Prüfers Kolumne Freizeit im Büro totschlagen – die neue Normalität

Laut eines Gutachtens des EU-Gerichtshofs sind Überstunden vererbbar. Unsere Kinder werden reich sein, prophezeit Tillmann Prüfer.
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Xing-Befragung: Unbezahlte Überstunden keine Seltenheit Quelle: dpa
Xing AG

Laut einer Umfrage auf der Karriereplattform machen 82 Prozent der Arbeitnehmer Überstunden.

(Foto: dpa)

Was ist eigentlich aus den Überstunden geworden? Nennt man das überhaupt noch so? Die Karriereplattform Xing hat ihre Mitglieder über Arbeitszeiten befragt. Dies ergab, dass 82 Prozent der Leute mehr arbeiten, als in ihrem Vertrag steht. Fast 20 Prozent machen sogar mehr als zehn Stunden Mehrarbeit pro Woche.

Das bedeutet, dass es zumindest bei den Menschen, die sich über Karrierenetzwerke zusammenschließen, ganz normal ist, die Zeit im Büro totzuschlagen, die man normalerweise mit Freunden, mit Sport oder vor dem Fernseher verbringt. Eine Mehrbezahlung für Überstunden gibt es nur noch in den Geschichtsbüchern. Aber auch der Freizeitausgleich ist offenbar selten geworden.

Gewerkschaften finden das schlimm, und Arbeitnehmer klagen auch darüber. Aber ich meine, es spricht auch für den Standort Deutschland. Ich habe einmal als Ferienjob in einer Fabrik für Dämmgummis gearbeitet. Es wurden Kunststoffe zusammengerührt, die entsetzlich stanken, sie wurden ausgewalzt und dann ausgestanzt. Wir arbeiten an den Stanzen und mussten die ausgestanzten Teile vom Band nehmen und stapeln.

Tillmann Prüfer ist Mitglied der Chefredaktion des „ZEIT“-Magazins.
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Tillmann Prüfer ist Mitglied der Chefredaktion des „ZEIT“-Magazins.

Es war eine erbärmlich monotone Arbeit und anstrengend dazu. Wenn man in die Mittagspause ging, musste ein anderer Arbeiter für diese Zeit am Band stehen, denn die Maschinen liefen im Schichtbetrieb. Kam ich nur eine einzige Minute zu spät aus der Pause, gab es einen Riesenkrach. Niemand steckte seine Steckkarte auch nur eine Minute zu spät in den Stempelautomaten, wenn die Schicht zu Ende war.

Mehr Überstunden, aber nicht mehr Gehalt

Kein Appell des Chefs wegen der Auftragslage hätte etwas daran ändern können, dass die Leute so schnell wie möglich nach Hause wollten. Wenn wir heute in Betrieben arbeiten, wo man auch mal zehn Stunden pro Woche länger bleibt, ohne dafür mehr Geld zu verlangen, kann es so schlimm nicht sein. Es wäre interessant zu wissen, warum so viele Überstunden von Xing-Mitgliedern gemacht werden.

Möglich immerhin, dass Menschen, die sich auf Karriereplattformen vernetzen, bei Unternehmen arbeiten, die so erfolgreich sind, dass es die Auftragslage dringend erfordert, sehr viele Überstunden zu machen. Möglich aber auch, dass Menschen, die sich auf Karriereplattformen vernetzen, bei Unternehmen arbeiten, die so erfolglos sind, dass sie gezwungen sind, die Mitarbeiter auszupressen wie Oliven.

Auch möglich, dass Menschen, die sich auf Karriereplattformen vernetzen, bei Unternehmen arbeiten, wo die Arbeit so viel Spaß macht, dass es sich mit nichts vergleichen lässt, was man draußen so erleben kann, nicht einmal mit Sex.

Möglich, dass Menschen, die sich auf Karriereplattformen vernetzen, einfach keine echten Freunde haben, mit denen sie Zeit verbringen könnten, und deswegen lieber am Schreibtisch bleiben, um ihrer Existenz etwas Sinn zu verleihen. Nur die Hälfte der Arbeitgeber gleicht die Überstunden überhaupt auch aus. Hoffentlich schreiben sie wenigstens auf, wie viel Überstunden sie machen.

Laut eines Gutachtens des EU-Gerichtshofs lassen sich Überstunden nämlich vererben. Vielleicht sind wir alle arme Tröpfe, die ihr Leben im Büro verbringen müssen. Unsere Kinder aber werden reich sein.

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