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Prüfers Kolumne Schule bringt viel – wenn auch nicht an Bildung

In der Schule soll man für das spätere Berufsleben vorbereitet werden. Doch was sagen Schulnoten und Topschulen über die späteren Chancen aus?
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Tillmann Prüfer ist Mitglied der Chefredaktion des „ZEIT“-Magazins.
Der Autor

Tillmann Prüfer ist Mitglied der Chefredaktion des „ZEIT“-Magazins.

Ich habe gehört, dass man sich in Boston Sorgen um den Ruf der dortigen Highschools macht. Die Zeitung „The Boston Globe“ hat sich die Mühe gemacht, herauszufinden, was aus den Schülern geworden ist, die vor sechs Jahren als jeweils Jahrgangsbeste eine der gerühmten Schulen der Stadt verließen. Das Ergebnis war ernüchternd. Ein Viertel hatte es nicht geschafft, innerhalb von sechs Jahren einen Bachelor-Abschluss zu machen.

Keiner von denen, die es sich vorgenommen hatten, in Medizin zu promovieren, hatte dies auch geschafft. 40 Prozent verdienen weniger als 50.000 Dollar im Jahr. Und vier Abgänger sind obdachlos geworden. Die Highschools der Stadt produzieren demnach viermal mehr Obdachlose als Ärzte. 

Das weckt Zweifel daran, auf was einen ein guter Schulabschluss eigentlich vorbereitet. In der realen Welt können leider nicht alle die Besten sein, und es wird nicht in Noten und Fleißsternchen bezahlt. Schon im Studium wird Stoff abverlangt, der mit dem Schulniveau wenig gemein hat. Und wenn man aus dem Studium in das Berufsleben tritt, werden wiederum völlig andere Sachen vorausgesetzt.

Für mich selbst hatte die Schule sehr viel gebracht. Wenn auch vielleicht nicht an Bildung. Sie hat mir aber gezeigt, dass ich nie an einem Ort arbeiten möchte, wo die Leute sich ständig beschweren, sie müssten zu viel arbeiten. Damals hatten die meisten Lehrer auch noch geraucht. Ich wurde also von dauerverstimmten Leuten mit Mundgeruch gebildet.

Wenn eines klar war, dann doch dies: Es muss eine bessere Welt geben da draußen, weit hinter den Mauern der Schule muss es einen Ort geben, der zumindest besser riecht. Damit hatte ich alles gelernt, was ich für das Leben brauchte. Ich war voll motiviert. Vielleicht sind Schulen heute insgesamt zu angenehm, ein Platz, wo man sich wohlfühlt und verstanden wird. Das bereitet einen offenbar schlecht auf das wirkliche Leben vor.

Ich würde gerne sagen, dass die Lieblinge der Lehrer an unserer Schule, also jene, die Schule als eine Wonne empfanden, später im Leben scheiterten, so wie die Jahrgangsbesten in Boston. Aber das war überhaupt nicht der Fall. Die Besten an meiner Schule haben heute gut dotierte Posten bei Banken, Kanzleien und Forschungsinstituten. Sie konnten ihre ungebrochene Freude am Schulalltag gleich in ein neues Leben mitnehmen.

Für sie war die Welt da draußen gar keine andere als die in der Schule. Sie litten auch nicht verzweifelt an den Widersprüchen. Genauso wenig, wie sie sich damals mit den Lehrern anlegen mussten, hatten sie später keinen Ärger mit ihren Vorgesetzten. Und ihre Fleißsternchen bekommen sie heute in der Form von Bonuszahlungen. Ihr Berufsleben ist offenbar genauso schön wie das Schulleben – und es riecht sogar noch besser.

Immerhin: Ich habe es geschafft. Ich habe gezeigt, dass man, auch wenn man die Schule nicht schön fand, einen guten und interessanten Job finden kann.

Allerdings: Vor einigen Jahren war ich auf einem Nachtreffen meiner Abiturklasse. Als ich einem der ehemaligen Jahrgangsbesten erzählte, dass ich Journalist geworden sei, lächelte er mitleidig. Er meinte, er hätte sich damals schon gedacht, dass ich mal „so etwas“ machen würde. Ich fürchte, in seinen Augen bin ich wie erwartet abgestürzt.

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