Benachrichtigung aktivieren Dürfen wir Sie in Ihrem Browser über die wichtigsten Nachrichten des Handelsblatts informieren? Sie erhalten 2-5 Meldungen pro Tag.
Fast geschafft Erlauben Sie handelsblatt.com Ihnen Benachrichtigungen zu schicken. Dies können Sie in der Meldung Ihres Browsers bestätigen.
Benachrichtigungen erfolgreich aktiviert Wir halten Sie ab sofort über die wichtigsten Nachrichten des Handelsblatts auf dem Laufenden. Sie erhalten 2-5 Meldungen pro Tag.
Jetzt Aktivieren
Nein, danke

Prüfers Kolumne Die Corona-bedingte Entschleunigung überfordert viele

Durch das Coronavirus haben die Menschen plötzlich Zeit im Überfluss. Im Gegensatz zu früher erscheint diese nun aber als Last.
02.04.2020 - 13:24 Uhr 1 Kommentar
Handelsblatt: Prüfers Kolumne
Der Autor

Tillmann Prüfer ist Mitglied der Chefredaktion des „Zeit-Magazins“.

Ich erinnere mich, wie es noch im vergangenen Jahr hieß, der eigentliche Reichtum, den es gebe, sei die Zeit. Denn: Das Geld, das könne man vermehren, die Zeit aber nicht. Und wer ständig in Meetings unterwegs sei, von A nach B jette, Deals abschließe, dem mangele es vor allem an einem: Zeit, Zeit, Zeit. Die rinne ihm durch die Finger.

Wir haben ja eine riesige Entschleunigungswelle hinter uns: Slow Food und „langsames Denken“ und Managementklassiker wie „Wenn du es eilig hast, gehe langsam“. Ein Buchtitel lautete auch „Im Club der Zeit-Millionäre“.

Wenn es danach geht, sind jetzt ziemlich viele Leute Zeit-Milliardäre. Es gibt einen unglaublichen Zeit-Aufschwung, vergleichbar höchstens mit dem Dotcom-Boom Ende der 90er-Jahre. Aus klitzekleinen Zeit-Portfolios werden gigantische Vermögen. Ich kenne Menschen, die haben ihre Habe praktisch komplett auf Zeit umgestellt.

Aber offenbar ist es mit der Zeit so wie mit allem, das im Überfluss zu Verfügung steht: Man weiß es dann nicht mehr zu schätzen. Man wird ihm überdrüssig. Die Zeit, über die man sich früher so gefreut hätte, erscheint einem plötzlich als Last. Man möchte sie sogar loswerden.

Top-Jobs des Tages

Jetzt die besten Jobs finden und
per E-Mail benachrichtigt werden.

Standort erkennen

    Ich höre jetzt wenig an Triumphgeschrei, dass die Menschen nun endlich, endlich den wahren, ultimativen Reichtum des Müßiggangs erlangt hätten. Man befürchtet sogar das Schlimmste – eine schwere Rezession. Es ist nun so, dass man die ganze Zeit dringend wieder loswerden und wieder zu Geld machen möchte.

    Dabei ist Zeit an sich ja eine sehr subjektive Sache. Sie ist das, was wir als Zeit empfinden. Wenn viel in unserem Leben passiert, scheint die Zeit wie im Fluge zu vergehen, weil immer wieder Neues unsere Aufmerksamkeit fesselt. In Nachhinein erscheint uns diese Zeitspanne als sehr lang.

    Wenn eigentlich gar nichts passiert, scheint die Zeit zu schleichen, und die Langeweile erscheint einem unerträglich. Wenn man sich jedoch später erinnert, dann kommt einem die ereignisarme Periode relativ kurz vor. Zum Beispiel haben die Menschen das Gefühl, dass ihre Jugend ein halbes Leben gedauert habe. Während ihnen das Leben im Alter nur so dahinzurinnen scheint.

    Die Küchenpsychologie rät dazu, eher im Moment zu leben. Schließlich soll das Leben im „Jetzt“ spielen. Das hat allerdings den Nachteil, dass der Moment meistens nicht sooo toll ist. Wann ist es denn eigentlich mal wirklich so, dass man dem Augenblick am liebsten zurufen möchte: „Bitte, verweile doch!“? 

    Ich denke mal, in den allermeisten Fällen sind es einerseits die Dinge in der Zukunft, auf die man sich total freut. Andererseits gibt es Ereignisse, die in der Vergangenheit viel toller erscheinen, als sie eigentlich waren. Den Moment zu umarmen ist also keine Lösung.

    Der Zustand, nicht so viel zu tun zu haben, ist übrigens offenbar nicht neu: „Stress“ wurde als Begriff erst 1984 in den Brockhaus aufgenommen. Entweder hatte man davor für alles immer genügend Zeit, oder man hatte sich einfach keine Gedanken darüber gemacht. Jedenfalls fühlte man sich nicht so gestresst, als dass man deswegen ein Wort dafür hätte erfinden müssen. Wie haben die Leute das durchgehalten? Vielleicht hilft uns ja Corona, das herauszufinden.

    Mehr: Das Homeoffice macht krank

    Startseite
    Mehr zu: Prüfers Kolumne - Die Corona-bedingte Entschleunigung überfordert viele
    1 Kommentar zu "Prüfers Kolumne: Die Corona-bedingte Entschleunigung überfordert viele"

    Das Kommentieren dieses Artikels wurde deaktiviert.

    • "Der Mediziner, Biochemiker und Hormonforscher Hans Selye (1907–1982) gilt als Vater der Stressforschung. Er prägte den Begriff Stress in den 1930er-Jahren und ist auch heute noch weltweit der meistzitierte Autor zu diesem Thema. Selye bezeichnet mit dem Wort Stress die physiologische Anpassungsreaktion des Körpers auf jegliche Art von Belastung."
      aus Gallasch, E. Was ist Stress?

    Zur Startseite
    -0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%