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Gastkommentar – Homo oeconomicus Mythos Atomkraft: Bill Gates irrt gleich fünffach

Der Amerikaner plädiert für Atomkraftnutzung zur Bekämpfung des Klimawandels. Claudia Kemfert und Christian von Hirschhausen vom DIW halten das für untauglich und unnötig.
16.02.2021 - 12:19 Uhr 23 Kommentare
Claudia Kemfert ist Leiterin der Abteilung Energie, Verkehr und Umwelt am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung. Christian von Hirschhausen ist Forschungsdirektor am DIW und an der TU Berlin.
Die Autoren

Claudia Kemfert ist Leiterin der Abteilung Energie, Verkehr und Umwelt am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung. Christian von Hirschhausen ist Forschungsdirektor am DIW und an der TU Berlin.

Bill Gates ist es gewohnt, recht zu haben. Doch diesmal irrt er sich gleich fünffach: Es ist keine geniale Idee, Atomenergie aus der Mottenkiste zu holen. Sie ist für den Kampf gegen den Klimawandel ungeeignet.

Irrtum 1: Atomenergie ist zwar CO2-ärmer als fossile Energien, aber keineswegs CO2-frei. Bei der Produktion der Kraftwerke, beim Abbau von Uran, beim jahrelangen Rückbau der Anlagen entstehen in erheblichem Umfang Treibhausgase.

Irrtum 2: Die vermeintlich größte Stärke der Atomkraftwerke liegt in ihrem „Grundlast“-Beitrag. Das klingt nach nützlicher Ergänzung im Energiemix, weil erneuerbare Energien in der Stromproduktion schwanken. Doch Atomkraft ist selbst eine Energiequelle mit großen Ausschlägen, nicht nur durch Unfälle, sondern auch wegen vielfältiger Ausfallzeiten im „Normalbetrieb“.

Es gibt auch schon ausreichend Flexibilitätsoptionen für eine sichere Stromversorgung. Wer Digitalisierung und Klimaschutz zusammendenkt, kombiniert Energie- und Lastmanagement, flexible Nachfrage und mittelfristig Stromspeicher, die in kürzester Zeit Schwankungen ausgleichen. Erneuerbare Energien sind flexible Teamplayer.

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    Irrtum 3: Atomenergie taugt nicht als Friedenstechnologie. Im Gegenteil. Die Technik ist seit 80 Jahren vor allem aus militärischen Motiven wichtig, ob im Zweiten Weltkrieg, im Kalten Krieg oder im Iran und in Nordkorea heute.

    Auch die angeblich neue Technik der von Gates propagierten Reaktoren stammt aus den Anfängen militärischer Entwicklungen der Nachkriegszeit. Die redlichen Bemühungen internationaler Abkommen, das Problem der Atomwaffen zu minimieren, würden durch zusätzliche Atomkraftwerke konterkariert.

    Die Umsetzung der Energiewende zählt

    Irrtum 4: Auch die von Gates‘ Unternehmen TerraPower propagierten Reaktorkonzepte sind nicht frei von Gefahren. Sie verwenden die Technologie des Schnellen Brüters, die von fast allen Ländern, die damit experimentierten, inzwischen aufgegeben wurde. Der Laufwellenreaktor benötigt Werkstoffe und Kühlmittel, die bis heute nicht kommerziell verfügbar sind. Und auch die Mini-Reaktoren müssen irgendwann aufwendig zurückgebaut werden.

    Irrtum 5: Die Kosten von Kleinreaktoren sind nicht niedriger, sondern höher. Deswegen hat man einst begonnen, große statt kleine Reaktoren zu bauen. Nur mit Subventionen oder staatlichen Geldern können Reaktoren gebaut werden. Bisher sind alle Atom-Start-ups nach kurzer Zeit wieder in der Versenkung verschwunden – aus immer denselben Gründen: Risiko, Müll und Kosten.

    In den Zeiträumen, die für Klimaschutz besonders wichtig sind, den nächsten zwei bis drei Jahrzehnten, sind die von Gates verfolgten Konzepte irrelevant. Was zählt, ist die konsequente Umsetzung der Energiewende als komplexes Gemeinschaftswerk. Im Zusammenspiel liefern die erneuerbaren Energien all das, was Gates erreichen will: Versorgungssicherheit, Dezentralität, Klimaschutz und Frieden. Sie sind deutlich weniger risikobehaftet, preiswerter und bereits heute einsatzfähig. Nutzen wir einfach konsequent, was wir schon haben!

    Mehr: „Wir brauchen New Green Deals“, fordert Claudia Kemfert

    Startseite
    23 Kommentare zu "Gastkommentar – Homo oeconomicus: Mythos Atomkraft: Bill Gates irrt gleich fünffach"

    Das Kommentieren dieses Artikels wurde deaktiviert.

    • Die 5 Irrtümer mögen teilweise richtig sein, allerdings wird sich in den nächsten 2 Jahrzehnten zeigen, ob die Industrienationen in der Lage sind, dass „was wir haben....“ wirklich global zu nutzen. Das wird nämlich voraussetzen, dass die Industrieländer bereit sind, im großen Stil in Entwicklungs- und Schwellenländer zu investieren, denn nur dort gibt es ausreichend Wind und Sonne zur Gewinnung von Wasserstoff und e-fuels. Wir müssen also akzeptieren, dass ein großer Teil der Wertschöpfung in diese Länder verlagert wird. Und wir müssen weg von dem eindimensionalen Denken, dass die e-Mobilität der Weisheit letzter Schluss ist. Die Gedankenspiele bei MB, alles auf E-Automzusetzen, weil nur das von der Börse honoriert ist ebenso kurzsichtig wie falsch.

    • Die 5 Irrtümer mögen teilweise richtig sein, allerdings wird sich in den nächsten 2 Jahrzehnten zeigen, ob die Industrienationen in der Lage sind, dass „was wir haben....“ wirklich global zu nutzen. Das wird nämlich voraussetzen, dass die Industrieländer bereit sind, im großen Stil in Entwicklungs- und Schwellenländer zu investieren, denn nur dort gibt es ausreichend Wind und Sonne zur Gewinnung von Wasserstoff und e-fuels. Wir müssen also akzeptieren, dass ein großer Teil der Wertschöpfung in diese Länder verlagert wird. Und wir müssen weg von dem eindimensionalen Denken, dass die e-Mobilität der Weisheit letzter Schluss ist. Die Gedankenspiele bei MB, alles auf E-Automzusetzen, weil nur das von der Börse honoriert ist ebenso kurzsichtig wie falsch.

    • Ich bin sehr glücklich über die Abkehr von der Atomkraft. Diese Technik ist von Menschen nicht beherrschbar, denn ansonsten hätten Tschernobyl und Fukushima niemals stattgefunden. Darüber hinaus zeigt sich nach m. E. die Gefährlichkeit der Atomkraft auch an dem Thema "Restmülllagerung". Warum wird sonst zu diesem Thema schon seit einigen Jahren nach einem passenden Standort für ein sog. Endlager gesucht? Weiterhin ist die Energiegewinnung aus erneuerbaren Quellen der einzig richtige Weg, weil hier keine Knappheit entstehen wird. Frau Kemfert, Sie sind für mich eine sehr kluge Frau, von der ich immer wieder gerne etwas höre und lese. Weiter so! Herzlichen Dank!

    • Es ist natürlich "kein Irrtum", das Deutschland als Land mit wenig Ressourcen und Bodenschätzen

      a) zunächst der Steinkohlebau einstellt
      d) mit dem "Kohleausstieg" der Braunkohleabbau einstellt und
      b) (aus Landtagswahlpolitischen Gründen) ein nicht demokratisch legitimierter Atomausstieg beschlossen und verkündet wird ( der bereits zweimal vom Bundesverfassungsgericht als illigitim abgeurteilt wurde)
      c) Wir der Kraftwerksbautechnologie und Lehrstühle verlustig werden
      d) Wir jetzt weiter durch künstliche Erdöl- und damit Energieverteuerung in D den nationalen Verlust von Industriearbeitsplätzen vorrantreiben.

      Es wird dabei völlig missachtet und ausgeblendet, dass um uns herum in weniger als 1.500 km Entfernung, Frankreich, England und auch russische Atomkraftwerke und Kohlekraftwerke weitergebaut und entwickelt werden und dass auch durch die Wegfall / Reduktion der Kaufkraft des Rohölhöchstpreiskunden Deutschland die Fördermengen in den erdölexportierenden Ländern eher steigen statt sinken werden (da Sie die Devisen udn Einnahmen brauchen) und dadruch sich in Folge die Schwellenländer günstigeres und mehr Öl leisten und verfeuern können, so das ausser dem Verlust von Jobs , Know How und Wohlstand in Deutschland wenig global in der Umweltbilanz gewonnen wird.

      Ich präferiere doch lieber im eigenen Land die Technologie und das Know How unter der Prämisse der stetigen Weiterentwicklung von Umwelt und Sicherheitsstandards.

      Desweiteren finde ich es bedenklich sich nur in einer idelogische Blase argumentativ zu bewegen und zu meinen, Strom komme automatisch aus der Steckdose kommt, er könnte zu 100% aus erneuerbaren Quellen bezogen werden, genauso wie ich es sehr bedenklich finde das regelmässig weitreichende politische und wirtschaftliche Entscheidungen unter Missachtung demokratischer Prozesse (nach dem Prinzip "Animal Farm" getroffen werden können.

    • Radioaktivität ist ein wichtiges Kennzeichen organ. Materie und kann nie mehr werden! Es gibt keinen rad. Abfall, nur Unkenntnis über Zerfallsketten. Selbst dummerweise nur einmal abgebrannte Brennstäbe sind weltweit Gold wert und würden zermalen an gleicher Stelle weniger Radioaktivität als vorher haben, doch billiger und für Action wirft man diese in Salzstöcke statt an die Ursprungsstellen im Erzgebirge mit weniger Radioaktivität??? Welcher Planer in D würde ein KKW in der "Erdbebenregion" Eiffel erbauen? In Fukoshima waren es 10.000-mal mehr als je in der Eiffel (1 Wert d. Richterskala ist das 10-fache!). Die Welt und die IAEO haben die richtigen Schlüsse gezogen bauen und kontrollieren jetzt regelmäßig KKWs. Kleinen Kernreaktoren werden bei über 180 Atom-U-Booten, 11 Atom-Eisbrechern und 4 Atomfrachtschiffen mit z.T. sogar 3 Reaktoren schon seit über 60 Jahren eingesetzt. Wir verschlafen die wichtigste Zukunftstechnologie.

    • Es ist schon erstaunlich, mit welchen Behauptungen leitende MA des DIW den informierten Leser desinformieren wollen. 1. Die beiden Autoren mögen mir bitte einen technischen Apparat oder eine technische Einrichtung nennen, deren Herstellung CO2-frei erfolgt; etwa Windräder? Zum Irrtum Nr. 2: Bislang gibt es keine Stromerzeugungsanlage, die auch nur vergleichbar selten im Bedarfsfall Strom nicht geliefert hat wie ein KKW. Keine Stromerzeugsanlage hat auch nur annähernd so wenig Ausfallzeiten im Normalbetrieb wie ein Kernkraftwerk. Zum Irrtum Nr. 3: Bei uns in D oder in den USA eine Verbindung der Nutzung der Kernenergie zur Herstellung waffenfähigen Plutoniums herzustellen, ist so weit hergeholt, dass es eigentlich jegliche Vorstellungskraft übertrifft. ZUm Irrtum Nr. 4 Die nicht zum Einsatz gekommene Brütertechnologie - so weit von einem Einsatz war sie übrgens gar nicht entfernt - als Grund für Gefahren einer neuen KKW-Technologie zu nennen zeigt, dass die Autoren offensichtlich nicht wissen worüber sie schreiben. Und zum Irrtum Nr. 5: Bislang ist mit weitem Abstand die Stromerzeugung mittels Windrädern das am stärksten staatlich geförderte Verfahren zur Stromerzeugung.
      Fazit: Die beiden Autoren dieses Berichts irren gleich fünffach, nicht Bill Gates! Einen schlimmeren Schaden konnten Frau Kemfert und Herr von Hirschhausen dem Ansehen des DIW kaum zufügen.

    • Wie schreiben die beiden "Experten" so richtig: für eine sichere Versorgung mit erneuerbaren Energien benötigt man (unter anderem) " mittelfristig Stromspeicher". Sehr richtig ! Nur sind die mit ausreichender Kapazität noch nicht in Sicht !

    • Leute, geht mit den beiden nicht so hart ins Gericht!
      Die müssen das sagen, denn sie hängen von öffentlichen Mitteln ab, und in den Förderkatalogen steht nun mal drin, was bei der Forschung erforscht werden soll!

      Interessanterweise kommen die einzig kritischen Stimmen von emeritierten Professoren. Denn die müssen kein Blatt mehr vor den Mund nehmen.

    • Zur Qualität der Literatur von Frau Kemfert: Sie schrieb 2011 "Obwohl sich die Stromerzeugung aus erneuerbaren Energien bis 2020 mehr als verdoppelt, wird die EEG-Umlage als Bestandteil des Verbraucherpreises dann real mit 3,64 Cent pro kWh nur wenig höher sein als gegenwärtig." Einwirken lassen.

      Tschernobyl und Fukushima haben sich in die German Angst eingefräst. Diese Vorfälle sollten nicht immer wieder herausgekramt werden. Denn das geht viel besser. Ein Freund von Atomkraftwerken bin ich nur aus einem Grund nicht: die Halbwertszeit des Atommülls. Fällt keiner an bin ich dabei. Kann man sie entscheidend verkürzen (Technologie?) auch noch. Sonst solle man versuchen ohne auszukommen so gut es geht.

      Aber so wie sich Kemfert&Co das vorstellen wird es auch nicht funktionieren. Ich such schon mal meine alten Pläne zu Notstromaggregaten raus. Dieselbetrieben.

    • Hallo, Herr Zuckschwerdt!

      Ihre Schlagwaffe hätten Sie besser stecken lassen. Das Sie das ausschließlich die interessierte Propaganda runterbeten: geschenkt.
      Dass Sie auch Kernschmelzen als planbare Wartung einstufen zeigt, wie fern der Realität Sie sich bewegen.

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