Prüfers Kolumne Muss Arbeit sinnvoll sein? Bullshitjobs haben ihre Daseinsberechtigung

Es gibt viele Tätigkeiten, die eigentlich niemand braucht. Warum Frühstücksdirektoren durchaus zum Vorbild taugen.
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Manche Jobs gehen keinem speziellen Zweck nach und führen nirgendwo hin. Quelle: dpa
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Manche Jobs gehen keinem speziellen Zweck nach und führen nirgendwo hin.

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Es gibt eine neue Jobbeschreibung: „Bullshitjobs“. Der Anthropologe David Graeber hat diesen Begriff geprägt. Damit sind Tätigkeiten gemeint, die niemand braucht. Es gibt zum Beispiel ein Team von Dokumentaren, die angeblich damit beschäftigt sind, die Dokumente, die Donald Trump zerreißt, wieder zusammenzukleben, damit sie für die Nachwelt erhalten werden können.

Donald Trump könnte einfach aufhören, Dokumente zu zerreißen, aber das macht er nicht. Also müssen mehrere Menschen tagein, tagaus im Weißen Haus mit Klebstoff hantieren.

Bullshitjobs bedeuten, dass man sein ganzes Arbeitsleben komplett sinnlos verbringt. Nur in den Tag hinein arbeitet, ohne dass jemand ein großes Augenmerk darauf richten würde.

Tillmann Prüfer ist Mitglied der Chefredaktion des „ZEIT“-Magazins.
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Tillmann Prüfer ist Mitglied der Chefredaktion des „ZEIT“-Magazins.

Dabei soll es keineswegs so sein, dass hauptsächlich in Behörden sinnlose Arbeit verrichtet wird. Die meisten Bullshitjobs fänden sich in der Privatwirtschaft, sagt Greaber, der an der London School of Economics lehrt.

Mancher bezeichnet damit Arbeit, die gesellschaftlich nicht sinnvoll ist. Also etwa die eines Immobilienmaklers. Er schließt Wohnungen auf und wieder zu, ohne dass jemand außer ihm selbst etwas davon hätte.

Es gibt aber auch die Form der „kalten Kündigung“: bei den Mitarbeitern, denen man wegen des Arbeitnehmerschutzes bei Umstrukturierungen nicht kündigen kann und die deswegen in tote Abteilungen ausgegliedert werden, wo sie keinerlei Beschäftigung mehr haben. Man hofft, dass die Betroffenen irgendwann von selbst gehen.

Die meisten Bullshitjobs finden sich jedoch dort, wo Geld ohne Gegenleistung fließt. In Deutschland gibt es ein schöne alte Bezeichnung dafür: Frühstücksdirektor. Man wird in eine Ecke des Unternehmens befördert, wo man möglichst wenig Schaden anrichten kann.

Jobs ohne Sinn hören sich phantastisch an

Frühstücksdirektoren glänzen mit Titeln, die sich hervorragend anhören, aber keine praktische Bedeutung haben. Ein Frühstücksdirektor wird etwa gerne als „Präsident“ bezeichnet. Im Verlagswesen wird man gerne zum Herausgeber befördert. Hochklassige Frühstücksdirektoren sind auch die zahlreichen Berater, die die Wirtschaft bevölkern.

Von solchen Leuten erwartet man meist gar keine Beratung, man möchte im Gegenteil, dass sie sich für ihr Gehalt aus allem heraushalten.

David Graeber findet die Existenz von Bullshitjobs natürlich fürchterlich, und sie sind ihm zugleich der Beweis, dass mit dem Kapitalismus etwas nicht stimmt. Ich finde das nicht. Es ist ja eher ein Zeichen der Güte, dass unsere Wirtschaft Geld dafür ausgibt, dass Menschen ihr Gesicht wahren.

Und überhaupt: Was ist denn eigentlich ein sinnvoller Job? Der Sinn der Arbeit ergibt sich ja immer aus dem Kontext. Wenn man beispielsweise Chef einer Großbank ist, wird man das durchaus als sinnvolle Betätigung erleben, allerdings gibt es nicht wenige, die Großbanken mittlerweile als überkommene und sinnlose Gebilde sehen.

Gibt es ein sinnvolles Arbeiten im sinnlosen Raum? Da die Philosophie noch nicht den Sinn des Lebens erkannt hat, kann niemand von sich behaupten, eine Tätigkeit mit Sinn zu haben. Die Frühstücksdirektoren haben das vor allen anderen erkannt. Und sie lassen sich auch noch dafür bezahlen. Was für Vorbilder!

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