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Gastkommentar – Homo oeconomicus Unsere Wirtschaftswissenschaft hat den falschen Denkansatz

Die großen Philosophen und Ökonomen früherer Tage interessierten sich kaum für die alltäglichen Notwendigkeiten des Überlebens. Heute muss ein anderer Ansatz gelten, findet Ina Praetorius.
19.02.2021 - 17:09 Uhr Kommentieren
Ina Praetorius ist evangelische Theologin und Autorin von „Wirtschaft ist Care“. Quelle: Katja Nideröst
Ina Praetorius

Ina Praetorius ist evangelische Theologin und Autorin von „Wirtschaft ist Care“.

(Foto: Katja Nideröst)

Aristoteles, der Chefdenker des Abendlandes, ließ sich von Sklavinnen und Sklaven bedienen. Sie sorgten dafür, dass das Essen pünktlich auf dem Tisch stand, dass der Ofen geheizt, dass Chiton und Himation gewaschen und gebügelt wurden, während der Herr über die Oikonomia nachdachte. Der Schüler von Platon und Lehrer Alexander des Großen soll Wert auf einen exquisiten Lebensstil gelegt haben.

Adam Smith entstammte einer reichen schottischen Grundbesitzerfamilie. Sein Leben lang war er von Bediensteten umgeben, die für alles Lebensnotwendige zuständig waren. Seine Mutter Margaret Douglas stand ihm stets karrierefördernd zur Seite, wenn sie nicht gerade das Hauspersonal beaufsichtigte.

Karl Marx zeugte sieben Kinder, von denen nur drei das Erwachsenenalter erreichten. Was heute manchmal euphemistisch „Vaterschaftsurlaub“ genannt wird, konnte er noch nicht „nehmen“. Ob er die Elternzeit, hätte es sie schon gegeben, für sich beansprucht hätte, ob er bereit und interessiert gewesen wäre, das Lesen, Schreiben und Agitieren sein zu lassen, um mit Jenny zusammen in Küche und Kinderzimmer tätig zu werden, das würde ich ihn gerne fragen.

Es erstaunt mich nicht, dass Männer, die lebten wie Aristoteles, Smith oder Marx, in ihrem ökonomischen Denken kaum Gewicht auf die Frage gelegt haben, wie Menschen ihr alltägliches Überleben und das ihrer Nachkommen bewerten und organisieren. Denn dafür hatten sie Mütter, Ehefrauen und Gesinde, das man noch heute manchmal als „gute Geister“ oder „Engel“ bezeichnet. Geister und Engel sind unsichtbar.

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    Was es braucht, ist eine Ökonomie der Lebenserhaltung

    Der Volkswirt Sebastian Thieme hat im Jahr 2012 zur Frage promoviert, wie die gängige Ökonomie und Ökonomik mit der Frage der menschlichen Selbsterhaltung umgehen. Es sei erschreckend, fasst er zusammen, wie wenig sich in wirtschaftlichen und wirtschaftstheoretischen Kontexten die Erfahrung spiegelt, dass Menschen wirtschaften müssen, um die eigene Existenz zu sichern. Sebastian Thieme rechnet sich bis heute der sogenannten „pluralen Ökonomik“ zu und siedelt sich damit außerhalb des Mainstreams an.

    Ein Mainstream aber, der naiv voraussetzt, dass unsichtbare gute Geister – Mütter, Dienstboten, Gott, Natur – immer schon für alles Grundlegende gesorgt haben, wenn das eigentliche Wirtschaften beginnt, ist denkerisch schlecht aufgestellt für die Herausforderungen der Zukunft im Zeichen des Klimawandels. Denn es geht ihm programmatisch nicht um die tägliche Schale Reis für alle, sondern um die Pekingente für Kaufkräftige, nicht ums Überleben, sondern um beliebige Präferenzen und um die Maximierung eines Nutzens, der als solcher keinen Sinn und Zweck zu haben scheint.

    Im eigenen Interesse tun wir heute gut daran, diese Art Denke vom Thron zu heben. Was es braucht und was es in Ansätzen längst gibt, ist eine Ökonomie der Lebenserhaltung der Individuen und der Menschheit im begrenzten Raum Erde.

    Mehr: Deutschland ist zu sehr auf Industrie und Technik fixiert

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