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Prüfers Kolumne Flugangst verbindet

Im Flugzeug sitzt man oft stundenlang neben Menschen, von denen man nichts wissen will. Dabei gibt es ein Thema, das viele Passagiere eint.
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Tillmann Prüfer ist Mitglied der Chefredaktion des „ZEIT“-Magazins.
Der Autor

Tillmann Prüfer ist Mitglied der Chefredaktion des „ZEIT“-Magazins.

Ich saß neulich in einem Flugzeug neben einer Frau. Ich finde Flugzeugsitzen eine erstaunliche Beschäftigung. Man kann stundenlang direkt neben einem anderen Menschen zubringen, ohne irgendetwas von ihm zu erfahren. Das geht offenbar nur im Flugzeug.

Wäre man stattdessen in einem leeren Raum mit einer anderen Person, wäre es schon nach fünf Minuten ein seltsamer Zustand, überhaupt nicht miteinander zu kommunizieren. Ich nehme an, dies hängt damit zusammen, dass man sich aus der Flugsituation nicht selbstständig befreien kann.

Man ist auf Gedeih und Verderb einander ausgeliefert. Und man will einerseits nicht jemandem auf die Nerven fallen. Andererseits will man auch gerne selbst seine Ruhe haben und niemanden kennen lernen, der einem eventuell auf die Nerven fallen würde. Vielleicht müsste man sonst ein langes Gespräch führen über ein Thema, das einen gar nicht interessiert. Deshalb tut man lieber so, als wäre der andere gar nicht da.

Ich denke beim Fliegen manchmal: Wenn das Flugzeug abstürzen würde, dann würde ich nun neben jemand sterben, den ich zuvor demonstrativ ignoriert habe. Ich meine allerdings, dass die meisten Menschen sehr wohl wahrnehmen, wer da so neben ihnen sitzt.

Ich erkenne jedenfalls eine ganze Menge aus dem Augenwinkel. So habe ich neulich gesehen, dass die besagte Frau neben mir auf ihrem Smartphone nicht etwa Musik hörte, sondern ein Hörbuch: „How to cope with Fear of Flying“.

Die arme Dame litt also unter Flugangst. Flugangst ist ein nicht zu unterschätzendes Phänomen. Angeblich leidet ein Sechstel aller Menschen unter Flugangst.

Ich erinnere mich, dass wir bei der Zeitung, bei der ich als Jungredakteur angefangen hatte zu arbeiten, nie auf der ersten Seite Überschriften machen durften wie „Aktie stürzt ab“ , weil dann bei jenen Menschen, die unter Flugangst leiden und die Zeitung in einem Flugzeug lesen, unweigerlich Angstvorstellungen aufgekommen wären. Die Fluglinie hätte solche Zeitungen vorsorglich aussortiert.

Früher gab es ein bewährtes Rezept gegen Flugangst: Die Airlines haben massig Alkohol ausgeschenkt. Leute, die unter einer hohen Brandy-Dosierung am frühen Nachmittag eingeschlafen waren, konnten keine Panikattacken mehr bekommen. Außerdem gab es Raucherbereiche in den Fliegern: Wer nervös wurde, konnte Kette rauchen.

Heute muss Alkohol bezahlt werden, und Rauchen ist sogar auf der Toilette verboten, es hilft also nichts mehr, außer man setzt sich schon vor dem Flug unter Drogen. Am Flughafen Berlin Schönefeld müssen Passagiere auf dem Weg zum Gate erst einen Irish Pub durchqueren, dass halte ich für eine sinnvolle Idee.

Flugangst ist auch ein großer Markt. Easyjet etwa bietet Onlinekurse gegen Flugangst an. Sie kosten mehr als die meisten Easyjet-Flüge. Es gibt Apps, die voraussagen, wo auf einer Flugstrecke Turbulenzen auftauchen können, damit man den davon betroffenen Flug meidet.

Andere Apps bieten das probate Mittel der Selbsthypnose. Auf jeden Fall saß ich auf dem Flug neben einer Person, der also der Gedanke: „Neben diesem unbekannten Menschen werde ich möglicherweise sterben“ gar nicht so fremd war. Darüber hätten wir uns gut unterhalten können.

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