Naina und die Bildungsdebatte Naina hat recht, Gedichte machen nicht satt

Mit einem Tweet hat Schülerin Naina eine Debatte über das Bildungssystem losgetreten. Sylke Remmel-Heintzsch, die Hauptschüler für die Zukunft fit macht, beschreibt, warum viele tatsächlich keine Ahnung vom Leben haben.
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Mit diesem Tweet hat eine Schülerin aus Köln eine deutschlandweite Bildungsdebatte losgetreten.

Mit diesem Tweet hat eine Schülerin aus Köln eine deutschlandweite Bildungsdebatte losgetreten.

„Ich bin fast 18 und hab keine Ahnung von Steuern, Miete und Versicherungen. Aber ich kann 'ne Gedichtsanalyse schreiben. In vier Sprachen.“ Mit diesem Tweet hat eine Schülerin aus Köln für mächtig Wirbel gesorgt.

In seinem Morning Briefing erwiderte Handelsblatt-Herausgeber Gabor Steingart: „Steueroptimierer und Versicherungsvertreter treten noch früh genug in Dein Leben. Sei froh, dass Deine Lehrer sie Dir vom Leib halten. Erich Kästner, Kurt Tucholsky und Sarah Kirsch, um einige zu nennen, haben Dir mit ihrer Dichtung wahrscheinlich mehr zu bieten. Sie bereichern durch Klang und Klugheit, ohne dass Du dafür Steuern zahlen musst. In ihren Gedankengebäuden lässt sich sogar mietfrei wohnen. Leben ist nur ein anderes Wort für unfertig sein. So gesehen, liebe Naina, bist Du bereits mittendrin.“

Nun, ich fürchte, hier muss ich widersprechen:

Wenn die Schüler und Schülerinnen weiterhin völlig unvorbereitet auf das wirkliche Leben und auf die Welt losgelassen werden, ohne auch nur den Schimmer einer Ahnung davon, was sie brauchen werden, und was auf sie zukommt (was leider die Elterngeneration heute nicht mehr zu leisten in der Lage zu sein scheint), dann setzt man sie sehenden Auges der Gefahr aus, von eben diesen Steueroptimierern und Versicherungsvertreten mit unglaublichem Schwung über den Tisch gezogen zu werden – wie es ja auch heute schon besser informierten Menschen passiert. Sollen wir das tatsächlich zulassen? Ich glaube nicht.

Ich gehe regelmäßig in Schulen und spreche mit den Kindern, die vor ihrem Schulabschluss und dem Übergang zum Berufsleben stehen, über „das Leben“. Es ist erschütternd, wie wenig diese Generation heutzutage weiß, und nach diesen Gesprächen ist es oft sehr ernüchternd zu sehen, wie oft auch die Lehrer und Lehrerinnen sich über diese Punkte wenig bis keine Gedanken gemacht haben.

Sylke Remmel-Heintzsch

Sylke Remmel-Heintzsch

Mein Weg ist es, die jungen Menschen erstmal nach ihren Berufsvorstellungen zu befragen – diese notiere ich auf einer der Tafelklappen, die ich dann wegklappe. Dann frage ich, was sie denken, wieviel Geld sie monatlich wohl benötigen werden, wenn sie sich „selbständig“ machen und daheim ausziehen – die abenteuerlichsten Antworten von „nicht mehr als ca. 500 Euro“ bis zu absurdesten Zahlen sind Standard. Ab damit auf die andere Klappe und wegklappen.

Nun frage ich, welche laufenden Kosten denn wohl anfallen werden – Brainstorming-mäßig, alle machen mit (ich hab‘ eine kleine Checkliste, manchmal kann man gezielt ein wenig lenken, damit nichts Wichtiges vergessen wird). Wenn nichts mehr kommt, ermitteln wir gemeinsam die Höhe der jeweiligen Kostenpositionen, dabei hilft ein wenig Erfahrung und Realitätssinn… Addieren lasse ich das dann von den Jugendlichen, und die sind häufig sehr erstaunt, wenn da üblicherweise Beträge irgendwo zwischen 1500 Euro und 1750 Euro herauskommen.

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13 Kommentare zu "Naina und die Bildungsdebatte: Naina hat recht, Gedichte machen nicht satt"

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  • Das Geld kommt nicht nur von Papi und dem Amt.
    Oft genug kommt es nur von Mami.
    Versuchen Sie bitte weniger Sexistisch zu sein.

  • Viele Eltern, unabhängig vom Bildungsstand, verstehen auch kaum was von Miete, Steuern, Versicherungen usw. Wie sollen die das den Kindern erklären?
    Das Verständnis von Wirtschaft/Recht ist ein Prozess und nicht nur einmal durch Wikipedia lesen!! Hat nichts mit Recherche zu tun!!! Aber das kommt mit der Lebenserfahrung.
    Wirtschaft/Recht ist genauso wichtig wie Mathe/Biologie/Deutsch usw. Ich selbst empfand Schule auch als "sinnlos, aber im Nachhinein denke ich, es hilft Zusammenhänge besser zu verstehen und ermöglicht einen einfacheren Start ins Studium, aber mehr nicht.
    Und im Studium, lernt man die Arbeitsweise mit komplexen Themen (egal ob komplexe Texte oder Formeln) umzugehen.

    Oftmals verstehen die, die nach der Schule "nur" eine kaufmännischen Ausbildung gemacht haben viel mehr von Steuern, Versicherungen und Miete als manch Akademiker. Aber ich denke das ist nicht der Sinn und Zweck einer weiterentwickelten Gesellschaft. Aber ein Grundverständnis in Wirtschaft/Recht würde aber nicht schaden.

  • Lehrplan für die Realschule; von dem hatte die junge Dame aber nichts mitbekommen: sie geht aufs Gymnasium.


  • Hallo Herr Koopmann,
    da muss ich Sie bzw. Ihre Schule loben. Mich wundert hingegen, warum es im Artikel "heutzutage" heißt. Zu meiner Zeit kam das Thema "Wirtschaft" an der Schule (Gymnasium in NRW) überhaupt nicht vor. In keinem der von mir gewählten Fächer. Ich frage mich auch, ob ich überhaupt Lehrer hatte, die darin kompetent sind. Heute muss ich sagen, leider. Mit dem Thema Vermögensaufbau und Vorsorge habe ich mich erst nach dem Studium beschäftigt. Also zu spät. Selbst als armer Student, der sein Studium selbst finanzieren musste, hätte ich durchaus jeden Monat 10,-DM zurück legen können. Aber keiner der mir bekannten Lehrer kennt sich in solchen Dingen aus. Dies gilt auch für alle anderen Beamte in meinem Bekanntenkreis. Als Beamter muss man sich in solchen Themen ja auch nicht auskennen.
    Aber ist es überhaupt gewünscht, bereits junge Menschen über "Wirtschaft" zu informieren? Wie würde sich das Wahlverhalten der jungen Wähler ändern, würden sie bereits mit 18 begreifen, dass sie bei einigermaßen ordentlichem Verdienst die Hälfte des Jahres für den Staat arbeiten? Wer mit 25 nicht links wählt, hat schließlich kein Herz, und wer mit 35 immer noch links wählt, hat keinen Verstand.
    Ich denke daher, es liegt gar nicht im Interesse unseres Staates, junge Menschen zu in Wirtschaftsfragen kompetente Bürger zu erziehen.

  • @Frau Gaby Guzek

    nicht jeder kann so schönes Deutsch wie Sie :-)

  • @Herr Johannes Koopmann

    Danke! für die Info.

    Da scheint Naina wohl ein wenig geschlafen zu haben im Unterricht ...

  • Mal eine Frage: Unterrichten Sie in genauso verquastem Deutsch wie Sie schreiben? So viel Geseiere - das kann nichts Praktisches sein, was Sie den Schülern da vermitteln. Nicht bei den Worthülsen.

  • "(Liebes Handelsblatt, warum habt ihr aus einer jungen Gymnasiastin eine Hauptschülerin gemacht?)"
    Wo steht denn das? "Schülerin" steht da.
    Was das "Dissen" bzw. mit Kritik umgehen betrifft: damit ist es hierzulande und gerade auch bei HB-Kommentatoren in anderen Themenbereichen sehr gut resp. gar nicht gut bestellt....

  • @Herrn Tor Mei
    Sie haben völlig recht: Keine kruden Wissenschaftstheorien !
    Deshalb werden im Schulunterricht in der Regel anhand von lebensnahen Fallbeispielen Problemstellungen erarbeitet, welche die Schüler/innen weitestgehend selbstständig (überwiegend in Gruppen- oder Partnerarbeit)einer Lösung zuführen.
    Die aus diesem Arbeitsprozess gewonnenen Erkenntnisse
    und Informationen sowie die dadurch eingeübten Handlungsstrategien sollten den jungen Menschen auf
    ihrem weiteren Lebensweg hilfreich sein.

  • Ich finde den Twittereintrag sehr gut, ironisch, pointiert auf den Punkt gebracht - und viel Wahres dran. Weiter so Naina. Bestürzt war ich über die Reaktionen im Netz, warum so viele Hasseinträge? Können wir auch nicht mehr mit Kritik umgehen oder ist das "Dissen" seit "Deutschland sucht den..." ein en vogue?

    (Liebes Handelsblatt, warum habt ihr aus einer jungen Gymnasiastin eine Hauptschülerin gemacht?)

    @ Herrn Koopmann
    Genau da liegt m.E. das Problem: keine kruden Wissenschaftstheorien, sondern angewandtes Wissen für Lebenssituationen, die die Schüler selbst betreffen. Und keine Politik, sondern Wirtschaft. Also: wie der Autor das vorgestellt hat: die Schüler zum Nachdenken anregen, leiten, die eigenen Schlüsse ziehen lassen, lehren, eigenständigen zu recherchieren und nachzudenken. Nicht Theorien über Auswirkungen der Globalisierung.

    Aber auch eine Angewohnheit: Man spricht nicht über Geld. Wollen der Staat und die Wirtschaft keine mündigen Konsumenten? Daher muss der Spruch lautet: Man spricht über Geld nicht genug.

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