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Prüfers Kolumne Reiche sollten Armen ihre Zeit abkaufen können

Mit einem Zertifikatehandel ließe sich die Ungleichheit bekämpfen. So könnte ein CEO ins Kino gehen, während ein Hartz-IV-Empfänger dessen Geschäfte führt.
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Tillmann Prüfer ist Mitglied der Chefredaktion des „ZEIT“-Magazins.
Der Autor

Tillmann Prüfer ist Mitglied der Chefredaktion des „ZEIT“-Magazins.

Ich habe gelesen, dass es gar nicht so schön sein soll, reich zu sein. Denn wer reich ist, hat Stress. Wer reich ist, wird von seinen Eltern als Kind etwa in Eliteschulen geschickt. In Eliteschulen geht es aber nicht so gemütlich zu, wie an den Schulen für den Plebs. Wer ganz oben dabei sein will, der ist sehr beschäftigt und muss dazu noch den ganzen Tag networken.

Man sollte auch noch einen exklusiven, aber langweiligen Sport ausüben wie Hockey, Polo oder Golf, den man mit den entsprechenden Leuten zusammen macht. Auch das kostet Zeit. Die Elite ist zwar reich an Mitteln, aber arm an Zeit. Während die oberen zehn Prozent mehr als 50 Prozent des Vermögens der Gesellschaft haben, besitzen die unteren zehn Prozent fast hundert Prozent der Zeit.

Der Yale-Professor Daniel Markovits hat ein Buch namens „The Meritocracy Trap“ geschrieben – die Leistungsgesellschaftsfalle. Darin beschreibt er, wie die Oberschicht und die Mittelschicht auseinanderdriften – und wie nicht zuletzt die Reichen darunter leiden. Denn Reich und Arm sind in einer „gegenseitig destruktiven Beziehung“.

Während die weniger Bemittelten immer weniger Möglichkeiten haben, zur Spitze der Gesellschaft aufzuschließen, müssen die Reichen immer mehr Geld und Zeit investieren, um an der Spitze zu bleiben. In der „New York Times“ hat der britische Autor Richard V. Reeves darüber geschrieben, dass die Reichen in Amerika mittlerweile einen guten Teil ihres Vermögens dafür ausgeben, ihre Kinder auf die besten Schulen des Landes zu bekommen.

Und deswegen noch weniger gerne Steuern zahlen. Es ist also offenbar im Interesse alle, wenn die Schere zwischen Arm und Reich geschlossen wird.

Nun muss man mit den Reichen nicht allzu viel Mitleid haben. Wer reich ist, lebt noch immer deutlich gesünder als jemand, der arm ist. Gleichzeitig muss er auch einen deutlich größeren Anteil seiner Lebenszeit mit Menschen zubringen, denen man eigentlich gar nicht begegnen möchte.

Eine erste Idee wäre: Vielleicht könnte man es ähnlich wie beim Zertifikatehandel in der Klimapolitik machen. Dort kaufen ja reiche Staaten den ärmeren die Verpestungsrechte ab. Ähnlich könnten reiche Menschen den ärmeren die Zeit abkaufen.

So könnte mancher Chef eines Dax-Konzerns wertvolle Zeit im Kino verbringen, während ein Hartz-IV-Empfänger, dem er die Zeit abgekauft hat, seine Geschäfte führt. Betriebswirtschaftlich dürfte das kein Problem sein.

Betrachtet man, welches Missmanagement zum Teil von Profis betrieben wird, erkennt man, dass Amateure in der jeweiligen Zeit kaum mehr Schaden werden anrichten können, als es Topmanager schon selbst tun.

Ein solches Modell ließe sich aber auch abseits des Büros praktizieren. So könnten die Kinder der Reiche auch Vertretungen für die Zeit anmieten, die sie am Wochenende im Hockeyclub verbringen müssen.

Davon hätten dann alle etwas. Denn die anderen Reichen-Kinder würden dann auch mal ein paar weniger uninteressante Menschen um sich herum haben – und sich danach vielleicht dagegen wehren, auf Eliteschulen geschickt zu werden.

Mehr: Sich einen neuen Mobilfunkanbieter auszusuchen, sollte 2019 eigentlich kein Problem mehr sein. Die Realität sieht aber ganz anders aus, meint Tillmann Prüfer.

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