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Homo oeconomicus: Leon Podkaminer: Die Transferunion ist schon längst da

Deutsche Anleger fürchten, finanziell für die Südländer bluten zu müssen. Tatsächlich fließen aber übermäßig große Geldströme von Süd nach Nord.
23.11.2020 - 17:45 Uhr 1 Kommentar
Leon Podkaminer ist Research Associate am Wiener Institut für internationale Wirtschaftsvergleiche. Quelle: wiiw
Leon Podkaminer

Leon Podkaminer ist Research Associate am Wiener Institut für internationale Wirtschaftsvergleiche.

(Foto: wiiw)

Der Begriff Transferunion ist seit der Euro-Krise zum Schreckensszenario der Deutschen und anderer Länder des europäischen Nordens geworden: Die Nordländer zahlen für die südlichen Wackelkandidaten. Ihre Sparer und Anleger bluten, und die Euro-Zone bricht ohnehin auseinander. So steht es auf vielen Anlegerportalen, so ähnlich unken aber auch viele deutsche Ökonomen.

Das wirklich Gespenstische an der Sache ist aber, dass bisher der Geldstrom zunächst aus dem Rest der Welt, einschließlich der südlichen Länder, in die nördlichen fließt! Die Transferunion ist schon längst da: Die nördlichen Länder erhalten Finanztransfers von den südlichen.

Deutschland ist ein typisches Beispiel. Von 2009 bis 2020 betrug der jährliche deutsche Leistungsbilanzüberschuss im Durchschnitt 214 Milliarden Euro oder phänomenale 7,1 Prozent des BIP. Den Großteil dieses Geldes verdiente Deutschland mit seinen Handelsüberschüssen. Aber auch das Netto-Primäreinkommen, das in erster Linie aus Gewinnen der im Ausland ansässigen deutschen Unternehmen besteht, war mit 73 Milliarden Euro pro Jahr beträchtlich.

Was geschieht mit all dem Geld, das unter anderem aus dem Süden stammt? Nun, anstatt es in Tresoren zu horten, schickt es Deutschland freiwillig zurück – in Form von Nettokrediten. Die Neuvergabe von Krediten ist von entscheidender Bedeutung als Quelle der künftigen Gewinne, die im Ausland mit deutschen Investitionen erzielt werden, und als Kredit, der die Einfuhr deutscher Exporte ermöglicht.

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    Es liegt im deutschen Interesse, dass die aus dem Süden überwiesenen Gelder zeitnah wieder dorthin zurückgeführt werden. Ohne Kreditvergabe würde der deutsche Exportsektor – und damit die gesamte Wirtschaft – zusammenbrechen.

    Konsum in Deutschland

    Die deutsche Wirtschaft hält sich über Wasser – also aus der Rezession heraus –, indem sie den ausländischen Importeuren ihrer eigenen Waren Kredite gewährt. Baron Münchhausen, der sich am eigenen Schopf aus dem Sumpf zieht, kommt hier in den Sinn. Kurzfristig ist Deutschland mehr vom Export seiner Waren abhängig als seine Partner von den importierten deutschen Waren. Diese Abhängigkeit hat den Beigeschmack einer Sucht.

    Natürlich ist dies keine nachhaltige Wirtschaftsgestaltung. Auf lange Sicht werden die sich anhäufenden Auslandsschulden gegenüber der deutschen Privatwirtschaft nicht mehr bedienbar sein und vom deutschen Staat – also seinem öffentlichen Sektor – übernommen werden müssen. Das ist das Schreckensszenario der Anlegerportale.

    Wie lässt sich dieser verhängnisvolle Ablauf der Ereignisse vermeiden? Der einfachste Weg wäre es, damit aufzuhören, derart exorbitante Leistungsbilanzüberschüsse zu erwirtschaften. Wie lässt sich dies erreichen? Meiner Meinung nach durch die Förderung höherer inländischer Investitionen und des Konsums in Deutschland – auch durch große systematische Haushaltsdefizite. Aber klar, das ist ein weiteres Schreckensszenario.

    Mehr: Lesen Sie hier einen weiteren Gastkommentar des Autors: Globales Handelswachstum treibt nicht automatisch das globale Wachstum

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    1 Kommentar zu "Homo oeconomicus:: Leon Podkaminer: Die Transferunion ist schon längst da"

    Das Kommentieren dieses Artikels wurde deaktiviert.

    • Danke Herr Podkaminer,

      sehr guter Artikel, mit der richtigen Frage am Ende. Für die Beantwortung der Frage darf man bedenken, dass die Leistungsbilanz eine Identität mit der saldierten inländischen Geldvermögensbildung aller Sektoren bildet. In der Konsequenz haben wir also zwei Wege aus unserer Verarmung als Zahlmeister einer globalen Transferunion.

      1. Der Staat macht ca. 7% BIP mehr Defizit
      2. Die Nettogeldvermögensbildung des Privatsektors wird in dieser Dimension reduziert.

      1tens geht schon gesetzlich nicht auf Dauer, 2tens tut sich aber nach meiner Erfahrung enorm schwer in eine Debatte zu kommen. Würde man es diskutieren können, würde man auch Lösungen finden. Und so eine "Guthabenbremse" muss eben nicht noch negativere Zinsen bedeuten, könnte z.B. auch wesentlich in einer Rentenreform mit auskömmlicher Umlagerente für alle Wirtschafter bestehen. Und eben der in verschiedensten Formen möglichen Förderung von Sachvermögensbildung statt Geldvermögensbildung.

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