Prüfers Kolumne Behaltet meine Daten!

Alle wollen unsere Daten und müssen dank der DSGVO jetzt um Erlaubnis fragen. Doch über den Einzelnen erzählen die Daten herzlich wenig.
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Daten wegschließen? Nö, sagt Kolumnist Tillmann Prüfer. Quelle: dpa
Neue Datenschutzgrundverordnung

Daten wegschließen? Nö, sagt Kolumnist Tillmann Prüfer.

(Foto: dpa)

Ich werde in diesen Tagen immer wieder von Firmen und anderen Organisationen angeschrieben, die mir in fast entschuldigender Manier mitteilen, dass sie Daten von mir haben.

Wegen der neuen Datenschutz-Grundverordnung (DSGVO) seien sie nun aber angehalten, mich davon in Kenntnis zu setzen, dass sie Daten von mir besitzen und netterweise gerne jene Daten behalten wollten und deswegen mir versichern möchten, dass sie jene Daten zu nichts, also gar nichts anderem heranziehen wollen, als sie vielleicht für firmeninterne Zwecke zu nutzen, sie aber keinesfalls verkaufen wollen oder so.

Tillmann Prüfer ist Mitglied der Chefredaktion des „ZEIT“-Magazins.
Der Autor

Tillmann Prüfer ist Mitglied der Chefredaktion des „ZEIT“-Magazins.

Ich habe hier eine Mitteilung für alle, die in ihren Schubladen, Festplatten und Netzwerk-Ecken noch Daten von mir finden: Ihr dürft sie behalten. Echt! Macht was Schönes damit, rahmt sie ein und hängt sie an eure Bürowand, spielt damit Datenraten. Aber schreibt mich bitte nicht mehr an. Ich bekomme zu viel DSGVO-Post. Ich will auch mal wieder andere E-Mails bekommen. Wirklich. Das wäre echt nett, danke.

In den vergangenen Monaten konnte man den Eindruck bekommen, Daten wären das neue Gold. Als lohne es sich, im Boden zu graben und Daten zu schürfen, also „Datamining“ zu betreiben, weil man, wenn man genügend Daten hat, damit alles machen kann.

Man kann ganz allein mit Daten US-Präsident werden, dazu braucht man gar keinen Wahlkampf mehr. Es wird nicht mehr lange dauern, da werden wir über die ungerechte Datenverteilung in diesem Land diskutieren. Weil es Menschen gibt mit vielen, vielen Daten und andere mit wenig Daten. Man wird dann von Datenprekariat sprechen und darüber streiten, ob es sein darf, dass manche schon mit mehr Daten im Namen auf die Welt kommen als andere.

Es gibt Privilegierte wie den Freiherrn zu Guttenberg, der schon als „Karl-Theodor Maria Nikolaus Johann Jacob Philipp Franz Joseph Sylvester“ geboren wurde. Was soll da jemand denken, dessen Eltern sich gerade mal ein „Ulf“ leisten konnten?

Wenn ich mir allerdings die Daten anschaue, die ich selbst generiere, kann ich gar nicht glauben, dass die wertvoll sein sollen. Ich finde, dass sie den ausgesprochen langweiligsten Teil von mir ausmachen. Es mag ja sein, dass man anhand der Dinge, die ich mir im Internet angucke, kaufe oder kommentiere, hochrechnen kann, was ich morgen kaufen, angucken und kommentieren könnte.

Aber so will ich mich selbst nicht sehen. Ich finde, ich bin nicht die Summe meines Klickverhaltens. Ich interessiere mich nicht so sehr für das Vorhersehbare, sondern für das Überraschende. Den Daten nach zu urteilen ist es wahrscheinlich, dass jemand, der heute langweiligen Kram macht, auch morgen noch langweiligen Kram macht. Das mag schon sein. Aber eigentlich hätte ich gerne mit Leuten zu tun, die sich dafür interessieren, was wir morgen ganz Neues, Unerwartetes, Grandioses zusammen machen könnten.

Bis es so weit ist, wünsche ich viel Freude mit meinen Daten. Außer, wenn wir demnächst mit unserer Google-Suchchronik ein Bier bezahlen können und das Wechselgeld anschließend in Tweets ausgezahlt bekommen. In diesem Fall hätte ich meine Daten gerne zurück, alle.

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