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Homo oeconomicus Klimaneutralität dient nur dazu, unser Gewissen leichter betrügen zu können

Zunehmend verschreiben sich Unternehmen plötzlich der Klimaneutralität. Als symbolische Maßnahme nützt dies der ökologischen Zukunft jedoch wenig.
  • Helge Peukert
14.07.2020 - 08:54 Uhr Kommentieren
Helge Peukert ist Wirtschafts- und Staatswissenschaftler und Professor an der Universität Siegen.
Der Autor

Helge Peukert ist Wirtschafts- und Staatswissenschaftler und Professor an der Universität Siegen.

Es grünt so grün – diese Melodie wird neuerdings unter dem Motto der „Klimaneutralität“ von Unternehmen und öffentlichen Institutionen werbewirksam angestimmt. Auf Anhieb sind die Deutsche Bank, die Allianz und andere Unternehmen plötzlich klimaneutral. Bayer und sogar die gesamte EU versprechen, es demnächst zu werden. Wie ist das möglich?

Die Idee klingt zunächst genial: Unvermeidbare Treibhausgase werden ermittelt und durch den Kauf und die anschließende Stilllegung einer entsprechenden Menge von Emissionsminderungsgutschriften am besten in Schwellenländern kompensiert.

Mein Selbstversuch ergab allerdings: Als Klimasünder mit angenommenen 17 Tonnen kostete mich die eigene Totalneutralisierung zehn Minuten Suche und dann ganze zwölf Euro bei Projekt 9625 für Windräder in Indien unter Regie des offiziellen UN-Klimasekretariats. Eine bunte Urkunde gab es obendrein.

Das Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung kompensiert bereits wesentliche Bereiche seines Ministerialbetriebs, rund 5000 Tonnen CO2 für 2017 und 2018; für 40.000 Euro brutto, wie ich auf Nachfrage erfuhr.

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    Bei einem Jahreshaushalt über zehn Milliarden Euro sind dies 0,0004 Prozent des Budgets. Aber ist freiwillige Kompensation nicht dennoch eine gute Sache? Leider nein: Viele geförderte Projekte, vor allem im Energiebereich, hätten sowieso stattgefunden und erhalten dennoch Subventionen.

    Teilnahmeländer des Pariser Abkommens werden motiviert, ihre nationalen Minderungspläne wenig ambitioniert zu fassen. Denn alles, was darüber hinausgeht, gilt dann als zusätzlich und kann als Klimagutschrift verkauft werden.

    Wald wird erst abgeholzt, dann kann die Wiederaufforstung gefördert werden. Außerhalb der Projektgrenze kann gleichzeitig die Brandrodung weitergehen. Durch die Mitfinanzierung eines Trekkingpfads in Nepal entstehen sogenannte soziale und ökonomische Co-Benefits für die lokale Bevölkerung, man lockt so aber auch zusätzliche, mit dem Flugzeug anreisende Touristen an.

    Systembedingte Schwächen

    Mit dem Zwei-Grad-Ziel unverträgliche Auslaufmodelle und Konsumstile sind durch diesen Ablasshandel mit gutem Gewissen fortzusetzen, denn sie werden ja kompensiert. Dies sind systembedingte Schwächen, die kaum zu beheben sind. Das haben Studien im Auftrag des Umweltbundesministeriums bestätigt.

    In Bangladesch wird unter indirekter Mitfinanzierung „klimaneutraler“ deutscher Unternehmen ein riesiges Kohlekraftwerk in Rampal gebaut, das im Vollbetrieb knapp fünf Millionen Tonnen Kohle benötigt. Im Hoheitsgebiet Guyanas wurde eines der größten Ölfelder entdeckt, das eine Fördermenge von bis zu einer Million Barrel pro Tag ermöglicht.

    Die ökologische Zukunft unseres Planeten entscheidet sich an der Frage, ob der meiste noch verfügbare Kohlenstoff im Boden bleibt oder nicht. Weitgehend wirkungslose, symbolische „Klimaneutralisierung“ dient nur dazu, unser Gewissen leichter betrügen zu können und weiterhin rücksichtslos dem Wachstumswahn zu frönen.

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