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Prüfers Kolumne Was das Problem bei den „Menschen des Jahres“-Listen ist

Es gibt Bäume, Sportler und Pfeifenraucher des Jahres. Auf die Dauer haben solche Rankings aber einen eher demotivierenden Effekt.
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Tillmann Prüfer ist Mitglied der Chefredaktion des „ZEIT“-Magazins.
Der Autor

Tillmann Prüfer ist Mitglied der Chefredaktion des „ZEIT“-Magazins.

Ich habe einen Vorsatz für 2019, nämlich das ganze Jahr die Nachrichten zu verpassen. Schließlich bekommt man alles, was irgendwie wichtig war, am Ende des Jahres ohnehin noch einmal vorgebetet.

So wurde mir in den letzten Wochen des Jahres 2018 noch einmal in den Medien jedes Detail desselben nacherzählt. Es gab die Menschen des Jahres und die Bilder des Jahres. Es gab die Aufsteiger des Jahres und die Absteiger des Jahres. Es gab natürlich die Toten des Jahres, aber auch die Downloads des Jahres.

Und dann gab es all die „des Jahres“, die von irgendwelchen Jurys gewählt worden waren. Baum des Jahres 2018 war die Edelkastanie. Sportler des Jahres 2018 gab es gleich eine ganze Menge: Tennisspielerin Angelique Kerber, Triathlet Patrick Lange und das gesamte deutsche Eishockey-Nationalteam.

Unwort des Jahres wurde Asyltourismus. Der Vogel des Jahres war der Star, Sturnus vulgaris. Krawattenmann des Jahres wurde Lars Eidinger.

Pfeifenraucherin des Jahres war Sonja Kirchberger. Sonja Kirchberger war übrigens die erste Frau, die von der „Lobbyvereinigung Tabak-Forum“ diesen Titel verliehen bekam. Frühere Preisträger waren Günter Grass, Herbert Wehner, Helmut Kohl.

Lange hat es also gedauert, bis eine Frau diesen Titel erringen konnte – 2018 war es so weit. Ich hatte bislang Sonja Kirchberger gar nicht so sehr mit Pfeifenrauchen in Verbindung gebracht. Aber ich hatte ja auch nicht Lars Eidinger als Krawattenträger im Kopf gehabt.

Ich habe Lars Eidinger, den Schauspieler, schon einige Male auf der Bühne gesehen. Er war dabei jedes Mal einigermaßen nackt, manchmal etwas mit Dreck beschmiert. Ich hätte es also als logischer empfunden, wenn Eidinger als „Nackedei des Jahres 2018“, gekürt worden wäre. Aber diesen Titel gibt es gar nicht, ich weiß gar nicht warum.

Das Problem bei den ganzen „Des Jahres“-Krönungen ist, dass sie einem oft keine echte Orientierung geben, wer dieses Jahr in welcher Disziplin wirklich Wichtiges vollbracht hat. Wer weiß, wie viele ältere Herren sich 2018 mit großen Mühen den Rachen mit Pfeifentabak vollgeteert haben, voller Hoffnung der Nominierung zum Pfeifenraucher des Jahres entgegenhusteten – und dann feststellen müssen, dass wiederum irgendeine Schauspielerin ernannt wurde, die ein paar Mal mit einer Pfeife gesehen wurde – oder mit einer Krawatte?

Es ist zwar verständlich, dass Jurys solche Mechanismen wählten, schließlich setzen sie auf das Überraschungsmoment zwischen den ganzen unübersichtlichen Ausrufungen all der Männer und Frauen und Organismen des Jahres. Es hat aber auf die Dauer vielleicht einen eher demotivierenden Effekt.

Denn niemand wird sich in einer Disziplin noch wirklich anstrengen wollen, wenn die Wahl des Vorbilds des Jahres dann stets nur eine verrückte, überraschende, unkonventionelle, scheinbar abwegige Entscheidung ist.

Ich zum Beispiel habe heute beim Gang zum Bäcker eine Trainingshose angehabt und bin damit auch einige Schritte gejoggt. Hiermit möchte ich mich schon einmal für die Nominierung zum „Sportler des Jahres 2019“ zur Verfügung stellen.

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