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Gastkommentar Wird die Klimakrise zur Bankenkrise?

Vor genau einem Jahr verpflichteten sich 16 Banken zum Kampf gegen die Erderhitzung. Dennoch ignoriert der Finanzsektor die Dringlichkeit des Problems, kritisiert Thomas Jorberg.
29.06.2021 - 19:40 Uhr Kommentieren
Thomas Jorberg ist Vorstandssprecher der Gemeinschaftsbank für Leihen und Schenken GLS. Quelle: GLS/Patrick Tiedtke
Thomas Jorberg

Thomas Jorberg ist Vorstandssprecher der Gemeinschaftsbank für Leihen und Schenken GLS.

(Foto: GLS/Patrick Tiedtke)

Die Zahlen des jüngsten Berichtsentwurfs des Weltklimarats der Vereinten Nationen (IPCC) sind alarmierend: Eine Erderwärmung um zwei Grad würde weitere 420 Millionen Menschen dem Risiko von Hitzewellen aussetzen. Außerdem könnten bis 2050 als Folgen von Dürren bis zu 80 Millionen Menschen an Hunger leiden. Die Forscher warnen ebenso vor Wassermangel wie vor Überschwemmungen – mit dramatischen Konsequenzen für die menschliche Zivilisation.
Angesichts der fortschreitenden Klimakrise kommt die Einsicht von Wirtschaft und Politik, Maßnahmen gegen die Erderhitzung zu ergreifen, gerade in Deutschland reichlich spät. Außerdem reicht es etwa im Bankensektor längst nicht mehr aus, nachträglich Nachhaltigkeitskriterien in die Investitions- und Geldanlagekriterien zu integrieren. Und auch eine positive Abgrenzung der Green Investments vom gesamten Anlageportfolio greift zu kurz.

Denn ohne rasches Umsteuern führt die Klima- direkt zur nächsten Finanzkrise. Vor exakt einem Jahr, am 30. Juni 2020, verpflichteten sich 16 deutsche Banken, ihre Kredit- und Investmentportfolios gemäß den Zielen des Pariser Klimaabkommens auszurichten. Auch die Gemeinschaftsbank für Leihen und Schenken (GLS) unterzeichnete das Bündnis. Der Klimaschutzbeitrag des Finanzsektors soll gemessen und veröffentlicht werden. Ziel ist die Verringerung von Treibhausgasemissionen.
Von den Treibhausgasemissionen hängt laut IPCC das Ausmaß der Risiken ab. Für die Finanzindustrie heißt das: Je länger sie in verfassungswidriger Weise Klimaschutz nur zögerlich betreibt, desto größer werden die physischen Risiken. Die Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIS) und die Zentralbanken haben die Herausforderung erkannt und sind entschlossen zu handeln, wie der „Green Swan Report“ und die „Green Swan Conference“ Anfang Juni gezeigt haben.

Wie kann der Finanzsektor sofort handeln?

Sie wenden sich der entscheidenden Frage zu: Wie kann der Finanzsektor sofort und konkret handeln, um die mit der Klimakrise verbundenen Risiken zu entschärfen? Das Problem wird im Report kurz und bündig zusammengefasst: Ohne schnelles Handeln wird aus der Klimakrise eine Finanzkrise. Gute Vorsätze jedenfalls reichen bei Weitem nicht mehr aus.
Zugegeben, der Markt steht nicht still. Beinahe täglich kommt irgendwo ein neuer Klima-ETF auf den Markt, ein neuer Wasser-Fonds oder ein Green Bonds. In schillernden Werbeanzeigen wird überall mit Klimaneutralität geworben. Das trifft auf einen dankbaren Nährboden, denn weltweit ist viel zu viel Geld im Markt, das nach Investitionsmöglichkeiten sucht. Jedes Angebot wird gut angenommen, unabhängig davon, wie die Nachhaltigkeit konkret definiert ist.
Überall werden Berater und Beraterinnen eifrig geschult, wird ihnen das Kürzel ESG nahegebracht, das für die drei großen Nachhaltigkeitsbereiche „Environment, Social, Governance“ steht. Auch an großen Zielsetzungen wie der Dekarbonisierung mangelt es nicht. Aus der Perspektive des Klimaschutzes sind das überfällige Vorsätze. Aber die reichen nicht mehr.

Spätestens das Urteil des Bundesverfassungsgerichts von Ende April hat festgelegt: Es muss gehandelt werden – und zwar jetzt. Die Verantwortung liegt im Heute und darf unter keinen Umständen auf morgen verlagert werden, zulasten künftiger Generationen. Was für die Politik gilt, gilt erst recht für die Wirtschaft. So groß die Chancen in grünen, klimaneutralen Investments sind, so hoch sind die Risiken in konventionellen Investments.

Bestimmte Kreditlinien sind ausfallgefährdet

Angesichts der viel zu zögerlichen Klimaschutzpolitik werden die physischen Risiken durch Trockenheit, Stürme, Brände oder Überschwemmungen in den kommenden Jahren und Jahrzehnten ebenso exponentiell zunehmen wie die gefürchteten transitorischen Risiken durch Klimaschutzmaßnahmen. Investitionen in CO2-emittierende Unternehmen und Technologien dürften schon in den nächsten Jahren ausfallgefährdet sein, dasselbe gilt für Kreditlinien.
Vor zwei Jahren hat die Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (Bafin) ein „Merkblatt zum Umgang mit Nachhaltigkeitsrisiken“ veröffentlicht. Klimarisiken sind längst verknüpft mit Bonitätsbewertungen und Renditeerwartungen. Physische Schäden und politisch dringend notwendige Rahmenbedingungen wie etwa der CO2-Preis sorgen für Wertminderungen von Industriezweigen wie Kohle und Öl.

Für Banken bedeutet das: Klimasünder in der eigenen Bilanz stellen erhöhte Ausfallrisiken dar, die es einzurechnen gilt. Allein, dass hier eine eher konservative Behörde wie die Bafin auf Risikomessung von Klimafaktoren pocht, sollte bei allen Marktteilnehmern die Alarmglocken schrillen lassen. Umso mehr sollten die Finanzinstitute es zum Anlass nehmen, endlich ihre kurzfristige Gewinnperspektive rasch in eine langfristige, an Nachhaltigkeit orientierte Strategie zu überführen.

Denn die dramatischen Warnungen vor dem Klimakollaps lassen sich auch auf die Banken übertragen: Es geht schlicht ums Überleben.
Die Europäische Zentralbank scheint hier schon weiter zu sein. Ihre Präsidentin Christine Lagarde plant einen Klimastresstest für die 125 größten Banken in der Europäischen Union. Sie will so offenbar Expertise aufbauen, um die Klimarisiken zu verringern.

Der CO2-Preis müsste viel höher sein

Das ist zu begrüßen. Denn die Frage lautet längst nicht mehr, ob und mit welchem Amibitionsniveau Banken Nachhaltigkeit und Klimaschutz in ihre Strategie aufnehmen. Die Frage ist vielmehr, wie sie die Chancen dieser Entwicklung umsetzen können und wie stark sie von den Risiken betroffen sind, die sie bereits in den Büchern haben oder durch fehlende Nachhaltigkeitskriterien weiter hereinnehmen.

Jede Bank sollte künftig verschiedene Risikoszenarien entwickeln und darstellen, ob und wie sie mit diesen Szenarien umgehen kann.
Natürlich, das alles hat auch mit der Politik zu tun! Sie hat es versäumt, früh die richtigen Rahmenbedingungen zu setzen, um rechtzeitig eine rasche Energiewende und den Umbau hin zu einer emissionsarmen Wirtschaft einleiten zu können.

Der CO2-Preis beispielsweise müsste viel höher sein, um eine spürbare Lenkungswirkung entfalten zu können. Derzeit verbinden viele Unternehmen ihre kurzfristige Gewinnmaximierung mit lauten Rufen nach Subventionen.

Für Banken und Finanzdienstleister wird es Zeit, endlich die neuen Chancen zu erkennen. Der Klimaschutz und die sozial-ökologische Transformation von Wirtschaft und Gesellschaft gehen einher mit jährlichen Milliardeninvestitionen, die im Übrigen durchaus dem Gemeinwohl förderlich sein können. Leider setzt sich diese Erkenntnis viel zu langsam durch.

Die Anpassung von Wirtschaft und Finanzindustrie an die Klimakrise müsste viel schneller erfolgen. Und sie könnte das auch. Bis dahin aber gilt, was der IPCC-Entwurf zu den globalen Schutzmaßnahmen resümiert: „Der derzeitige Stand der Anpassung wird unangemessen sein, um künftigen Klimarisiken zu begegnen.“

Der Autor: Thomas Jorberg ist Vorstandssprecher der Gemeinschaftsbank für Leihen und Schenken (GLS).

Mehr: EZB-Studie: Klimawandel ist für Banken mit erheblichen Risiken verbunden.

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