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Gastkommentar – Homo oeconomicus „Zehn Prozent Rendite“: Wie Bildungs- und Sozialausgaben die Wettbewerbsfähigkeit steigern

Förderprogramme für benachteiligte Kinder haben eine hohe gesellschaftliche Rentabilität. Ähnliches gilt für andere Ausgaben, argumentiert Uta Meier-Gräwe.
09.07.2021 - 08:36 Uhr Kommentieren
Uta Meier-Gräwe fordert mehr Investitionen in Bildung und Soziales. Quelle: dpa
Klassenzimmer in Nordrhein-Westfalen

Uta Meier-Gräwe fordert mehr Investitionen in Bildung und Soziales.

(Foto: dpa)

Mitte April forderte der Europachef des Internationalen Währungsfonds (IWF), Alfred Kammer, in einem Handelsblatt-Interview, dass Deutschland – als eine Konsequenz aus Corona – unbedingt mehr in Bildung, die Digitalisierung der Wirtschaft, aber auch in seine soziale Infrastruktur investieren müsse, um wettbewerbsfähig zu bleiben.

Der EU-Wiederaufbaufonds sei für Deutschland eine gute Gelegenheit, Versäumnisse der Vergangenheit auszuräumen und wirtschaftlich gegenüber den USA und China aufzuholen. In der jetzigen Situation sei es eindeutig besser, mehr Schulden zu machen als zu wenig.

Soweit ich sehe, gibt es in puncto Digitalisierung von Unternehmen und Verwaltungen – etwa Gesundheitsämtern – nach den ernüchternden Lernerfahrungen in der Pandemie dafür einen breiten politischen Konsens. Ob das allerdings auch für die von Kammer mit angesprochenen Bereiche Bildung und Soziales gilt, ist keineswegs ausgemacht. Denn schon mehren sich die Stimmen, die eine rasche Rückkehr zur Schuldenbremse fordern – erfahrungsgemäß das Aus für vermeintlich kostenintensive Bildungs- und Sozialprogramme.

Hier lohnt der Blick über den deutschen Tellerrand. Der Ökonomienobelpreisträger James Heckman hat schon vor Jahren in der wegweisenden Längsschnittstudie „Early Childhood Education“ nachweisen können, dass arme Kinder aus afro-amerikanischen Elternhäusern von guter vorschulischer Bildung eindeutig profitieren. Beim Rechnen, Lesen und bei der Sprachentwicklung schnitten sie auf all diesen Gebieten deutlich besser ab als die Kinder, die keine Vorschule besucht hatten.

Aber auch die Gesellschaft insgesamt profitiert von diesen Investitionen in Form von Sozialabgaben und Steuern, die diese Kinder später als gut ausgebildete Erwerbstätige generieren. Zugleich erübrigen sich dadurch Folgekosten im Sozial-, Gesundheits- und Justizhaushalt in beträchtlichen Größenordnungen.

Corona hat gezeigt, dass Vorsorge notwendig ist

Kosten-Nutzen-Analysen dieser Art liegen inzwischen auch für Deutschland vor. Ob vernetzte frühe Hilfen rund um die Geburt, Angebote der Familienbildung oder die soziale Arbeit in Mütter- und Familienzentren vor Ort, ob Schulgesundheitsfachkräfte oder eine passgenaue Kinder- und Notfallbetreuung, damit der berufliche Wiedereinstieg von alleinerziehenden Müttern gelingt: In jedem Fall zeigt sich, dass die in solche Projekte investierten Mittel den Staat und die Kommunen weniger kosten, als sie mittel- und langfristig an finanziellen Rückflüssen generieren.

Es ist erstaunlich, dass Entscheidungsträger, die sich ansonsten von Renditeerwartungen immer überzeugen lassen, bisher leider wenig Engagement zeigen, wenn es darum geht, wirklich auskömmliche Bildungs- und Sozialinvestitionen flächendeckend zu tätigen.

Soziologin Uta Meier-Gräwe Quelle: Gleichstellungsbüro Freiburg
Uta Meier-Gräwe

Uta Meier-Gräwe war bis 2018 Inhaberin des Lehrstuhls für Wirtschaftslehre des Privathaushalts und Familienwissenschaft an der Justus-Liebig-Universität Gießen und Beraterin der Bundesregierung.

(Foto: Gleichstellungsbüro Freiburg)

Sehr schnell wird dann das Argument vorgebracht, wir dürften unseren Kindern und Kindeskindern keine Schuldenberge hinterlassen oder dass man sich vor allzu großen „sozialen Wohltaten“ und „Umverteilungsgeschenken“ hüten sollte. Doch Corona hat uns gezeigt, dass eine pandemiefeste Volkswirtschaft ohne gute Vorsorge, die strukturell verankert sein muss, eben nicht zu haben ist.

Lassen wir an dieser Stelle James Heckman selbst zu Wort kommen: „Traditionell haben wir den Armen Almosen gegeben – die Redistribution von Reichtum und Einkommen“, zitierte „Die Zeit“ den Ökonomienobelpreisträger 2013.

„Stattdessen müssen wir zu einer Prädistribution kommen. Die Rendite selbst bei kostenintensiven Frühförderprogrammen ist hoch, nach unseren Kalkulationen zwischen sieben und zehn Prozent, das ist viel mehr als das, was Sparbücher oder Investitionen an der Börse bringen.“ Das ist wahrlich keine Milchmädchenrechnung.

Mehr: Die Politik nimmt die Erben ins Visier

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