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Gastkommentar Wir brauchen einen Kapitalismus 2.0

Die Pandemie ist eine enorme Belastung für unsere Ökonomien und Gesellschaften. Aber die Krise birgt auch große Chancen, wenn wir jetzt richtig handeln.
04.06.2020 - 23:37 Uhr Kommentieren
Klaus Schwab ist Gründer und geschäftsführender Vorsitzender des Weltwirtschaftsforums. Quelle: dpa
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Klaus Schwab ist Gründer und geschäftsführender Vorsitzender des Weltwirtschaftsforums.

(Foto: dpa)

Die Lockdown-Maßnahmen wegen der Corona-Pandemie werden langsam und Stück für Stück zurückgenommen. Das allerdings ändert nichts daran, dass die Sorgen über die gesellschaftliche und wirtschaftliche Zukunft der Welt nach wie vor zunehmen. Dafür gibt es gute Gründe: Ein starker Wirtschaftsabschwung hat bereits eingesetzt, und möglicherweise stehen wir vor der schlimmsten Depression seit den 1930er-Jahren. Nun ist diese Entwicklung zwar nicht unwahrscheinlich, gleichzeitig jedoch nicht unvermeidlich.

Wenn wir ein besseres Ergebnis erreichen wollen, muss die Welt rasch und gemeinsam handeln, um alle Aspekte unserer Gesellschaften und Wirtschaften, vom Bildungswesen bis zum Gesellschaftsvertrag und zu den Arbeitsbedingungen, umzugestalten. Jedes Land, von den USA bis China, und jede Branche, von der Erdöl- und Erdgas- bis zur Technologieindustrie, muss sich einem Wandel unterziehen. Kurz ausgedrückt: Wir brauchen einen „Great Reset“ oder, auf Deutsch, einen großen Neustart des Kapitalismus.

Es gibt viele Gründe, einen großen Neustart anzustreben, aber der dringendste ist Covid-19. Die Pandemie, die bereits mehrere Hunderttausend Tote verursacht hat, ist eine der schlimmsten Gesundheitskrisen der jüngeren Geschichte. Und mit weiter steigenden Fallzahlen in vielen Teilen der Welt ist sie längst noch nicht vorüber.

Dies wird langfristig ernste Folgen für das Wirtschaftswachstum, die Verschuldung der öffentlichen Haushalte, die Beschäftigung und das Wohlbefinden der Menschen haben. Laut „Financial Times“ hat die weltweite öffentliche Verschuldung bereits jetzt den höchsten Stand in Friedenszeiten erreicht.

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    In vielen Ländern ist außerdem die Arbeitslosigkeit hochgeschnellt: So hat sich zum Beispiel in den USA seit Mitte März jeder vierte Arbeitnehmer arbeitslos gemeldet, wobei die wöchentlichen Neuanträge alle historischen Zahlen weit übertreffen. Der Internationale Währungsfonds (IWF) erwartet für dieses Jahr einen Rückgang des globalen Bruttoinlandsprodukts um drei Prozent.

    Wirtschaftskrise, Klimakrise und Gesellschaftskrise

    All dies wird die Klimakrise und Gesellschaftskrise, die uns bereits vor der Pandemie belasteten, weiter verschärfen. Einige Länder haben die Covid-19-Krise bereits als Rechtfertigung für die Schwächung des Umweltschutzes und der Umweltvorschriften genutzt. Und der Ärger über soziale Missstände – der gesamte Reichtum der US-amerikanischen Milliardäre ist während der Krise noch gestiegen – nimmt weiter zu.

    Wenn diese Probleme nicht jetzt angegangen werden, werden diese Krisen gemeinsam mit Covid-19 Dimensionen erreichen, die kaum noch bewältigbar sind. Die Welt wird noch weniger nachhaltig, noch ungleicher und noch instabiler werden. Schrittweise Maßnahmen und Ad-hoc-Lösungen werden nicht ausreichen, um dieses Szenario zu verhindern. Wir müssen völlig neue Grundlagen für unser Wirtschafts- und Sozialsystem schaffen.

    Dies erfordert ein beispielloses Ausmaß an Zusammenarbeit und Ehrgeiz. Aber es ist kein unmöglicher Traum. Eine gute Seite der Pandemie ist, dass sie gezeigt hat, wie schnell wir unsere Lebensweise radikal ändern können. Die Krise hat die Unternehmen und Personen gezwungen, fast unverzüglich Praktiken aufzugeben, die lange Zeit als unverzichtbar galten, von häufigen Flugreisen bis zur Arbeit in einem Büro.

    Die Zeit der Lippenbekenntnisse ist vorbei

    Auf ähnliche Weise haben die Menschen ganz überwiegend den Willen gezeigt, für das Wohl des Gesundheitspersonals und anderer unverzichtbarer Arbeitskräfte und gefährdeter Bevölkerungsgruppen wie älterer Menschen Opfer zu bringen. Und viele Unternehmen haben ihre Unterstützung für Arbeitnehmer, Kunden und lokale Gemeinschaften verstärkt und damit einen Wandel zu der Art von Stakeholder-Kapitalismus vollzogen, zu der sie vorher ein Lippenbekenntnis abgelegt hatten.

    Der Wille, eine bessere Gesellschaft aufzubauen, ist also ganz klar vorhanden. Das ist eine notwendige Voraussetzung, aber keine hinreichende. Wir müssen jetzt den Neustart wagen, den wir so dringend brauchen. Dies erfordert eine neue Rolle des Staats und starke Regierungen. Und wir benötigen dringend das Engagement des Privatsektors auf jedem Schritt des Weges.

    Drei Bereiche müssen angegangen werden

    Die Agenda des großen Neustarts würde drei Hauptbestandteile umfassen. Der erste wäre eine effizientere Steuerung des Markts, damit dieser fairere Ergebnisse liefert. Zu diesem Zweck könnten die Regierungen ihre Koordination (zum Beispiel in der Wirtschafts- und Steuerpolitik) verbessern. In einer Zeit sinkender Steuereinnahmen und steigender Verschuldung der öffentlichen Haushalte besteht für die Regierungen ein starker Anreiz dazu.

    Wichtig ist außerdem, dass die Regierungen längst überfällige Reformen umsetzen, die letzten Endes auch gerechtere Ergebnisse in den Gesellschaften fördern. Je nach Land könnten dies Vermögensteuern, der Ausstieg aus den Förderungen für fossile Brennstoffe oder neue Urheberrechts-, Handels- und Wettbewerbsbestimmungen sein.

    Der zweite Hauptbestandteil des großen Neustarts müsste sicherstellen, dass Investitionen gemeinsame Ziele wie Gleichberechtigung und Nachhaltigkeit fördern. Hier bilden die umfassenden Ausgabenprogramme vieler Regierungen eine große Chance für den Fortschritt.

    Die Europäische Kommission hat zum Beispiel Pläne für einen billionenschweren Wiederaufbaufonds bekanntgegeben. Und auch die USA, China und Japan verfügen über ehrgeizige Konjunkturprogramme.

    Anstatt diese Mittel sowie die Investitionen privater Einrichtungen und Pensionsfonds zum Füllen der Risse im alten System zu verwenden, sollten wir diese nutzen, um ein langfristig widerstandsfähigeres, gerechteres und nachhaltigeres System zu schaffen. Dies bedeutet zum Beispiel die Errichtung „grüner“ städtischer Infrastrukturen und die Schaffung von Anreizen für die Industrien, um ihre Bilanz bei ökologischen, sozialen und Governance-Kennzahlen zu verbessern.

    Der dritte und letzte Schwerpunkt des großen Neustarts besteht darin, die Innovationen der vierten industriellen Revolution zur Unterstützung des Allgemeinwohls zu nutzen, insbesondere zur Lösung der Herausforderungen im Gesundheits- und Sozialbereich. Während der Covid-19-Krise haben Unternehmen, Universitäten und sonstige Einrichtungen ihre Kräfte vereint, um Diagnosetechniken, Behandlungen und mögliche Impfstoffe zu entwickeln.

    Alle Lebensbereiche, alle Branchen sind betroffen

    Gemeinsame Testzentren oder Mechanismen zur Rückverfolgung von Krankheitsfällen wurden eingerichtet, und medizinische Fernversorgung wurde ermöglicht. Denken wir daran, was möglich wäre, wenn wir ähnlich koordinierte Anstrengungen in allen Bereichen und Branchen unternehmen würden.

    Die Covid-19-Krise betrifft alle Aspekte des menschlichen Lebens auf der ganzen Welt. Aber die Tragödie muss nicht ihr einziges Erbe sein. Im Gegenteil: Die Pandemie bietet eine seltene und einmalige Chance, darüber nachzudenken, wie wir unsere Welt neu gestalten können. Das Ergebnis am Ende könnte mehr Gesundheit, mehr Gleichberechtigung und auch mehr Wohlstand sein.

    Mehr: Kanzlerin Angela Merkel zur Coronakrise: „Wir müssen jetzt alles tun, um da wieder herauszukommen“

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