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Prüfers Kolumne Versessen auf Vergessen

Das Internet vergisst nicht, der Mensch schon – zumindest tut er oft so. Dabei gibt es Mittel und Wege, schlechte Erinnerungen tatsächlich zu löschen.
21.11.2020 - 10:58 Uhr Kommentieren
Handelsblatt: Prüfers Kolumne
Der Autor

Tillmann Prüfer ist Mitglied der Chefredaktion des „Zeit-Magazins“.

Mit dem Erinnern ist es nicht ganz leicht. Wenn man sich unter Kollegen streitet, sagt man ganz gern: „Das erinnere ich anders.“ Es ist die mildere Form von: „Du lügst.“ Denn die Erinnerung kann löchrig sein. Man kann meinen, etwas gesehen zu haben, was gar nicht so war. Politiker sagen bei heiklen Fragen, etwa nach dubiosen Parteispenden, ständig, sie könnten sich nicht erinnern. Vielleicht war es so, vielleicht nicht.

Das ist eine sehr gnadenvolle Angelegenheit. Denn wenn wir uns immer korrekt erinnern würden, dann wären wir auch ständig haftbar für die Vergangenheit und könnten andere haftbar machen. So aber können wir hoffen, dass etliches, was wir verbrochen haben, einfach in Vergessenheit gerät. Das wäre noch wunderbarer, wenn das verdammte Internet nicht wäre. Das wiederum vergisst nichts.

Wer vor zehn Jahren fürchterlichen Mist ins Netz geschrieben hat, den kann dies immer wieder einholen. Deswegen wird auch immer wieder das „Recht auf Vergessenwerden“ im Internet eingefordert, unabhängig von der DSGVO. Irgendwann soll auch mal gut sein, sollen einen die Geister der Vergangenheit nicht mehr einholen können.

Nun habe ich in der „Welt am Sonntag“ gelesen, dass man zwar das Internet nicht auf Kommando vergessen lassen kann, den Menschen aber schon. Schließlich hat das Gehirn neben der Merk- auch eine Vergessensfunktion. Damit können etwa traumatische Erlebnisse aus der Erinnerung gelöscht werden. Forscher der Universität Regensburg haben gezeigt, dass Menschen, denen man aufträgt, eine Liste von Wörtern aus der Erinnerung zu streichen, diese anschließend tatsächlich schlechter rezitieren können.

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    Dabei empfehlen Psychologen, eine unangenehme Erinnerung mit einer angenehmen zu aktualisieren. Wer einen Tadel vom Chef bekommt, muss also vor allem den Chef bitten, doch ein dickes Lob auszusprechen. In Tierversuchen soll sich schon gezeigt haben, dass sich Erinnerungen vollständig löschen lassen. Dafür musste man Ratten bestimmte Chemikalien ins Gehirn spritzen, die verhinderten, dass schlechte Erinnerungen nicht mehr neu geschrieben werden können.

    Es wäre natürlich eine Überlegung wert, ob sich diese wissenschaftlichen Erkenntnisse auch auf Politiker übertragen ließen. Wenn man sich, um eine bestimmte Parteispende einfach zu vergessen, schon keine Chemikalien ins Gehirn spritzen lassen mag, dann kann man doch einfach vergessen, indem man diese Erinnerung durch eine andere positive überschreibt. Im Zweifelsfall also durch eine noch größere Parteispende. Wenn wir dann noch endlich das Internet abschalten, steht dem Vergessen nichts mehr im Weg.

    Mehr: Auch die Einsamkeit ist letztlich ein Markt

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