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Gastkommentar – Homo oeconomicus Das Beispiel der Biontech-Gründer zeigt: Care-Arbeit ermöglicht Karrieren

Ohne verlässliche Pflegearbeit wären viele unternehmerische Erfolgsgeschichten unmöglich. Trotzdem wird sie als unwichtiger Nebenaspekt behandelt, meint Uta Meier-Gräwe.
31.01.2021 - 15:26 Uhr Kommentieren
Das Unternehmer-Ehepaar hat eine gemeinsame Tochter Quelle: imago/Sämmer
Ugur Sahin und Özlem Türeci

Das Unternehmer-Ehepaar hat eine gemeinsame Tochter

(Foto: imago/Sämmer)

Es ist ein grandioses Beispiel für gelungene Integration und Erfindungsgeist: Dem türkischstämmigen Ehepaar Ugur Sahin, 55, und Özlem Türeci, 53, gelang es in kürzester Zeit, einen Corona-Impfstoff zu entwickeln und dafür als Erste eine Zulassung zu erhalten. Deutschland, das sich nach wie vor schwer damit tut, ein Einwanderungsland zu sein und gezielt in die Potenziale von Kindern mit Migrationsgeschichte zu investieren, feiert die beiden zu Recht als Heldenpaar.

Doch damit wir mehr als eine aufbauende Heldengeschichte aus diesem Erfolg ziehen können, sollten wir mehr wissen, als wir bislang erfahren. Was braucht es, damit Migrantenkinder so erfolgreich sein können? Was braucht es generell für unternehmerische Höchstleistungen?

Sahin kam als Vierjähriger mit seiner Mutter nach Köln, wo sein Vater bei Ford am Fließband arbeitete. Wäre es nach Sahins Lehrer gegangen, hätte der Junge nach der Grundschule die Hauptschule besucht. „Erst durch das Einschreiten eines deutschen Nachbarn konnte ich aufs Gymnasium“, erzählt der Biontech-Gründer heute.

Nicht pauschal auf die Hauptschule geschickt zu werden – das ist eine bedeutende Hürde für Migrantenkinder, die viele von ihnen bis heute kleinhält. Ebenso wie generell ein mangelndes Interesse von Politik, Wirtschaft und Gesellschaft, überhaupt in ihre Bildung zu investieren.

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    Sogar in einer wohlhabenden Stadt wie Freiburg, wo ich wohne, ist dies sichtbar: Es gibt dort keine politische Mehrheit dafür, in dem Stadtteil mit der höchsten Zahl von Grundschulkindern mit Migrationshintergrund auch nur eine weiterführende Schule zu bauen.

    Soziologin Uta Meier-Gräwe Quelle: Gleichstellungsbüro Freiburg
    Uta Meier-Gräwe

    Uta Meier-Gräwe war bis 2018 Inhaberin des Lehrstuhls für Wirtschaftslehre des Privathaushalts und Familienwissenschaft an der Justus-Liebig-Universität Gießen und Beraterin der Bundesregierung.

    (Foto: Gleichstellungsbüro Freiburg)

    Türecis Vater ist als Chirurg an einem Krankenhaus in Cloppenburg beschäftigt. Dorthin nahm er seine Tochter als Kind öfter mit, was ihren Berufswunsch prägte.

    So studierte Türeci Medizin – ebenso wie Sahin. 2002 heirateten sie und setzten ihre Wissenschaftskarriere fort. 2008 gründeten sie die Firma Biontech. Eine ehemalige Kollegin bezeichnete beide als „brillante Arbeitstiere“. Dazu passt Türecis Aussage über sich selbst und ihren Partner: „Unsere Arbeit hört nicht um 17 Uhr auf, wir gehen darin auf“, sagte sie.

    Wer hat das Arbeiten bis in die Nacht möglich gemacht?

    Allerdings: Das Paar hat eine gemeinsame Tochter. Das wirft die Fragen auf: Wer hat sich um das Kind gekümmert und hat dadurch möglich gemacht, dass die Eltern bis in die Nacht arbeiteten? Gab es eine Großmutter, eine Kinderbetreuung, eine Haushaltshilfe, die sie entlastet, die gekocht und für blütenweiße Arztkittel gesorgt haben? Gab es einen Ganztagskindergartenplatz? Oder hat sich das Paar die Arbeit des Alltags fair geteilt? Wie geht das mit überlangen Arbeitszeiten im Labor?

    Oder ganz generell: Was muss gegeben sein, damit Leute mit hohem Potenzial nicht darauf verzichten, dieses auszuschöpfen, etwa weil sich das schlecht mit familiären Pflichten vereinbaren lässt?

    Es ist vielleicht verständlich, dass das Erfolgspaar seine Familieninterna nicht in der Öffentlichkeit ausbreiten will. Dennoch sollte bei den Lehren aus dieser Erfolgsgeschichte Folgendes nicht ausgeblendet werden: Die verlässliche Hintergrundarbeit ist das unabdingbare Fundament dieser Erfolgsgeschichte.

    Wenn wir mehr solche Erfolgsgeschichten hören wollen, müssen wir auch dafür sorgen, dass es kein Privileg von Menschen mit hohem Einkommen oder günstigen familiären Verhältnissen ist, nicht zwischen Kindern und Karriere wählen zu müssen.

    Mehr: Deutschland ist zu sehr auf Industrie und Technik fixiert – lesen Sie hier den vorangegangenen Gastkommentar von Uta Meier-Gräwe

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