Prüfers Kolumne Die Tradition des beschwingten Fliegens

Betrunkene Fluggäste sorgen immer wieder für Ärger. Trotzdem gibt es Gründe, sich vor dem Abflug einen doppelten Whiskey zu genehmigen.
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Tillmann Prüfer ist Mitglied der Chefredaktion des „ZEIT“-Magazins.
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Britische Flughäfen überlegen, den 24-Stunden-Alkoholausschank zu beschränken. Es soll zu Beschwerden gekommen sein. Es gibt zu viele Beschwerden bei den Fluggesellschaften. Betrunkene Fluggäste sind ein nicht zu unterschätzendes Problem. Leider benehmen sich angetrunkene Leute in Flugzeugen zuweilen ungebührlich. Dabei ist es eine Tradition, dass sich Flugpassagiere schon in der Abflughalle berauschen.

Am Berliner Flughafen Schönefeld hat man dieses Prinzip sogar in die Architektur einbezogen. Der Weg zu den Gates der Easyjet-Flüge führt direkt durch einen Irish Pub. Jeder Passagier muss sich also mit dem Gedanken beschäftigen, ob er nicht doch noch ein Guinness trinken möchte, bevor es sich in die Warteschlange am Flugsteig stellt. Andere Fluggäste stoßen gern mit einem Prosecco auf den gemeinsamen bevorstehenden Strandurlaub an.

Es waren auch die Fluglinien, die überhaupt mit der Trunkenheit beim Fliegen begonnen haben. Als Fliegen nämlich noch nicht so selbstverständlich wie Busfahren war, wollte man die Passagiere durchaus gern etwas alkoholisiert haben. Man bekam schon am lichten Tage schnell Wein und Sekt serviert und nach dem Essen einen Cognac. Fluggesellschaften wollten sogar namentlich mit dem Thema Alkohol identifiziert werden.

So nannte eine Fluggesellschaft in den Fünfzigern das nach Aprikose und Orange schmeckende Gemisch, das in der ersten Klasse serviert wurde, stolz „Lufthansa-Cocktail“. Die Vorstellung, dass das Flugzeug ein Platz war, in dem man gepflegt beschwipst werden konnte, kam den Gesellschaften sehr entgegen.

Denn Passagiere, denen vom Alkohol die Lider schwer werden, sind problemlose Passagiere, die schlummern, anstatt sich Sorgen zu machen, ob das Flugzeug vom Himmel fallen könnte. Ein Passagier war am besten im halbkomatösen Zustand zu transportieren.

Flugangst scheint heute nicht mehr das Hauptproblem der Passagiere zu sein. Wenn man Angst vor dem Fliegen hat, dann nicht selten wegen der Passagiere, die sich schlecht benehmen, weil sie hackedicht sind. Am Londoner Flughafen Stansted musste diesen Sommer ein Ryanair-Passagier aus der Maschine eskortiert werden, der als die Disney-Figur Tinker Bell verkleidet war und andere Passagiere bedroht hatte.

Ein Jet2-Flug von Belfast nach Ibiza musste in Toulouse zwischenlanden, um einen betrunkenen Passagier loszuwerden, der im Flugzeug mit einer Gummipuppe hantiert hatte. Bei einem Flug von Denver, Colorado, nach Charleston in South Carolina wurde ein betrunkener Passagier in die letzte Sitzreihe versetzt, was er damit quittierte, dass er in die Tasche des Sitzes vor ihm urinierte.

Ein Flug von St. Croix nach Miami bekam Probleme, weil sich betrunkene Passagiere plötzlich begonnen hatten zu prügeln.

Auch in Stuttgart blieb dieses Jahr ein Flugzeug am Boden. Nicht etwa, weil die Passagiere betrunken gewesen wären. Es war vielmehr der portugiesische Co-Pilot, der nicht mehr gerade gehen konnte. Wenn man sich das allerdings vergegenwärtigt, dann möchte man sich vielleicht doch ganz gern einen doppelten Whiskey vor dem Flug genehmigen.

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