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Prüfers Kolumne Ein Bewerbungsgespräch sollte wie ein Plausch unter Freunden sein

In Zeiten anonymisierter Bewerbungen sind Vorstellungsgespräche nicht gerade einfacher geworden. Abhilfe kann ausgerechnet Tinder schaffen.
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Tillmann Prüfer ist Mitglied der Chefredaktion des „ZEIT“-Magazins.
Der Autor

Tillmann Prüfer ist Mitglied der Chefredaktion des „ZEIT“-Magazins.

In New York verleiht nun eine Bibliothek nicht mehr nur Bücher, sondern auch Krawatten und Handtaschen. Die Sachen sind für Menschen bestimmt, die ein Bewerbungsgespräch vor sich haben und sich dazu so anziehen wollen, dass ihr Arbeitgeber ihnen auch zutraut, einer regelmäßigen Beschäftigung nachzugehen. Die Bibliothek verleiht freilich nicht ausschließlich Accessoires für den Jobeinstieg. Man kann dort auch allerlei Unterlagen und Tipps für das richtig geführte Bewerbungsgespräch bekommen.

Bewerbungsgespräche scheinen in den vergangenen Jahren nicht einfacher geworden zu sein. Das ist auch nicht sehr verwunderlich. Heute haben Bewerbungsunterlagen oft nicht einmal mehr ein Foto, geschweige denn einen (handschriftlich) geschriebenen Lebenslauf. Um mögliche Diskriminierungen auszuschließen, sind Bewerbungsunterlagen heute so standardisiert, dass man sich kaum noch einen Eindruck davon verschaffen kann, mit wem man es eigentlich zu tun hat.

Damit ist die Stellenbesetzung ein bisschen wie die Dating-App Tinder geworden. Aus der Ferne gesehen sind alle irgendwie total toll und superinteressant. Die große Ernüchterung setzt erst dann ein, wenn man sich wirklich gegenübersitzt.

Bei dem Bewerbungsgespräch kommt es nun auf alles an: In der kurzen Zeit muss man den erhofften Arbeitgeber vom eigenen hervorragenden Charakter überzeugt und alle möglichen Zweifel ausgeräumt haben. Man muss einigermaßen passabel aussehen, aber auch nicht zu gut, um zu vermeiden, dass man den Eindruck macht, man sei nur auf Oberflächlichkeiten beschränkt.

Man muss einen gebildeten Eindruck machen, aber gleichzeitig sollte man nicht zu intellektuell erscheinen – sonst gerät man leicht in Verdacht, man sei überqualifiziert. Man muss sehr freundlich sein, aber nicht überfreundlich, das macht eher misstrauisch. Man muss fachlich kompetent erscheinen, aber gleichzeitig darf man nicht überkompetent sein, denn man darf nicht den Eindruck erwecken, den Job besser zu verstehen als der, der einen einstellen soll.

Kurzum: Man sollte sich so verhalten, als sei das ein ganz normales, interessantes Gespräch, wie man es jeden Tag führt. Was bedeutet, dass man so tun muss, als sei eine hochgradig ungleiche, asymmetrische, sehr, sehr unnatürliche und stressige Situation, in der man dem Urteil einer anderen Person restlos ausgeliefert ist, gar nicht grauenhaft, sondern genau das Gegenteil: ein netter Plausch unter guten Freunden, die gern über die Zukunft reden.

Wer solch ein Gespräch ohne Probleme durchstehen kann, leidet wahrscheinlich an Persönlichkeitsspaltung, was auch eine Erklärung wäre, warum man in hohen Positionen so oft Menschen mit psychischen Auffälligkeiten findet. Ich habe gelesen, dass sich in den USA nun eine neue Form der Jobsuche etabliert.

Man verabredet sich über Tinder. Beim Date redet man erst über die eigene Person, dann über die Projekte, die man macht – und erkundigt sich schließlich, ob es nicht zufällig einen Job zu vergeben gibt. Es soll ganz gut funktionieren. Vielleicht ist das tatsächlich die einzige Art, vernünftig ein Bewerbungsgespräch zu führen.

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