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Kolumne: Russische ImpressionenBeide Augen zu – Russland ist zu einem Land der Mitläufer geworden

Gehorsam, Loyalität, Pragmatismus: Das Volk und Teile der geistigen Elite machen es sich im Alltag der Staatspropaganda bequem. Das erinnert an ein anderes Regime.Konstantin Goldenzweig 28.06.2022 - 12:52 Uhr Artikel anhören

In den Schulen betreiben Lehrerinnen und Lehrer auf Geheiß des Staates massive Propaganda für Putins Krieg.

Foto: AP

Die Nazi-Verbrechen während des Zweiten Weltkriegs waren beispiellos, weshalb wir uns vor umfänglichen historischen Vergleichen hüten sollten. Aber dennoch sehe ich gewisse Schnittpunkte. Je länger dieser Krieg andauert und je mehr Opfer er fordert, desto offensichtlicher werden die Parallelen zwischen dem nationalen Führer Wladimir Putin, wie er in Russland genannt wird, und Adolf Hitler.

Das betrifft vor allem die Rhetorik und den Umgang mit dem eigenen Volk. So sprach Adolf Hitler im März 1938 Österreich das Recht auf Eigenstaatlichkeit ab und erklärte, warum dessen Anschluss unausweichlich war. Die vorherige österreichische Regierung habe versucht, „die Bildung eines wahrhaft großen Deutschen Reiches zu verhindern und damit den Weg in die Zukunft des deutschen Volkes zu verriegeln“.

Im Februar 2022 argumentierte Putin ähnlich, als es darum ging, seine „militärische Spezialoperation“ auf dem Gebiet des „künstlichen“ ukrainischen Staates zu rechtfertigen: „Die Ukraine ist für uns nicht nur ein Nachbarland. Sie ist ein integraler Bestandteil unserer eigenen Geschichte, Kultur, unseres spirituellen Raums.“

Die Parallelen zum Dritten Reich zeigen sich in diesen Monaten auch in einem anderen Punkt: Die Mehrheit der Bevölkerung muss sich nicht quälend mit dem Thema Kriegsverbrechen befassen. Um unbeschwert weiterzuleben, reicht allein die gehorsame Unterstützung, die Loyalität gegenüber dem Regime. Es reicht aus, nicht darüber nachzudenken, womit die Armee des eigenen Landes tatsächlich im Nachbarstaat beschäftigt ist.

Für einen Menschen, der diese Mischung aus blindem Gehorsam und Alltagspragmatismus zeigt, gibt es spätestens seit den 1940er-Jahren im Deutschen einen Begriff: „Mitläufer“. Die russische Sprache muss noch ein passendes Wort für dieses Phänomen erfinden.

Ein Beispiel ist das Verhalten von Lehrern in der Stadt Klin, eine Autostunde von Moskau entfernt. Neulich erhielt die Leitung ihrer Schule eine E-Mail, die angeblich von der regionalen Abteilung der Regierungspartei „Einiges Russland“ versandt wurde. Der Brief forderte die Pädagoginnen und Pädagogen dazu auf, einen Subbotnik – einen unbezahlten Arbeitseinsatz auf dem Schulhof – unter dem Motto „Arbeit macht frei“ zu veranstalten.

Lehrer verbreiten Patriotismus

In der E-Mail waren auch bevorzugte Slogans für die Plakate angegeben, unter anderem: „Ein Volk, ein Staat, ein Führer.“ Gemäß den Empfehlungen aus dem Brief schickten die Lehrer der Schule als Antwort einen Fotobericht der Veranstaltung an die Mitarbeiter der Parteiabteilung.

Hinter der Aktion stand jedoch keine lokale Parteiinitiative, sondern ein vom weißrussischen politischen Künstler Wladislaw Bokhan inszenierter Streich. Seine Wahl sei nicht zufällig auf Schulen gefallen, erklärte er. Nach vielen Jahren der Krise im kaputtgesparten russischen Bildungswesen arbeiteten nun in den Klassenzimmern völlig ungeeignete Lehrer; sie seien weder dazu in der Lage, Kindern Wissen zu vermitteln noch gelänge es ihnen, deren Denkvermögen zu entwickeln.

Der russische Journalist schreibt für das Handelsblatt wöchentlich die Kolumne „Russische Impressionen“.

Foto: Klawe Rzezcy

Stattdessen verbreiteten diese Lehrer „Hurra-Patriotismus“ und hätten zugleich Angst vor den Behörden, so die Kritik. Ausgerechnet diese gehorsamen Pädagoginnen und Pädagogen sind es, die im heutigen Russland für die Arbeit in Wahllokalen rekrutiert werden – und gern die Verantwortung für Fälschungen bei der Stimmenauszählung tragen.

Solche „Mitläufer“ begegnen einem in der gesamten russischen Gesellschaft, unabhängig von Schicht und Bildung. Ein weiteres aktuelles Beispiel ist der Direktor der St. Petersburger Eremitage, Mikhail Piotrowski. Er ist Leiter eines der größten Kunstmuseen der Welt, ein Akademiker, der zuvor Auszeichnungen aus einem Dutzend westlicher Länder erhalten hatte. Und er ist Europäer, der eine Politik des „multikulturellen Globalismus“ vertrat. Kürzlich aber gab er ein Interview für die staatliche Zeitung „Rossijskaja Gazeta“, das staunen ließ. Er sei unglaublich stolz darauf, dass „alle Russen Imperialisten und Militaristen sind“, dass „unser Staat eine große globale Wende durchführt und jeder von uns ihn unterstützen muss“. Und er sei auch sehr stolz darauf, dass der ukrainische „Krieg nicht nur Blut und Mord bedeutet, sondern auch eine herrliche Gelegenheit für die russische Nation ist, sich zu behaupten.“ Es schien fast schon seltsam, dass der Direktor der Eremitage sein Interview nicht mit Kritik an entarteter westlicher Kunst beendete.

Mehr Handelsblatt-Artikel zum Krieg in der Ukraine

Die Worte wären nicht überraschend, kämen sie über die Lippen eines der vielen nationalistisch gesinnten russischen Abgeordneten. Doch Piotrowski galt früher als die Verkörperung der alten russischen Intelligenzija, gewissenhaft, liberal und weltoffen. Er war Teil des Milieus, auf dem die Zivilgesellschaft Russlands basierte. Intellektuelle wie Piotrowski begreifen ganz und gar, was ihre Worte bewirken.

Was bedeuten diese Anbiederungsversuche, diese Ängste vor einem Führer? Was bedeutet dieses Mitläufertum? Was bedeutet jener „gewöhnliche Faschismus“, wie es der sowjetische Filmregisseur Michail Romm 1965 in seinem gleichnamigen Kultfilm ausdrückte?

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Zwanzig Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs suchte Romm nach einer Antwort auf die Frage, was Menschen dazu bringt, teils blindgläubig, teils verstehend den Faschismus zu bejahen. Ein halbes Jahrhundert später ist das Thema wieder brandaktuell, lassen sich die von Romm sezierten Mechanismen in Russland überall beobachten. Es ist beängstigend.

Der russische Journalist Konstantin Goldenzweig schreibt für das Handelsblatt wöchentlich die Kolumne „Russische Impressionen“. Der 39-Jährige war von 2010 bis 2020 für verschiedene russische TV-Sender Korrespondent in Deutschland. Noch vor Kurzem arbeitete er bei Doschd, dem letzten unabhängigen russischen TV-Sender, bis dieser den Betrieb einstellen musste. Im März 2022 floh er aus Moskau, um aus Georgien weiterzuarbeiten – wie viele seiner russischen Kollegen auch.

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