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Homo Oeconomicus Ina Praetorius: Der Welt gehen die Klempner verloren

Die Wirtschaftsnobelpreisträgerin vergleicht sich ganz bescheiden mit einer Klempnerin. Doch wer baut die Zukunft, wenn sich die Leute zurückziehen, die lange alles besser wussten?
28.12.2020 - 18:44 Uhr Kommentieren
Ina Praetorius ist evangelische Theologin und Autorin von „Wirtschaft ist Care“. Quelle: Katja Nideröst
Ina Praetorius

Ina Praetorius ist evangelische Theologin und Autorin von „Wirtschaft ist Care“.

(Foto: Katja Nideröst)

Esther Duflo, die 2019 als bisher jüngste Wirtschaftsnobelpreisträgerin zusammen mit Abhijit Banerjee und Michael Kremer den Alfred-Nobel-Gedächtnispreis für Wirtschaftswissenschaften entgegennahm, vergleicht ihre Arbeit mit der Klempnerei.

Die Aufgabe einer Klempnerin ist es, Rohre zu verlegen oder zu reparieren in Häusern, die andere gebaut haben: Architektinnen, Bauherren. Passend dazu grenzt der US-amerikanische Wirtschaftswissenschaftler Abhijit Banerjee – und Ehemann von Duflo – in einem Interview mit der „NZZ“ am 23. September 2017 süffisant sein Handwerk vom Pathos der Welterklärung ab: „Ich mache, was ich gut kann, andere sollen anderes tun. Es mag gut tönen, über große Dinge zu reden. Aber wenn man nichts Sinnvolles empfehlen kann, ist es langweilig.“

Es scheint, als habe die Schwedische Nationalbank – die den Alfred-Nobel-Gedächtnispreis für Wirtschaftswissenschaft stiftet – im Jahr vor der pandemischen Erschütterung Leute ehren wollen, die demonstrativ den Platz räumen, den die Wirtschaftswissenschaft seit mindestens einem Jahrhundert einnimmt: den der Leitwissenschaft.

Über die „großen Dinge“ zu reden, zum Beispiel das mögliche Ende der Menschheit, das scheint eine junge Generation von Ökonominnen und Ökonomen anderen überlassen zu wollen. Mit akribischer Arbeit am Detail, den inzwischen berühmt gewordenen zufallsbasierten Feldexperimenten, kurz RCTs, will sie dazu beitragen, dass im gemeinsamen Haus Welt alles gut funktioniert.

Das hört sich anständig an, wirft aber eine gewichtige Folgefrage auf: Wer wird das Haus der Zukunft bauen, wenn die Leute, die lange alles besser wussten, sich zurückziehen? Ich antizipiere: Ein Konsortium aus Architekten und Architektinnen könnte es sein, die vielfältige Sachverstände mit der Begeisterung für ein stabiles Menschheitshaus im verletzlichen Ökosystem Erde verbinden.

Wohlergehen anstelle von Warenwachstum

Politikerinnen werden dabei sein, Pflegefachfrauen, Hausmänner, Mütter, Künstler und, warum nicht, auch einige Ökonomen und Ökonominnen. In herkömmliche Kämpfe werden sie sich nicht mehr verwickeln lassen: Ob wir das Bruttoinlandsprodukt abschaffen, ad absurdum führen oder zu einem Wellbeing-Dashboard weiterentwickeln, wen kümmert’s, wenn endlich Wohlergehen statt Warenwachstum in die Mitte rückt?!

Ob die Oikonomia der Zukunft links oder liberal sein wird, ist egal. Klar ist doch sowieso, dass die Staaten, die Zivilgesellschaft, die Vereinten Nationen, die Unternehmen, die Konsumierenden, dass alle ihren Beitrag leisten werden.

Vielleicht wird das Welthaus Ubuntu heißen oder Gondwana, Tawfekh oder Noflaye. Das verstehen Sie nicht? Dann informieren Sie sich. Das Haus wird durchlässig sein und stabil, resilient und poetisch, warm und wandelbar. Wer Augen hat zu sehen, sieht: Es ist schon da und täglich im Werden.

Ob Duflo und Co. allerdings wirklich gewillt sind, die „großen Dinge“ Leuten zu überlassen, die mehr sehen als Wachstumskurven, muss sich noch zeigen. Schon im Jahr 1930 verglich John Maynard Keynes sein Handwerk kokett mit der Arbeit von Zahnärzten. Dieser Vergleich hat bis heute nicht dazu geführt, dass Ökonomen vom großen Gestus der Gesamterklärung abgelassen hätten.

Mehr: Lesen Sie hier ein Interview mit Esther Duflo und Abhijit V. Banerjee. „Wir hoffen, Europa übernimmt die Führung“

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