Prüfers Kolumne Bei der Deutschen Bahn ist man immer „genau richtig“

Die Bahn sucht Tausende neue Mitarbeiter. Bewerbungen werden auch ohne Motivationsschreiben angenommen. Was steckt dahinter?
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Der Konzern will allein dieses Jahr rund 19.000 Mitarbeiter einstellen. Quelle: dpa
Ausbildung bei der Bahn

Der Konzern will allein dieses Jahr rund 19.000 Mitarbeiter einstellen.

(Foto: dpa)

Wenn man sich bei der Deutschen Bahn künftig bewerben möchte, braucht man dazu kein Motivations-Anschreiben mehr. Die meisten Azubis seien froh, wenn sie nicht mehr so viel schreiben müssten, heißt es bei der Bahn. Mich würde interessieren, wie solche Entscheidungen zustande kommen.

Vielleicht hat man bemerkt, dass es viele, viele Bewerber gibt, die den festen Willen haben, ihr Berufsleben in den Dienst der Deutschen Bahn zu stellen – aber dann daran scheitern, diese Begeisterung in Worte zu fassen.

Es ist vielleicht wie beim Verliebtsein. Jede Zelle des Körpers schreit nach dem ersehnten Partner – aber wenn man diese Liebe zu Papier bringen möchte, versagt der Stift. Alles, was man niederschreibt, klingt irgendwie lau und abgeschmackt.

Tillmann Prüfer ist Mitglied der Chefredaktion des „ZEIT“-Magazins.
Der Autor

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Vielleicht hat man bei der Bahn so viele verunglückte Liebesbriefe bekommen, dass man zu dem Schluss kam, dass es ja auch gar nicht nötig sei, das auszusprechen, was unaussprechlich ist. Dass es vielleicht gut ist, wenn es zwischen Bahn und Bahnarbeiter eine gewisses süßes Geheimnis der Zuneigung gibt – und dass man manchmal auch Dinge kaputt machen kann, wenn man sie unbedingt in Worte fassen muss.

Es ist natürlich auch möglich, dass der Fall ganz anders liegt. Dass die Bewerber am Motivationsschreiben deshalb scheiterten, weil ihnen beim besten Willen nicht einfiel, was einen dazu motivieren sollte, bei der Bahn zu arbeiten. Als man früher Matrosen geheuert hat, hat man sie ja auch keine Motivationsschreiben entwerfen lassen, warum es so schön sein könnte, auf einem von Ratten und Krankheiten verseuchten Schiff lebensgefährliche Arbeit zu tun.

Vielleicht will die Deutsche Bahn gar nicht, dass man sich zu sehr mit den Inhalten des Jobs auseinandersetzt. Das Unternehmen wird vielleicht entsprechende Nachforschungen getroffen und erhoben haben, wie viele potenzielle Bewerber den Bewerbungsvorgang abbrechen, nachdem sie versucht haben, zu ergründen, was an der Deutschen Bahn erstrebenswert sein soll.

Dabei ist die Arbeit bei der Deutschen Bahn sehr, sehr vielfältig. Man kann bei der Bahn immerhin mehr als 50 verschiedene Berufe ergreifen. Man kann sich etwa als Tiefbauarbeiter bewerben. Das Jobprofil auf der Recruiting-Website ist hier: „Du bist ein echter Anpacker und am liebsten draußen tätig? Dann bist Du bei uns genau richtig!“

Die Deutsche Bahn bietet auch die Ausbildung zum Elekotroanlagenmonteur: „Du denkst bei einem Transformator nicht an einen Actionfilm? Dann bist Du bei uns genau richtig!“ Es gibt auch eine Ausbildung zur Fachkraft für Schutz und Sicherheit: „Konflikte schrecken Dich nicht ab, sondern Du löst diese lieber? Dann bist Du bei uns genau richtig!“

Oder auch die Ausbildung zum Kaufmann für Büromanagement: „Du bist ein Kommunikationstalent in Wort und Schrift und beherrscht neben Deutsch auch andere Sprachen? Dann bist Du bei uns genau richtig!“ Es gibt keinen Weg, bei der Deutschen Bahn nicht genau richtig zu sein. Wenn man aber gar nicht falsch sein kann, dann ist auch jede Erklärung überflüssig, warum man meint, bei dem Konzern richtig zu sein. Wir sind es einfach. Alle.

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