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Spieltheorie-Kolumne Weniger Staus und Emissionen ohne Zusatzbelastung? Geht mit einer intelligenten Maut

Die Straßen sind frei – allerdings nur von Gebühren. Dabei könnten diese, effizient ausgestaltet und hoch genug, die Verkehrswege massiv entlasten.
29.02.2020 - 15:52 Uhr Kommentieren
Eine Pkw-Maut taugt durchaus zum Lenkungsinstrument. Quelle: dpa
Verkehrschaos in der Innenstadt

Eine Pkw-Maut taugt durchaus zum Lenkungsinstrument.

(Foto: dpa)

Als Ökonom, Spieltheoretiker und leidenschaftlicher Berater hat man es nicht leicht! Überall sieht man Ineffizienzen, Koordinationsprobleme und Verbesserungspotenziale – der Kopf hört nie auf zu rattern. Meine Frau reagiert darauf mittlerweile nur noch mit einem mitleidig-ironischen: „Es gibt noch so viel für Dich zu tun!“

Auch im Skiurlaub kommt der Ökonom in mir nicht zur Ruhe, sondern meldet sich spätestens dann, wenn nach den ersten herrlich einsamen Abfahrten am Morgen die anderen Skifahrer auf den Pisten auftauchen. Langsam aber sicher bildet sich eine immer längere Schlange vor meinem Lieblingslift und ich bekomme Anschauungsunterricht in Sachen Stauforschung. Irgendwann bleibe ich stehen und fange an zu zählen: Lift-Kapazität 40 Skifahrer pro Minute, also 1,5 Sekunden pro Skifahrer. Ankommende Skifahrer am Lift: ebenfalls rund 40 pro Minute.

Aus dem Gleichgewicht

Was mir als Erstes auffiel war, wie ein minimales Ungleichgewicht zwischen Zu- und Abfluss einen dauerhaften Stau verursachen kann. Hätten alle Skifahrer immer alle vier Sitzplätze eines Sessels besetzt, anstatt auch in Zweier und Dreiergruppen zu fahren, wäre bei gleichbleibendem Skifahrer-Aufkommen nie ein Stau entstanden. So aber hat jeder ausgelassene Sitzplatz über den Tag gerechnet etwa 5 bis 6 Stunden zusätzliche Wartezeit verursacht, verteilt auf rund 10.000 Skifahrer. Wie in einem Waschbecken, bei dem pro Stunde ein Becher mehr zu- als abfließt und das am Ende die ganze Wohnung unter Wasser setzt.

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    Warum ist diese Beobachtung auch für Nicht-Skifahrer relevant? Ökonomisch gesprochen handelt es sich hier um ein Koordinationsproblem von großen anonymen Gruppen. Während man sich beim Anstehen am Lift in der Sonne immerhin erholt und mit Freunden plaudert, sind die Staus in unseren Städten und auf unseren Autobahnen einfach nur schrecklich. Staus stressen und machen aggressiv. Glücksforscher in der USA haben festgestellt, dass tägliches, beschwerliches Pendeln direkt nach Krankheit, Einsamkeit und Geldmangel zu den stärksten Faktoren für gefühltes Unglück gehört.

    Die Maut als Steuerungselement

    Für die Luftreinheit und das Klima sind Staus eine Katastrophe. Ich kann mein Auto mit einem Verbrauch von 6,5 Litern auf 100 Kilometer fahren, im Stau werden es aber über 15 Liter. Das heißt, wenn wir den Verkehr zu gewissen Zeiten nur um 10 Prozent reduzieren, hätten wir damit CO2-Einsparungen und Emissionsreduktionen von über 50 Prozent.

    Während ich bei meinem Waschbecken einfach den Abfluss erweitern könnte, um das System ins Gleichgewicht zu bringen, funktioniert es am Lift und im Straßenbau eben nicht, einfach die Kapazität zu erhöhen. Denn erstens gibt es dafür keinen Platz mehr, und zweitens locken weniger Staus nur weitere Ski- oder eben Autoautofahrer an, womit ein Großteil des Kapazitätseffekts wieder verpufft.

    In der öffentlichen Debatte wurde die Maut auf deutschen Straßen in erster Linie unter dem Gesichtspunkt der zusätzlichen Einnahmen diskutiert. Dabei hat die Maut vor allem ein ungeheures Koordinierungs- und Steuerungspotenzial zur besseren Nutzung einer knappen Ressource.

    Ungesteuertes Verhalten ist meist ineffizient

    Eine freie Straße - wie zum Beispiel eine Autobahn in der Nacht - ist in der ökonomischen Sprache ein „öffentliches Gut“. In Zeiten geringer Nutzung konkurrieren die Autofahrer nicht um ihre Benutzung. Aus diesem Grund sollte der Preis für die Nutzung in diesen Zeiten auch Null sein.

    Anders wird das Bild am Morgen. Da wird die Autobahn zum sogenannten „Allmende-Gut“. Die Allmende war im Mittelalter die öffentliche Wiese vor der Stadt, auf der jeder seine Kühe kostenlos weiden lassen durfte. Jeder überlegte dabei nur, ob für seine Kühe noch genügend Gras vorhanden war, und dachte nicht an all die anderen Viehbesitzer, denen er das Gras wegnahm. Heute kann man dieses Phänomen sehr gut bei der Überfischung der Meere beobachten.

    Marcus Schreiber ist Gründungspartner und Chief Executive Officer bei TWS Partners. Quelle: TWS Partners
    Marcus Schreiber

    Marcus Schreiber ist Gründungspartner und Chief Executive Officer bei TWS Partners.

    (Foto: TWS Partners)

    Auf hoher See gibt es keine Eigentumsrechte an Fischbeständen, was zu einer dramatischen Überfischung führt, da jeder nur seinen eigenen Fang im Auge hat. Genauso denkt kein Autofahrer daran, dass er ab einer kritischen Verkehrsdichte jeden Autofahrer hinter sich jeweils ein paar Sekunden kostet. Er überlegt lediglich, ob es für ihn gerade sinnvoll ist, das Auto zu nehmen. Eine Allmende ist der Inbegriff der Ressourcenineffizienz.

    Einpreisen der Auswirkungen

    Was ist die Alternative? Eine intelligente Maut rechnet die verlorene Zeit, die ein Autofahrer seinen Mitmenschen aufbürdet, mit ein. Wie bei allen Lenkungssteuern müsste eine solche Maut hoch genug sein, um genügend Fahrer in Zeiten der Überlastung von der Nutzung der Straße abzuhalten.

    Oslo hat bereits ein gestaffeltes Mautsystem eingeführt. Je nach Uhrzeit, Fahrzeug- und Motorentyp kostet die Nutzung der Straßen in vordefinierte Zonen unterschiedlich viel. Auch bei uns wäre ein solches System in einem ersten Schritt schnell einführbar. Stoßzeiten, Wochenenden in Richtung Ausflugsziele, Ferienzeiten und die Straßen der Innenstädte wären teuer. Fahrten außerhalb der Peaks, also beispielsweise vor 7.00 Uhr morgens und nach 19.30 Uhr, müssten hingegen möglichst billig oder gar kostenfrei sein, damit sich eine Verhaltensänderung lohnt.

    Ausgabenneutral und gut fürs Klima

    In einem weiteren Ausbauschritt könnten wir auf Basis von in Echtzeit erhobenen Verkehrsdaten und mit Hilfe von Algorithmen und einer Auktionslogik variable Mautpreise so festlegen, dass ein flüssiger Verkehr zu jedem Zeitpunkt gewährleistet ist. Während die „Ausländermaut“ der CSU auf der Einnahmenseite eher eine hochbürokratische „Mickey Mouse Maut“ gewesen wäre, könnten mit einer effektiven Steuerungsmaut auf Bundes-, Länder- und kommunaler Ebene durchaus Einnahmen von 40 bis 50 Milliarden Euro erzielt werden.

    Damit sich die Autofahrer nicht geschröpft vorkommen, sollten diese Einnahmen am besten zu über 100 Prozent und möglichst gleichverteilt an anderer Stelle bei den Steuern zurückgegeben werden.

    In einem solchen System profitieren alle. Flexible Autofahrer werden für ihr Ausweichen auf andere Zeiten und Routen finanziell an anderer Stelle entlohnt. Die Autofahrer, die weiterhin die Straße nutzen, sparen Nerven und gewinnen Zeit für Freunde und Familie. Die größten Gewinner wären aber unsere Gesundheit, die Umwelt und das Klima.

    Mehr: Innenstädte ohne Autos – Ein Elektroauto macht noch keine Verkehrswende.

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