Sprache Warum der Aufstand gegen das Englische zwecklos ist

Irgendwann wird jemand "ladylike" mit "dämlich" übersetzen. Aber Sprachmischmasch gab es früher auch - mit Latein und Französisch als "Lingua Franca".
  • Josef Joffe
9 Kommentare
Josef Joffe ist Herausgeber der Zeit. Quelle: dpa

Josef Joffe ist Herausgeber der Zeit.

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We speak English, don't we? Yes, of course. Wir reden Englisch in der Hochschule, obwohl wir die noch nicht „high school“ nennen. Wir reden Englisch in den globalisierten Betrieben. Und kein Mensch sagt mehr „Schlussverkauf“ – es heißt jetzt „Sale“. „American Nail Care“ nennt sich ein Maniküre-Salon in Hamburg, „Capital Beach“ das Outdoor-, äh, Garten-Café vor dem Berliner Hauptbahnhof. Pro 7 beteuert: „We love to entertain you“, RTL hypt (äh, berühmt) sich auch auf Englisch.

Also „schönen Tag, noch“ („have a nice day“), deutsche Sprache! Und wir konstatieren „am Ende des Tages“ – Deulish für „letztendlich“ –, dass die deutsche Sprache wieder mal zum Teufel geht. Wie zuletzt auf der Tagung „Deutsch in der Wissenschaft“ in Tutzing. „Selbstentmündigung“ und „vorauseilender Gehorsam“ flogen durch die Luft. Der „Untergang geistiger Welten“ wurde beschworen, das „Verschwinden intellektueller Standards“.

Von „Beflissenheit“ und „Entfremdung“, ja, „anglo-amerikanischer Sklaverei“ berichtet die „Frankfurter Allgemeine“. Und die werde auch noch mit Steuergeldern alimentiert, weil etwa Anträge und Evaluierung bei der Exzellenzinitiative der Universitäten auch auf Englisch abgefasst werden müssten.

„Exzellenz“, „Initiative“, „Evaluierung“: Das klingt auch fremdländisch. Ist es auch – eingedeutschtes Latein mit einem Klacks Französisch. Und der geschulte Anglo-Sklave kommt ins Grübeln. Die Sprache der Germanen ist so „rein“ wie die deutsche Rasse, nämlich gar nicht. Kaum ein europäisches Volk ist so „durchrasst“ wie das deutsche – kein Wunder angesichts seiner Mittellage, die Eroberer und Einwanderer mitsamt ihrer Sprache angelockt hat.

„Bluse“ ist Französisch, „Roboter“ Russisch, „Ganove“ Jiddisch, „Ciao“ Italienisch, „Döner“ Türkisch, „Gangster“ Englisch. Halloween ist der Nationalfeiertag deutscher Kids, die früher mal Teenager hießen So what? Irgendeine Lingua franca (nicht: „Freisprache“) muss es geben. Das war die lateinische bis ins Mittelalter. Das war Französisch bis ins 19. Jahrhundert; in der schrieb und „parlierte“ der Alte Fritz. Nach der Reichsgründung setzte sich Deutsch in den Wissenschaften durch; für das Ende der Vorherrschaft sorgte ein Österreicher namens Hitler.

Heute ist es Englisch. Ist die Dominanz dem „Kulturimperialismus“ geschuldet? Sie kommt nicht auf Panzerketten daher. Englisch ist nicht nur „cool“, sondern auch praktisch: wegen seiner schlichten Grammatik und seiner strengen, aber eindeutigen Syntax.

Und versuchen Sie mal, „Sex“ einzudeutschen: Geschlechtsverkehr? Beischlaf? Körperliche Vereinigung? „Der Punkt ist“ (auch Englisch), dass Sex kürzer und griffiger ist. Noch praktischer ist es, wissenschaftliche Ergüsse auf Englisch zu artikulieren. So wird man von der größtmöglichen Zahl der Kollegen verstanden. Daran ändern auch fromme Wünsche nichts – oder etwa die Forderung, Deutsch als Landessprache im GG zu verankern.

Das Problem lauert anderswo: „Bad English“ ist die am schnellsten expandierende Sprache. Man darf dieses Kauderwelsch auch die Rache der Eingeborenen an den „Kulturimperialisten“ nennen. Das zweite Problem ist die Verhunzung der eigenen Sprache durch wortwörtliche Übersetzung wie: „Bist du in Ordnung?“ „Hast du eine gute Zeit gehabt?“ Irgendwann wird jemand „ladylike“ mit „dämlich“ übersetzen.

Am Englischen kommt niemand mehr vorbei. Also: Let's learn good English, dann werden wir auch der eigenen Sprache das Top-Ranking, äh, die Höchstachtung, verleihen, die ihr gebührt.

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9 Kommentare zu "Sprache: Warum der Aufstand gegen das Englische zwecklos ist"

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  • ich glaube das die englisch Nachlabere einfach gedankenlose Wirrköpfe sind.
    ich spreche nachhaltig Deutsch und komisch es versteht mich jeder. Die die das nachpappeln sind meistens gedankenlose Jungschwätzer, die sich auch noch einbilden sie könnten mehr.

  • Oh, Herr bitte gib mir meine gute alte D-Mark und meine deutsche Sprache zurück!
    ---
    Oh, Herr bitte gib mir meine Sprache zurück,
    ich sehne mich nach Frieden und 'nem kleinen Stückchen Glück.
    Lass uns noch ein Wort verstehen in dieser schweren Zeit,
    öffne unsre Herzen, mach' die Hirne weit.

    ich bin zum bahnhof gerannt und war a little bit too late
    Auf meiner neuen Swatch war's schon kurz vor after eight.
    ich suchte die Toilette, doch ich fand nur ein "McClean",
    ich brauchte noch Connection und ein Ticket nach berlin.
    Draußen saßen Kids und hatten Fun mit einem Joint.
    ich suchte eine Auskunft, doch es gab nur 'n Service Point.
    Mein Zug war leider abgefahr'n - das Traveln konnt' ich knicken.
    Da wollt ich Hähnchen essen, doch man gab mir nur McChicken.

    Oh, Herr bitte gib mir meine Sprache zurück,
    ich sehne mich nach Frieden und 'nem kleinen Stückchen Glück.
    Lass uns noch ein Wort verstehen in dieser schweren Zeit,
    öffne unsre Herzen, mach' die Hirne weit.

    Du versuchst mich upzudaten, doch mein Feedback turned dich ab.
    Du sagst, dass ich ein Wellness-Weekend dringend nötig hab.
    Du sagst, ich käm' mit good Vibrations wieder in den Flow.
    Du sagst, ich brauche Energy. Und ich denk: "Das sagst du so..."
    Statt Nachrichten bekomme ich den infotainment-Flash.
    ich sehne mich nach bargeld, doch man gibt mir nicht mal Cash.
    ich fühl' mich beim Communicating unsicher wie nie –
    da nützt mir auch kein bodyguard. ich brauch Security!

    Oh, Lord, bitte gib mir meine Language zurück,
    ich sehne mich nach Peace und 'nem kleinen Stückchen Glück,
    Lass uns noch ein Wort verstehn in dieser schweren Zeit,
    öffne unsre Herzen, mach' die Hirne weit.

    ich will, dass beim Coffee-Shop "Kaffeehaus" oben draufsteht,
    oder dass beim Auto-Crash die "Lufttasche" aufgeht,
    und schön wär's, wenn wir bodybuilder "Muskel-Mäster" nennen
    und wenn nur noch "Nordisch Geher" durch die Landschaft rennen...

    Oh, Lord, please help, denn meine Language macht mir Stress,
    ich sehne mich nach Peace und a bit of Happiness.
    Hilf uns, dass wir understand in dieser schweren Zeit,
    open unsre hearts und make die Hirne weit.

    Oh, Lord, please gib mir meine Language back,
    ich krieg hier bald die crisis, man, it has doch keinen Zweck.
    Let us noch a word verstehen, it goes me on the Geist,
    und gib, dass "Microsoft" bald wieder "Kleinweich" heißt.
    (Text: Wise Guys)

  • [5] Heinz
    ich finde den Artikel eher dämlich.

    "irgendwann wird jemand „ladylike“ mit „dämlich“ übersetzen."

    Das mache ich schon seit Jahrzehnten!:)

  • Wieso Aufstand, es gibt kleine Grüppchen hochgeförderte die die Gelegenheit erhalten Englisch zu lernen in ihrer Jugend.
    Der Rest, dazu gehört auch meine Generation hat nicht bereits ab der 1. Klasse Englisch gehabt. Wozu auch, es ist garnicht erwünscht gewesen, dass man etwas kann. Dies wurde massiv unterdrückt in Deutschland.

    Auf einmal treten dann unsere hochgeförderten auf, die Auslandsaufenthalt haben etc, etc, wie schön für die Reichen und teuer geförderten die sich das alles leisten können.

    Doch wird dadurch ein Projekt oder etwas anderes besser? Das immer und immer wieder eine neue Sprache ein Neues anderes erlernt wird?

    Nö, bringt aber Geld ein für die Leute, die Schulungen machen.

    Selbst Volkshochschule ist für Frauen mit Kinder sowieso nicht haltbar. Die Termine sind nur für business Leute ohne Kinder tragbar und dann immer am anderen Ende der stadt und ohne Fahrweg von mind. 1,5 Stunde incl. Fahrgeld sowieso nicht erreichbar. Und mit wme wollen sie dann anschließend englisch schwätzen? eben wozu der ganze Aufwand betreiben. Dann kommen schon wieder die Russen. Das soll dann bitteschön auch noch gelernt werden und dann am besten chinesisch. Wenn dann alle sprachen erlernt worden sind, was ist dann?

    Oh wir lernen jetzt alle sprachen und anschließend haben wir keine Zeit mehr was anderes zu tuen, oder eben bloggen. Für das eine oder andere darf sich entschieden werden.

  • ich finde den Artikel eher dämlich.

    "irgendwann wird jemand „ladylike“ mit „dämlich“ übersetzen."

    Mag sein. Treffender ist "damenhaft".

    "...Top-Ranking, äh, die Höchstachtung..."

    Top-Ranking heißt auf Deutsch Spitzenplatzierung. Höchstachtung hat eine andere bedeutung.

    "Und versuchen Sie mal, „Sex“ einzudeutschen"

    Ganz einfach: Sex

  • „Nach der Reichsgründung setzte sich Deutsch in den Wissenschaften durch; für das Ende der Vorherrschaft sorgte ein Österreicher namens Hitler.“

    Heute würde man ihn als „Deutschen mit Migrationshintergrund“ bezeichnen. Der deutschen Nation gehörte er als Österreicher ohnehin an.
    Das Deutsch bis dahin die Sprache der Wissenschaft war, ist dem Umstand geschuldet, daß in D wirklich kluge Köpfe am Werke waren, deren Wissen als „beute“, die Wissenden zum Teil ebenfalls, in die Länder der besatzer kurzerhand „exportiert“ wurde. Kein Land der Welt hat so vom Wissen deutscher Wissenschaftler, ingenieure und Techniker profitiert, wie die USA.

    „Heute ist es Englisch. ist die Dominanz dem „Kulturimperialismus“ geschuldet? Sie kommt nicht auf Panzerketten daher. Englisch ist nicht nur „cool“, sondern auch praktisch: wegen seiner schlichten Grammatik und seiner strengen, aber eindeutigen Syntax.“

    Der Autor reiht sich damit in die Gruppe derer ein, die bereit sind ihre Kultur aufzugeben und sich kritiklos eine andere überstülpen zu lassen. Dies passiert Menschen, die sich ihrer angestammten Kultur nicht zugehörig fühlen.

    „Noch praktischer ist es, wissenschaftliche Ergüsse auf Englisch zu artikulieren. So wird man von der größtmöglichen Zahl der Kollegen verstanden.“

    Es hat sich mir bisher nicht erschlossen, weshalb deutsche Wissenschaftler die Ergebnisse ihrer Forschungsarbeit in Englisch vorstellen und nicht in Deutsch. Genauso wenig hat es sich mir erschlossen, weshalb in deutschen Aktiengesellschaften ab einer bestimmten Gehaltsstufe nur noch in Denglish herumgequatscht wird. Der Vortragende kann sich auf diesem Wege sicher sein, daß ihn kaum jemand versteht und gerät in’s rudern, wenn jemand nach der bedeutung seiner verwendeten „Fachausdrücke“ fragt, nur so, um zu verstehen, worüber er vorgetragen hat.

    „Also: Let's learn good English, dann werden wir auch der eigenen Sprache das Top-Ranking, äh, die Höchstachtung, verleihen, die ihr gebührt.“

    Es ist zweifellos von Vorteil, die eigene Sprach gründlich zu lernen, dies sollte sich, bei aller begeisterung die eigene Kultursprache in’s Abseits zu schieben, zunächst an unseren Schulen durchsetzen. Wie weit der Abstieg schon dediehen ist, läßt sich hervorragen an deutschen Tageszeitungen, Nachrichtensendungen und deutschen Spielfilmen, sollten welche gesendet werden, erkennen.

    Ach ja, zur Definition Sex: Nonverbale Kommunikation, so bezeichnete ein Richter den gewerblichen beischlaf während einer Verhandlung.

  • Wir sollten mit Englisch nicht übertreiben. Übertrieben ist dann, wenn man in einem Dorf in Ostalbkreis im Schaufenster "Sale" steht. Hallo? Hier kommen leben alte Schwaben, die selten Hochdeutsch reden, geschweige denn Englisch. Und ausländische Touristen kann man auf einer Hand abzählen.

    ich finde es aber gut, wenn man in "big Cities" (München, Stuttgart, Köln) wichtige Schilder und infos in 1) Deutsch und 2) Englisch stehen.

  • Zitat: "Und versuchen Sie mal, „Sex“ einzudeutschen: Geschlechtsverkehr? beischlaf? Körperliche Vereinigung?
    „Der Punkt ist“ (auch Englisch), dass Sex kürzer und griffiger ist."

    Danke für das beispiel, denn genau dieses zeigt hervorragend, was passiert. Ein englisches Wort ersetzt hier die feinen Unterscheidungen, die die deutsche Sprache bietet. Orwell nannte dies in seinem Roman 1984 Neusprech. Mit einem begrenzten Wortschatz lassen sich dann Sachverhalte
    entsprechend undifferenziert und ungenau beschreiben. Entsprechendes passiert dann mit den Gedankengängen. Das soll ein Vorteil sein? Das kann nicht ganz ernst gemeint gewesen sein.

    Zum Einsatz der englischen Sprache an der Uni:
    Eine Studie des DAAD unter ausländischen Studierenden führte zum Ergebnis, dass englischsprachige Studiengänge in Deutschland dazu führen, dass die ausländischen Studenten dann entweder gleich ins Ausland studieren gehen (Motto: Wieso dann nicht dort, wo der Unterrichtsstoff in der Originalsprache gelehrt wird.) oder spätestens nach dem Studium ins Ausland zum Arbeiten gehen. Das nenn ich gut investiert.

    Fazit: Das Thema ist weitaus komplexer, als es auf den ersten blick scheint und hat zudem explizit wirtschaftliche Auswirkungen.

  • Who put the M in Manchester?

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