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Prüfers Kolumne In Coronazeiten sind die wirtschaftlichen Regeln anders

Die Krise verlangsamt nicht nur die Lieferdienste. Durch sie erlebt die Kriegswirtschaft eine Renaissance – und mit ihr die mangelbedingte Kreativität.
16.04.2020 - 19:27 Uhr Kommentieren
Handelsblatt: Prüfers Kolumne
Der Autor

Tillmann Prüfer ist Mitglied der Chefredaktion des „Zeit-Magazins“.

Ich habe neulich versucht, etwas bei meinem Lebensmittel-Lieferdienst zu bestellen. Er bringt normalerweise tütenweise Gemüse und Konserven innerhalb von 24 Stunden nach Hause. Ich hatte schon gewusst, dass die Lieferdienste in Coronazeiten ziemlich ausgelastet sind. Die Leute gehen nicht mehr vor die Tür, und deswegen muss ihnen alles gebracht werden.

Als ich die Bestellung vervollständigt hatte, teilte mir der Lieferdienst mit, dass die nächste Lieferung am 3. August möglich sei. 3. August! Für eine Lieferung von Kartoffeln, Dosentomaten, Sellerie und Milch! Das fand ich schon erstaunlich. Wer macht denn solch einen Wahnsinn mit? Denn dass mein Lieferant mir den 3. August vorschlug, bedeutete ja, dass es tatsächlich Kunden gab, die eine Lieferung für den 2. August bestätigt hatten. Die fanden es also okay, in drei Monaten eine Ration Lebensmittel vor die Tür gestellt zu bekommen. Waren die verrückt? Wer will so etwas?

Aber in Coronazeiten sind die wirtschaftlichen Regeln anders. Im Kleinen wie im Großen. Ich habe in der „Neuen Zürcher Zeitung“ gelesen, dass die Wirtschaft nun „einen Hauch von Kriegswirtschaft“ bekomme. Der US-Präsident hat etwa den „Defense Production Act“ aktiviert.

Der Erlass kommt aus dem Koreakrieg und ermächtigt den Regierungschef, Unternehmen zu beauftragen, bestimmte Produkte herzustellen, auch wenn es unwirtschaftlich ist. Ich hatte in dem Artikel seit Langem wieder das Wort „Kriegswirtschaft“ gelesen. Kriegswirtschaft ist mit Menschenverachtung und Gräueln verbunden – und auch mit ungewöhnlichen Produkten.

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    In der Kriegswirtschaft muss man plötzlich mit dem auskommen, was vor Ort erreichbar ist. Fanta ist ein bekanntes Produkt der Kriegswirtschaft. Die Coca-Cola-Werke in Deutschland konnten nämlich damals keine Cola mehr herstellen. Deswegen mischte man eine Limonade mit Apfelresten, Fruchtsaft und Molke und füllte dies in Flaschen ab. Jeder muss schauen, wie er zurechtkommt.

    Wenn es nichts Richtiges zu beißen gibt, dann gehen die Leute auch wieder in den Wald, um etwas Nahrhaftes zu finden. Zum Beispiel den Flockenstieligen Hexen-Röhrling. Ein Pilz, der wenig schmackhaft ist, aber immerhin essbar. In alten Pilzbestimmungsbüchern findet sich für so etwas die Bezeichnung „Kriegspilz“.

    Nach dem Krieg verschwand auch der Kriegspilz. Am Flockenstieligen Hexen-Röhrling gehen die Spaziergänger vorbei, ohne zu überlegen, ob man ihn essen kann. Und Fanta trinken die Menschen heute, ohne einen Gedanken daran zu verschwenden, dass dieses Getränk in einem verbrecherischen Krieg geboren wurde.

    Bis die Wirtschaft unter Corona wirklich an eine Kriegswirtschaft heranreicht, wird es wohl noch etwas dauern, hoffe ich. Aber die ersten Anzeichen mangelbedingter Kreativität zeigen sich schon, zumindest im Kleinen. Mein Nachbar hat mir verraten, wie man aus Hefeweizen (das ist frei erhältlich) und etwas Mehl und Zucker Hefe zum Backen heranzüchten kann (die ist nämlich überall verschwunden). Vielleicht könnte ich jene dann gegen Toilettenpapier eintauschen. Und die Lebensmittellieferung zum 3. August habe ich natürlich angenommen. Man weiß ja nie.

    Mehr: Warum Toilettenpapier zur Krisenwährung geworden ist.

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