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Spieltheorie-Kolumne Gefangen in Irrationalität: Warum bei der Organspende alles bleibt, wie es ist

Die Unvernunft ist als Verhaltensökonomie ein Teil der Wirtschaftswissenschaften. Die Organspendedebatte zeigt – Irrationalität bleibt unkalkulierbar.
01.02.2020 - 09:04 Uhr Kommentieren
Der Gesundheitsminister wollte die rationale Widerspruchslösung. Dennoch hat die Irrationalität gewonnen. Warum? Quelle: dpa
Jens Spahn

Der Gesundheitsminister wollte die rationale Widerspruchslösung. Dennoch hat die Irrationalität gewonnen. Warum?

(Foto: dpa)

Wir Ökonomen tun uns mit Irrationalität ja angeblich sehr schwer. Im Umfeld der Diskussion über die Neuvorlage zum Organspendegesetz habe ich bei einer kritischen Selbstbetrachtung mal wieder gemerkt, dass menschliches Verhalten weder zwingend logisch noch rational sein muss – ein Kritikpunkt, mit dem sich die auf dem „Homo Oeconomicus“ aufbauende, modellgetriebene „traditionelle Ökonomie“ seit Langem konfrontiert sieht.

Konkret ging es bei mir um die kleinen Kärtchen, mit denen man sich als Organspender registrieren lassen kann. So ein Kärtchen fristet seit geraumer Zeit ein unglückliches Dasein in meinem Stapel der zu erledigenden Dinge. Dabei habe ich mich im Prinzip klar dafür entschieden, Organspender zu werden.

Genau mit solchen scheinbar unvernünftigen und unlogischen Denk- und Verhaltensmustern, mit denen sich Menschen zum Teil selbst schaden, beschäftigt sich der populäre Forschungszweig der Verhaltensökonomie. Das bessere Verständnis dieser Muster, so die Hoffnung der Wissenschaftler, soll Verhaltensänderungen und bessere Entscheidungen ermöglichen. Allerdings trifft dies scheinbar nicht auf den Deutschen Bundestag zu, sonst wäre man dort vielleicht zu einem anderen Ergebnis gekommen – und es wäre nicht alles so geblieben, wie es jetzt ist.

Eigentlich egal, ob von links oder rechts durch die Tür

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    Nach dem Vorschlag von Jens Spahn wäre jeder Bürger automatisch Organspender geworden und hätte sich explizit dagegen aussprechen müssen, wenn er dies nicht möchte – die sogenannte Widerspruchslösung. Dieser Vorschlag war der Gegenentwurf zur derzeitigen Zustimmungsregelung, bei der es den Bürgern freisteht, sich als Organspender zu registrieren – eine Regelung, die in der Vergangenheit allerdings nicht annährend genügend Organspender in Deutschland hervorgebracht hat.

    Intuitiv könnte man sagen: Wenn die Menschen aufgeklärt sind und nur genug über dieses Thema wissen, müsste es doch einigermaßen egal sein, ob sie von rechts nach links oder von links nach rechts durch diese Tür gehen – Hauptsache die Tür ist leicht zu finden und jeder Mensch hat Klinke und Schlüssel selbst in der Hand. Und genau in dieser Logik hat sich der Bundestag auch gegen Spahns Vorlage entschieden. Die Bürger müssen weiterhin ganz bewusst - nun noch besser informiert - die Eingangstür zu Organspenden suchen und durchschreiten.

    Wäre ich mir der empirischen Verhaltensmuster und deren Implikationen nicht bewusst, könnte ich mich leicht der These anschließen „wer mich als Ersatzteillager verwenden möchte, muss dafür zuvor explizit meinen Stempel bekommen“.

    Schauen wir uns aber zuerst die Fakten an. In Dänemark, den Niederlanden, Großbritannien und Deutschland - Ländern mit Zustimmungsregelung - haben sich im Schnitt weniger als 15 Prozent der Bevölkerung als Organspender registrieren lassen. In anderen europäischen Ländern mit Widerspruchslösung - wie Frankreich, Österreich, Belgien oder Ungarn - liegt der Schnitt bei deutlich über 90 Prozent. Ich hatte zwar relevante Unterschiede erwartet, aber als ich bei der Vorbereitung auf meine Kolumne diese Zahlen sah, war ich regelrecht schockiert. Franzosen und Ungarn sind ganz sicher nicht in diesem Maße moralischer oder altruistischer als die Dänen mit fünf Prozent registrierten Organspendern.

    Bloß nichts ändern: Alles bleibt, wie es ist

    Die Verhaltensökonomen erklären dieses Phänomen mit einer Entscheidungsträgheit (engl. inertia) beziehungsweise dem „Status-quo-Bias“: einer Tendenz des menschlichen Gehirns, die aktuelle Situation generell einer Veränderung vorzuziehen. Und obwohl ich mich sehr für das Thema „Organspende“ interessiere und meinen Lebensunterhalt durch die Anwendung von Rationalität und Logik bestreite, bin ich kein Jota besser. Deshalb liegt dieses Kärtchen zur Organspende-Registrierung seit Jahren in meinem Stapel der noch zu erledigenden Sachen.

    Wenn es wieder einmal nach oben gespült wird, macht es mir ein schlechtes Gewissen. Mein Kopf hat längst entschieden was richtig wäre, aber etwas nicht Greifbares, Unterbewusstes lässt mich zögern und dankbar sein, wenn das Kärtchen erst mal wieder im Stapel verschwindet.

    Marcus Schreiber ist Gründungspartner und Chief Executive Officer bei TWS Partners. Quelle: TWS Partners
    Marcus Schreiber

    Marcus Schreiber ist Gründungspartner und Chief Executive Officer bei TWS Partners.

    (Foto: TWS Partners)

    Selbstverständlich handelt es sich hier um ein ethisches Dilemma. Nach der Bundestagsdebatte zum Organspendegesetz wurde landauf, landab geschrieben, mit welchem Respekt und auf welch hohem Niveau diese überparteiliche Debatte stattgefunden habe. Ich möchte dem aufs Heftigste widersprechen, denn wenn ich als Abgeordneter die wissenschaftlich sehr gut erforschten irrationalen Denk- und Entscheidungsmuster der Menschen ignoriere, handele ich bestenfalls gesinnungsethisch, nicht aber verantwortungsethisch.

    Ich habe in der öffentlichen Debatte und im Bundestag weder die Dramatik der Unterschiede zwischen Ländern mit Widerspruchslösung und denen mit Zustimmungsregelung mitbekommen, noch habe ich ein einziges Mal die Worte „Entscheidungsträgheit“ oder „Status-quo-Bias“ gehört. Es wurde nicht thematisiert, dass die individuelle Wahl pro oder contra Organspenden meist nicht das Ergebnis eines informierten, ethisch abwägenden Entscheidungsprozesses ist, sondern dass die Menschen die Gefangenen eines äußerst irrationalen Phänomens sind, das Nicht-Ökonomen wie Ökonomen gleichermaßen betrifft.

    Aus meiner Sicht kann und muss es deshalb den Bürgern zumutbar sein, sich bewusst zu entscheiden - aus welchem Grund auch immer - anderen Menschen nicht mit der eigenen Organspende zu helfen. Allerdings sollte der Weg raus aus der Organspende kinderleicht sein, mit einem Klick im Internet oder einem Anruf, sonst würde die Entscheidungsträgheit der Menschen anders herum unfair ausgenutzt werden.

    Für mich selbst bin ich gespannt, wie ich die nächsten Wochen mit der stillen Anklage der Organspenderkarte in meinem Papierstapel umgehe. Und überlege mir vielleicht auch, was ich mit meiner Mitgliedschaft im Fitnessstudio mache.

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