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Gastkommentar – Homo Oeconomicus Wirtschaften kann man schon am Küchentisch lernen

Die Ökonomie stellt Worte auf den Kopf. Wenn „Reproduktion“ bedeutet, dass Menschen immer wieder identische Dinge herstellen sollen, dann stimmt etwas nicht, meint Ina Praetorius.
21.05.2021 - 18:06 Uhr Kommentieren
Reproduktion nennt man, wenn die Arbeitskraft der Produzenten wiederhergestellt oder auch junge frische Nachfolge-Arbeitskraft erzeugt wird. Quelle: dpa
Auto-Produktion

Reproduktion nennt man, wenn die Arbeitskraft der Produzenten wiederhergestellt oder auch junge frische Nachfolge-Arbeitskraft erzeugt wird.

(Foto: dpa)

Als meine Mutter in den 1920er- und 1930er-Jahren zur Schule ging, bedeutete „Wirtschaft“ für Mädchen vor allem Haushalten. Das Fach, in dem man ihr das Kochen, Putzen und Sparen beibrachte, hieß wahrscheinlich „Hauswirtschaft“.

Meine Mutter wurde zu einer freien schwäbischen Hausfrau. Sie hat gern gekocht, geputzt, Gäste bewirtet und meine Schwester und mich ins Erwachsenenleben begleitet. Studiert hat sie auch, und eines Tages wurde sie Hochschulprofessorin, allerdings nicht für Ökonomie, sondern für alte Musik.

In dem humanistischen Gymnasium, in dem man mir im Jahr 1975 mein Abiturzeugnis aushändigte, war Latein bei Weitem wichtiger als Ökonomie. Immerhin kann ich mich erinnern, dass wir lernten, was „Produktion“ ist: Produktion ist, wenn Leute in einem Industriebetrieb möglichst viele möglichst identische Dinge herstellen, zum Beispiel Stecknadeln oder Autos. Und „Reproduktion“ nennt man es, wenn die Arbeitskraft der Produzenten wiederhergestellt oder auch junge frische Nachfolge-Arbeitskraft erzeugt wird.

Mit anderen Worten: „Reproduktion“ soll ich es nennen, wenn noch nie da gewesene menschliche Wesen mit ganz neuen, überraschenden Fähigkeiten zur Welt kommen, die eines Tages möglichst viele identische Dinge herstellen sollen. Schon damals fragte ich mich, ob Wörter in bestimmten Wissenschaften dazu da sind, die Wirklichkeit von den Füßen auf den Kopf zu stellen.

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    Meine Tochter hat im Jahr 2007 eine schweizerische Matura abgelegt. Wenn wir uns in den Jahren davor zum häuslichen Mittagessen trafen, besprachen wir manchmal, was sie gelernt hatte. Dass „Ökonomie“ die Lehre vom guten Haushalten ist und das, was wir gerade taten, nämlich zu Hause zu Mittag essen, Ökonomie ist, hat kein Lehrer, sondern habe ich ihr erklärt.

    Ina Praetorius ist evangelische Theologin und Autorin von „Wirtschaft ist Care“. Quelle: Katja Nideröst
    Ina Praetorius

    Ina Praetorius ist evangelische Theologin und Autorin von „Wirtschaft ist Care“.

    (Foto: Katja Nideröst)

    Ich hatte es nicht im sogenannten humanistischen Gymnasium, sondern in einer aufregenden Erkenntnisbewegung gelernt, die inzwischen als „feministische Hausarbeitsdebatte“ in ein paar dissidente Geschichtsbücher eingegangen ist. Heute ist meine Tochter Masterin in Agronomie.

    Meine Enkelin ist im Mai 2019 zur Welt gekommen. Sie wird, so hoffe ich, in ein paar Jahren in der Schule lernen, dass Wirtschaften nur einen einzigen Zweck hat: nämlich dass die dann schätzungsweise acht Milliarden Menschen, die zusammen mit unzähligen anderen Lebewesen den verletzlichen Raum Erde bewohnen, samt ihren Kindern und Kindeskindern alles bekommen, was sie zum Leben brauchen.

    Wahrscheinlich sollte demnächst jemand anfangen, das Schulbuch für meine Enkelin zu schreiben. Ich kann das nicht tun, denn ich habe nicht Ökonomie, sondern Theologie studiert. Aber ich bin sicher, dass es Leute gibt, die es können und wollen und tun werden, und zwar richtig gut.

    Mehr: Bundessozialgerichts-Präsident kritisiert fehlende Generationengerechtigkeit: „Das ist keine nachhaltige Politik“

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