Gastkommentar – Homo oeconomicus: Polarisierung stoppen: Die Erbschaftsteuer ist besser als ihr Ruf
Finanz-, Immobilien- und Betriebsvermögen sind die dominanten Vermögensformen in der Gesellschaft.
Foto: imago/CHROMORANGEErbschaftsteuern sind unbeliebt. Verständlich ist dies bei den Vermögenden. Aber überraschenderweise lehnen viele Menschen die Steuer ab, die davon mangels Vermögen nie betroffen sein werden. Angeführt werden meist Argumente, die auf die einzelnen Vermögensbesitzer und ihre Kinder zielen. Die Steuer spiegele den Neid auf Erfolgreiche wider, es handle sich um eine Doppelbesteuerung, die Steuer sei pietätlos und würde die Solidarität in der Familie aufs Spiel setzen.
Diese Argumente greifen zu kurz und verfehlen die eigentliche Problematik. Denn es geht nicht um die einzelnen Vermögensbesitzer, sondern um die Struktur der Gesellschaft. Die Erbschaftsteuer soll in jeder Generation ausgewogene Startbedingungen herstellen. Das ist ein urliberales Anliegen. Ohne eine solche Korrektur konzentrieren sich private Vermögen immer weiter, und Lebenschancen werden immer stärker herkunftsabhängig.
Der Liberalismus versprach im Kampf gegen den Feudalismus, dass nicht Herkunft, sondern Leistung für den Erfolg zählen sollte. Der Landbesitz sollte in den Marktprozess eingebunden werden. Das adelige Erbrecht, mit dem Landbesitz ungeteilt zumeist an den ältesten Sohn ging, wurde abgeschafft.
Landbesitz spielt heute eine viel geringere Rolle. Finanz-, Immobilien- und Betriebsvermögen sind die dominanten Vermögensformen unserer Gesellschaft. Wenn diese ungeschmälert von Generation zu Generation vererbt werden, kann das ebenso dazu führen, dass die Sozialstruktur verknöchert. Dies gilt nicht nur für die Großerben bedeutender Unternehmen. Es gilt auch für die Chancen für junge Menschen, ein Eigenheim zu erwerben, wenn Eltern das notwendige Eigenkapital beisteuern – oder eben nicht.
Dass die Vermögen ungehindert über Generationen weitergegeben werden, führt zur Polarisierung von Vermögen und damit von Lebenschancen. Der Vermögenszuwachs der vergangenen 40 Jahre in Deutschland kam ausschließlich der Oberschicht und der oberen Mittelschicht zugute. Die Vermögen der unteren Hälfte der Bevölkerung stagnierten und ihr Anteil am Gesamtvermögen nahm ab.
Jens Beckert ist Direktor am Max-Planck-Institut für Gesellschaftsforschung.
Foto: David AusserhoferParadoxerweise führt diese Entwicklung nicht dazu, dass die Bevölkerung die Erbschaftsbesteuerung unterstützt, sondern trägt zu deren Ablehnung bei. Wenn Lebenschancen vom Vermögen der Eltern und Großeltern abhängen, wollen sich diejenigen, die Vermögen haben oder sich Hoffnung auf eine Erbschaft machen, ihre Lebenschancen nicht vom Staat nehmen lassen.
Eine Erbschaftsteuer, mit der etwa Bildungsgerechtigkeit oder ein Grunderbe für alle jungen Menschen finanziert würde, wäre zwar ordnungspolitisch wünschenswert, bleibt jedoch höchst unwahrscheinlich. Ungleich verteiltes Vermögen befördert die Ablehnung von Reformen, die für eine weniger ungleiche Verteilung sorgen könnten.