem häufigen Vorrang politischer Überlegungen vor klarer Ergebnisorientierung.

    All das sind Aspekte, die für Leute aus der Wirtschaft schwer zu durchschauen – und teils auch schwer zu ertragen – sind. Zudem sehen wir aufseiten der Wirtschaft wie der Verwaltung Abstoßungsreaktionen gegenüber den Querwechslerinnen und Querwechslern.

    Möglicherweise, weil sie mit ihrem Fokus auf Veränderung und Effizienz zu wenig Feingefühl für die Besonderheiten des öffentlichen Sektors zeigen. Auch ist zu beobachten, dass gerade in Deutschland der Wechsel vielfach mit Lobbyarbeit assoziiert wird.

    Die Studienergebnisse zeigen ebenfalls, dass es dem öffentlichen Sektor an Klarheit für das Mandat der Querwechslerinnen und Querwechsler sowie an einem Onboarding-Konzept fehlt.

    Viele Köpfe aus der Wirtschaft – das zeigt die Studie der Hertie School – sind motiviert, sich unpolitisch und für die Wirkungssteigerung des öffentlichen Sektors einzusetzen: für das Gemeinwohl und für gesellschaftliche Veränderungen. Dieses große Potenzial an Innovations- und Gestaltungskompetenz gilt es für die Verwaltung zu gewinnen!

    Fünf Faktoren

    Hierfür sind unseres Erachtens fünf Faktoren wichtig:

    Erstens: klar aufzeigen, was die öffentliche Verwaltung als Arbeitgeber zu bieten hat: Der öffentliche Sektor trägt hohe Verantwortung und bietet spannende, sinnstiftende Aufgaben mit enormem Wirkungsgrad.

    Zweitens: Privater und öffentlicher Sektor müssen näher zusammenrücken: Viele Unternehmen haben erfolgreich Veränderungen umgesetzt, die die Behörden noch vor sich haben. Gerade bei Digitalisierung, Innovation und Kundenorientierung kann der öffentliche Sektor viel lernen.

    Umgekehrt profitiert der private Sektor von einem besseren Verständnis der öffentlichen Verwaltung, ein Stakeholder-Wissen, das in der Nach-Corona-Welt mit zunehmend staatlichem Einfluss auf Unternehmensentscheidungen zentral sein wird.

    Zum nötigen Erfahrungsaustausch und Querwechseln gibt es bereits erste wichtige Initiativen wie Tech4Germany & Work4Germany, Staat-Up sowie das Querwechsler-Netzwerk, die weiterentwickelt werden sollten.

    Drittens: Diverse Teams sind erfolgreicher, innovativer und steigern die Effektivität: Querwechslerinnen und Querwechsler bringen neue Ideen und Erfahrungen ein, die gerade der öffentliche Bereich gut gebrauchen kann. Vielfalt meint immer auch Vielfalt der Sichtweisen und der Erfahrungen.

    Viertens: Die Ausbildung der Beamtinnen und Beamten und Verwaltungsangestellten sowie das Dienst- und Beamtenrecht brauchen dringend eine Reform: In der Ausbildung sollte der Nachwuchs weniger darauf getrimmt werden, wie man Zuständigkeiten abgrenzt, sondern wie man als Organisation lebenslang lernt und Synergien schafft. Das Dienst- und Beamtenrecht muss durchlässiger werden, um den Wechsel sowie interessante Karrieren zu ermöglichen.

    Fünftens: Wir müssen die Türen und Fenster öffnen: Oft erscheint die Verwaltung verschlossen für Ideen von außen. In jeder Organisation – privat wie öffentlich – entstehen über die Jahre Gewohnheiten und Abläufe, die irgendwann überholt sind und neuen, moderneren Arbeitsweisen weichen sollten.

    Dafür braucht die Verwaltung Führungskräfte, die einen frischen Blick von außen mitbringen, aber dennoch sensibel im System agieren können. Querwechslerinnen und Querwechsler können dies leisten.

    Das Potenzial der Querwechslerinnen und Querwechsler für eine moderne, effizientere Verwaltung in Deutschland ist immens. Dieses Potenzial sollten wir gemeinsam heben.

    Mehr: Die Gesundheitsämter sollen verstärkt werden – Doch schon jetzt ist ein Fachkräfteengpass absehbar

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    1 Kommentar zu "Gastkommentar: Willkommenskultur fördern: Die Verwaltung muss sich neu erfinden"

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    • "Katrin Suder war unter der früheren Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen Rüstungsstaatssekretärin und ist eine Schlüsselfigur in der sogenannten Berater-Affäre. Bei ihrer Befragung im Untersuchungsausschuss sagt sie auf konkrete Fragen nach Treffen und Besprechungen oft, daran habe sie keine Erinnerung. Der Termin mit Suder zeigt abermals, wie eng Berater und Hausspitze in dieser Zeit miteinander verwoben waren - und wie das bei denen ankam, die nicht zu diesem Freundeskreis gehörten." aus: Süddeutsche Zeitung 30. Januar 2020, 19:25 Uhr.
      Ich bin doch sehr überrascht und finde es unpassend, dass gerade Frau Suder die Gelegenheit bekommt, zu dem o.g. Thema im Handelsblatt zu schreiben.

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