Prüfers Kolumne In uns allen schlummert ein Innovationsverweigerer

Es gibt im Leben eines jeden Menschen den Punkt, an dem er sich vom Fortschritt abwendet. Dann verdammt er alles, was die Welt an Neuheiten bringt.
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Tillmann Prüfer ist Mitglied der Chefredaktion des „ZEIT“-Magazins.
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Tillmann Prüfer ist Mitglied der Chefredaktion des „ZEIT“-Magazins.

Ich bin eine Bremse des Fortschritts. Ich gehöre nicht mehr in diese Zeit. Ich habe gelesen, dass traditionelle Banken eigentlich von gestern sind. Kein Geschäftsmodell mehr. Man kann sich Kredite woanders holen, seine Geschäft in Kryptowährungen abwickeln, seine Aktien von Algorithmen verwalten lassen. Banken gibt es nur noch, weil es Menschen wie mich gibt, die dort ein Konto haben.

Ich will gar nicht abstreiten, dass es bessere Alternativen gibt, aber es würde mir einige Mühe machen, allen möglichen Institutionen, die meine Kontonummer haben, neue Daten zu geben. Es würde mir selbst große Mühe machen, mir eine neue Kontonummer zu merken. Ich mach das nicht mehr so einfach.

Ich bin in der Hinsicht so konservativ geworden, dass ich nicht einmal mehr die Innovationen mitmache, die meine eigene, selbst schon als komplette Institution überkommene Bank, mir angedeihen möchte. Ich habe es immer noch nicht geschafft, meine Überweisungen auf ein mobiles TAN-Verfahren einzustellen und schon gar nicht auf ein Foto-TAN-Verfahren.

Ich weiß, das ist alles im Grunde kein Hexenwerk, ich müsste es einmal beantragen, vermutlich würde man mir einen Brief schicken, vermutlich müsste ich einen Code auf irgendeiner Website eingeben, alles niedrigschwellig. Aber mein Leben geht auf barrierefrei zu. Ich war selbst einmal ein Early-Adopter. Als die ersten Internetbanken aufkamen, war ich sofort dabei.

Ich habe gelacht über die, die sich mit ihren Überweisungsträgern in die Schlange am Bankschalter gestellt haben. Ich konnte schließlich meine Bankgeschäfte bequem von zu Hause aus machen mit einer PIN und einer TAN, einer sechsstelligen Zahl, die blockweise auf einem Zettel stand, den mir meine Bank zuschickte. Oder per Telefonbanking am Sprachcomputer! Dass man sich einmal von der Bank Zettel mit Nummern zuschicken ließ, die man dann stückweise nach getanem Bankgeschäft ausstrich, hört sich für heutige Bankneukunden wie ein Witz an. Aber in diesem Witz lebe ich noch.

Ich frage mich, wann ich den Anschluss verloren habe. Vielleicht gibt es im Leben eines jeden Menschen einen Punkt, an dem er sich ruckartig vom Fortschritt abwendet und alles, was die Welt ihm an Neuheiten bringt, verdammt. Bei mir ging es vielleicht los, als es opportun wurde, sich in den sozialen Medien auf etlichen Plattformen zu vernetzen, oder als man begann, Obst in pürierter Form als Smoothie zu trinken.

Irgendwann macht man nicht mehr mit. Alle anderen sind aber dabei, und es dauert nicht lange, da beginnt man, das neue als Bedrohung wahrzunehmen, als Anzeichen dafür, bald aussortiert zu werden, zu einem gesellschaftlichen Pflegefall zu werden.

Meine Bank sagt, sie würde demnächst keine TAN-Blöcke aus Papier mehr verschicken. Nun bleibt mir nur noch Telefonbanking. Ich rufe bei meiner Bank an und unterhalte mich mit der Roboterstimme des Sprachcomputers. Wahrscheinlich freut sich der Sprachcomputer, wenn ich anrufe, weil ich der Letzte bin. Das nächste Mal, sage ich ihm nicht meine IBAN, sondern frage ihn einfach, ob er auch Angst hat, abgeschafft zu werden. Vielleicht wird es ein gutes Gespräch.

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