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Prüfers Kolumne Abgehängt von der Yoga-Elite

Yoga – im Flugzeug entspannend, im Studio dagegen Sache eines elitären Zirkels. Und dessen Missachtung kann schnell ungeahnte Gefühle wecken.
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Tillmann Prüfer ist Mitglied der Chefredaktion des „ZEIT“-Magazins.
Der Autor

Tillmann Prüfer ist Mitglied der Chefredaktion des „ZEIT“-Magazins.

Ich habe versucht, bei einem längeren Lufthansa-Flug Inflight-Yoga zu machen. Ein entsprechendes Sitz-Yoga-Lehrvideo gibt es im Unterhaltungsprogramm. Alle machen ja jetzt Yoga. Nur ich mache es nicht.

Nicht, dass ich nicht grundsätzlich interessiert wäre. Ich war neulich in einem Yoga-Studio, um mich zu informieren. Ich hatte allerdings sogleich das Gefühl, dass ich dort längst abgehängt bin. Alle Menschen, die dort ein- und ausgingen, wirkten auf mich auf eine seltsame Weise perfekt gestaltet. Sie kamen gerade von ihrer Yoga-Class, Frauen und Männer in ihren Dreißigern mit Körpern, die aussahen wie mit Photoshop bearbeitet.

Hinter dem Tresen im Yoga-Studio saß eine junge Frau. Ich fragte sie nach den Preisen und was so eine Yoga-Matte denn koste. Sie Frau antwortete, eine Naturkautschukmatte koste 70 Euro. Das fand ich ganz schön teuer. Die Frau schenkte gefiltertes Wasser an die Yoga-Menschen aus, zwei Euro fünfzig das Glas. Ich wusste nicht, dass ich mein Leben lang offenbar ungefiltertes Wasser getrunken habe. Die Yoga-Leute beachteten mich nicht.

Das machen natürlich die allermeisten Menschen. Wer beachtet einen schon im Alltag? Hier aber war es anders. Ich hatte das Gefühl, dass sie mich ignorierten, weil man mir ansieht, dass ich ein Nicht-Yoga-Typ bin. So einer, bei dem Körper und Seele Nullkommanull im Gleichgewicht sind, einer, der gänzlich unbewusst durch sein Leben stolpert.

Man sagt, der Körper sei der Tempel der Seele, mein Körper ist allenfalls die Zweiraumwohnung meiner Seele. Seltsamerweise bekam ich schnell ein grollendes Gefühl im Bauch. Nun ahnte ich, wie sich vielleicht die abgehängten AfD-Wähler aus Freital fühlen.

Die Frau sagte, wenn ich so eine Matte kaufen möchte, müsse sie mich darauf aufmerksam machen, dass in dem Studio alle Artikel generell vom Umtausch ausgeschlossen seien. Ich sagte, das könne doch nicht sein, eine Umtauschfrist gebe es doch überall, jedes Geschäft müsse Waren zurücknehmen.

Die junge Frau sagte, das stimme so wohl nicht, und ihr Chef sage, dass man das in diesem Studio nicht mache, nie. Ich wurde langsam ungehalten und meinte, es könne doch wohl nicht sein, dass alle Einzelhändler in Deutschland das machen, aber nur ihr Chef nicht. Was sei denn das für ein Chef, ein Übermensch etwa, besser als alle anderen?

Verlorene, abgehängte Seelen

Die junge Frau sah mich mitleidig an und sagte nichts. Da stand also vor ihr ein verspannter, rechthaberischer Mann mit einem Kopf voller Paragrafen. Eine verlorene Seele. Ich trollte mich. Zu Hause las ich nach, dass es tatsächlich nur im Onlinehandel diese Umtauschpflicht gibt.

Das Inflight-Yoga bei der Lufthansa ist allerdings wie für mich geschaffen. Es geht in etwa so, dass man Übungen mit seinen Zehen macht, dann die Fußgelenke etwas kreisen lässt und die Arme über den Kopf streckt. Man braucht dazu nicht einmal eine Matte. Neben mir saß eine Rentnerin. Sie fand die Übungen auf meinem Bildschirm interessant und machte mit. Die anderen Passagiere sahen uns etwas verständnislos an. Sie verstanden nicht.

Ich empfand Mitleid. All diese verlorenen, abgehängten Seelen.

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