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Grass' Israel-Phobie Der Dichter als Weltenretter

Der fast vergessene Günter Grass hat mit seinem Gedicht neue Aufmerksamkeit erlangt, weltweit. Dafür hat er eines der letzten Tabus gebrochen. Ein Gastbeitrag.
Ein Plakat zeigt Günter Grass. Quelle: dapd

Ein Plakat zeigt Günter Grass.

(Foto: dapd)

Düsseldorf Wie hätten wir die nachrichtenarmen Ostertagen ohne Günter Grass überlebt? Der fast vergessene Literat hat sein Ziel erreicht: neue Aufmerksamkeit, weltweit. Wie hat er bloß neun Millionen Google-Einträge geschafft?

Dazu zwei nicht mehr ganz frische jüdische Witze aus der Nachkriegszeit. Der erste spielt auf dem Hauptbahnhof, wo ein Mann mit Koffer verschiedene Reisende anspricht: „Entschuldigen Sie, sind Sie Antisemit?“ Einer nach dem anderen schlägt aufgebracht zurück: „Was fällt Ihnen ein? Eine Frechheit!“ Doch der Letzte antwortet: „Ja, natürlich! Ich kann die Juden nicht ausstehen!“ Der Kofferträger jubelt: „Endlich ein ehrlicher Mensch. Würden Sie bitte einen Moment auf mein Gepäck aufpassen?“

Im zweiten Witz überfährt ein Auto das Stoppschild und kracht in ein anderes. Der Fahrer steigt aus und fragt den Schuldigen: „Verzeihung, sind Sie zufällig Jude?“ – „Nein, wieso?“ – „Du blöde Sau, du blinde! Ich könnte dich umbringen!“

Josef Joffe ist Herausgeber der Wochenzeitung „Zeit“ Quelle: PR

Josef Joffe ist Herausgeber der Wochenzeitung „Zeit“

(Foto: PR)

Die Witze erklären, warum Grass der Coup gelang. Er hat eines der letzten Tabus – andere sind Sex mit Kindern und Tieren – geknackt. Er hat, unredlich und verschwiemelt, Diffamierung und Dämonisierung vom Zügel gelassen, zwei klassische Zutaten des Antisemitismus. Alles unter dem salvierenden Vorwand, zu sagen, „was gesagt werden muss“ – so der Titel des Gedichts. Dazu hat er eine vertraute Technik benutzt, die ihm brausenden NPD-Applaus beschert hat. Zulange habe er verschwiegen, was „offensichtlich“ ist. Zulange habe er sich „Lüge und Zwang“ unterworfen, die „Strafe“ gefürchtet, die dem „Verdikt Antisemitismus“ folge. Grass als Held der Aufklärung, als Erlöser Germaniens.

Ein ganz kleiner Held ist der große Dichter. „Israel-Kritik“ ist täglich Brot für die Medien, für die politische Klasse – mal schärfer, mal milder. Elogen an „das tapfere kleine Israel, das sich gegen die arabische Übermacht wehrt“, sind Altertumsgeschichte. „Israel-Kritik“ – wo bleiben „Frankreich-“ oder „Ägypten-Kritik“? – erfordert so viel Mut wie ein Sprung in den Wellness-Pool.

Der Stammtischbarde Grass, der uns vor 53 Jahren das Meisterwerk „Die Blechtrommel“ geschenkt hat, köpft einen Drachen, den es nicht gibt, um auf dem realen Ungeheuer zu reiten. Das ist die Verteufelung des staatgewordenen Juden Israel. Der klassische Antisemitismus sagt: „Der Jude ist unser Unglück“; er ermordet Christus, vergiftet die Brunnen, saugt uns aus und schändet arisches Blut. Einst salonfähig, schon vor den Nazis, sind derlei Zuweisungen heute pfui.

„Es“ genkt in Grass

Man darf in der Tat nicht sagen, dass der Jude das Böse verkörpert, und das ist gut so. Aber Israel genießt diesen Schutz nicht, und deshalb die ungeheuerliche Übertragung auf den Judenstaat. Laut Grass wolle Israel nicht nur das „iranische Volk auslöschen“, sondern die ganze Welt. Deren Vernichtung sei die Konsequenz der atomaren „Planspiele“, an „deren Ende als Überlebende wir allenfalls Fußnoten sind“. Damit sprengt der Wahn die alten Dimensionen. Früher wollte der Jude bloß Weltherrschaft, heute will er in Gestalt Israels die Welt in den Atomtod schicken.

So denkt „es“ in Grass. „Es“ kann nicht anders, als die konträren Fakten auszusperren, zum Beispiel, dass nicht Israel den Iranern routinemäßig die Vernichtung verspricht, sondern umgekehrt. Das Regime meine es nicht so, und Ahmadinedschad sei bloß ein „Maulheld“. Den „Erstschlag“ plane allein Israel, ein Verbrecherstaat im Quadrat.

Onkel Sigmund würde zufrieden an der Zigarre saugen und über „Obsession“ dozieren – über zwanghafte Gedanken, die ihr Träger nicht bannen kann. Über „Projektion“ auch – die Befreiung von unerträglicher Schuld durch Outsourcing. Israel, dem Erben der Opfer, muss die Maske der Moralität vom Gesicht gerissen werden, damit es aufhöre, uns „zur Rede zu stellen“. Einst die Täter, sind die Deutschen nun die Opfer der Opfer, die mit ihren Auslöschungsplänen den moralischen Vorsprung ein für alle Male verspielt haben.

Ist das Antisemitismus? Nein, nicht der alte, der ist und bleibt tabu. Aber dessen klassische Strukturelemente – Obsession und Projektion, Diffamierung und Dämonisierung – quellen aus den Zeilen wie Klärschlamm aus lecken Rohren. Und die guten Nachrichten? Die könnten besser nicht sein. Bis auf ein paar übliche Verdächtige, die den platten Subtext des Gedichts nicht zu verstehen vorgaben und von „legitimer Israel-Kritik“ nuschelten, hat die politische Klasse mit der gebotenen Abscheu reagiert. Das Land darf stolz sein auf die Blechtrommel – aber noch mehr auf eine 70 Jahre alte liberal-demokratische Tradition, die den unredlichen Entlastungsangriff des Dichters nicht nötig hat.

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