Prüfers Kolumne Sparen – die liebste Tugend des Deutschen

Obwohl kaum Renditen locken, lieben die Deutschen das Sparen. Auch in Zeiten von Niedrigzinsen will man ungern darauf verzichten.
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Tillmann Prüfer ist Mitglied der Chefredaktion des „ZEIT“-Magazins.
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Tillmann Prüfer ist Mitglied der Chefredaktion des „ZEIT“-Magazins.

Ich habe zu Hause ein Sparschwein. Es ist aus Keramik. Man kann es nur mit einem Hammer öffnen. Das Sparschwein ist voll. Es steht plump und schwer da. Ich muss es schütteln, um noch überhaupt irgendeine Münze in das Ding hineinzubekommen.

Ich habe das Sparschwein angeschafft, weil mir aufgefallen ist, dass immer irgendwo Wechselgeld zu Hause herumliegt, für das ich keine richtige Verwendung habe. Also tue ich es ins Sparschwein, all die kleinen Cent, damit daraus einmal ein großer Betrag wird. Denn wer den Cent nicht ehrt, ist des Euros nicht wert.

Es ist ein hübsches Sparschwein von einer Manufaktur. Eines, das so aussieht, wie ein Sparschwein eben aussehen sollte. Ich wundere mich, dass ich so eine feste Vorstellung habe, wie ein Sparschwein auszusehen hat, offenbar ist Sparen etwas sehr Traditionelles. Sparen ist eine Tugend. Und die tugendhaften Deutschen haben eine hohe Sparquote von 9,8 Prozent.

Wirtschaftsredakteure regen sich ständig darüber auf, weil die niedrigen Zinsen dafür sorgen, dass das Geld auf den Konten verschimmelt. Die Leute verlieren Geld und machen doch immer mit dem Sparen weiter. Es ist zum Verzweifeln. Warum sparen wir, obgleich es Unsinn ist? Für eine Tugend ist es nicht erheblich, ob sie Ertrag bringt oder nicht. Man ist ja auch nicht nur nett zu anderen, wenn man immer auch Freundlichkeit erntet.

Ich war neulich in einer Ausstellung über das Sparen. Dort wurde erklärt, wie Sparen zur Tugend wurde. Es nahm seinen Anfang in der Verelendung des Proletariats. Sparerziehung galt als ein Weg, um den Arbeitern ein Auskommen in Alter und im Krankheitsfall zu schaffen. Sie sollten also lernen, dass es an ihrer eigenen Zügellosigkeit lag und nicht an der Ausbeutung durch die Arbeitgeber, wenn sie in Armut fielen.

Außerdem hatte man Sorge, dass die Arbeiter zum gesellschaftlichen Umsturz neigen. Man vermutete, ein Proletarier, der ein kleines Vermögen auf der Bank hat, würde sich konservativer verhalten. Später war das Sparen auch politisch bedeutsam. Die Nationalsozialisten instrumentalisierten es gegen die Juden. Der deutsche Arbeiter sollte sich damit gegen den angeblichen jüdischen Zinswucher wappnen.

Überhaupt wurde bei den Nazis das Sparen gelehrt. Man konnte mit Reisesparen Anspruch auf eine Urlaubsfahrt erlangen, und auf den Kraft-durch-Freude-Wagen sollte man ebenfalls sparen. Man versuchte, das Sparen als etwas Naturgegebenes den Menschen in das Gehirn zu pflanzen.

Deswegen wurden auch ständig Vorbilder in der Natur gesucht. Etwa die Bienen, die fleißig die Pollen sammeln, oder die Eichhörnchen, die ihre Nüsse für den Winter sammeln. So wurde aus den Deutschen ein Volk, in dem die Sparbemühungen von einer Generation zur nächsten weitergegeben werden.

Ich selbst kann auch nicht anders. Ich würge also weiter jede Kupfermünze, die ich finde, in das Sparschwein. Wenn es voll ist, werden darin vielleicht 20 Euro in Kleinmünzen sein. Die bringe ich zur Bank. Die Bank nimmt für die Münzeinzahlung fünf Euro Gebühr. Dann kaufe ich ein neues, schönes Sparschwein. Das kostet 15 Euro.

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