Prüfers Kolumne Warum wir glauben, mit Knöpfen das Schicksal beeinflussen zu können

Menschen drücken gerne auf Knöpfe. Es verschafft ihnen die Illusion, die Kontrolle über ihr Leben zu haben.
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Tillmann Prüfer ist Mitglied der Chefredaktion des „ZEIT“-Magazins.
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Tillmann Prüfer ist Mitglied der Chefredaktion des „ZEIT“-Magazins.

Ich habe gelesen, dass viele Knöpfe, die wir drücken, keinerlei Funktion haben. Sie sind einfach nur da, um gedrückt zu werden. Zuallererst zeigt sich dies an Ampelanlagen.

Wenn wir an einem Fußgängerüberweg einer Ampelkreuzung stehen und über die Straße wollen, drücken wir für gewöhnlich den Knopf. Es ist jedoch manchmal so, dass dieser Knopf gar keine Funktion hat. Grund: Die Ampelschaltungen sind heute so kompliziert, dass es einfach nicht sinnvoll ist, an einer Kreuzung auch noch das unbedingte Bedürfnis des Fußgängers, möglichst schnell über die Straße zu kommen, als Faktor für die Signalsteuerung einfließen zu lassen.

Also drückt der Fußgänger den Knopf in der Hoffnung, das Grün-Signal möge bald kommen. Und es kommt auch tatsächlich. Nur dass man es kein bisschen beeinflusst hat. In New York sollen bei allen Ampeln immerhin 90 Prozent aller Knöpfe ohne Funktion sei. Man könnte diese auch weglassen, aber dann hätten die Fußgänger vielleicht das Gefühl, dem Verkehr hilflos ausgeliefert zu sein und würden dann einfach auf die Straße rennen, ohne abzuwarten.

Es gibt noch mehr Beispiele von Placebo-Knöpfen. Sie sind auch in Aufzügen untergebracht. Man springt in den Aufzug und will, dass es möglichst schnell losgeht. Dafür gibt es einen Knopf zum Schließen der Türen. Doch in vielen Ländern ist vorgeschrieben, wie lange die Türen offen bleiben müssen, damit auch ältere oder körperlich behinderte Menschen in den Aufzug können. Die Türen schließen also nicht schneller.

Und schließlich sind auch Glücksspielautomaten mit Placebo-Knöpfen ausgestattet. Ob man den Jackpot knackt oder nicht, bestimmt ein Programm, aber nicht die Art und Weise, wie man die Tasten auf dem Automaten drückt.

Man kann nicht sagen, dass solche Knöpfe sinnlos wären. Sie sorgen dafür, dass wir das Gefühl haben, Kontrolle über das Leben zu haben. Wir fühlen uns in einer Situation besser, aktiver, wir bleiben ruhiger. Einfach, weil man uns die Illusion verschafft, die Dinge in die eigene Hand zu nehmen. Wir glauben, das Schicksal beeinflussen zu können.

In der Medizin ist man gerade erst dabei, den Placeboeffekt zu verstehen. Es ist nämlich gar nicht so einfach, festzustellen, was eigentlich gesund macht. Der Wirkstoff in einer Tablette, die Tatsache, dass man bei einem Arzt ist oder die Erwartung, dass es bald besser wird? Auf jeden Fall ist der Placeboeffekt erheblich. Bleibt die Frage, warum es nicht viel mehr Placebos gibt.

Man könnte an Bushaltestellen einen Knopf „Bus rufen“ anbringen. Der Bus kommt davon keine Minute früher, aber man kann ja nochmals drücken. Schon würde die Zufriedenheit mit dem öffentlichen Personennahverkehr zunehmen.

Und warum lässt man die Menschen nicht einen Button drücken, auf dem „Die Umwelt retten“ steht? Den man einfach drückt und dadurch schon das gute Gefühl hat, einen richtigen Beitrag zum Erhalt des Planeten geleistet zu haben, obgleich sich nichts ändert?

Vielleicht weil es den schon gibt. Jeder hat ihn zu Hause und drückt ihn mehrmals täglich. Es ist die Wasserspartaste an der Toilette.

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