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Kolumne: Homo Oeconomicus Deutschland ist zu sehr auf Industrie und Technik fixiert

In der Coronakrise erleben wir, welche Arbeiten wirklich essenziell sind. Konsequenzen hat das bisher nicht, Care-Arbeit wird weiter als sozialer Luxus dargestellt.
06.01.2021 - 14:07 Uhr 3 Kommentare
Soziologin Uta Meier-Gräwe Quelle: Gleichstellungsbüro Freiburg
Uta Meier-Gräwe

Uta Meier-Gräwe war bis 2018 Inhaberin des Lehrstuhls für Wirtschaftslehre des Privathaushalts und Familienwissenschaft an der Justus-Liebig-Universität Gießen und Beraterin der Bundesregierung.

(Foto: Gleichstellungsbüro Freiburg)

Beinahe täglich äußern sich Entscheidungsträger aus Politik, Wissenschaft und Wirtschaft zu den Konsequenzen aus der Coronakrise. Dabei überwiegt nach wie vor das Primat der Industrie.

Friedrich Merz, einer der Kandidaten für den CDU-Vorsitz und die Kanzlerschaft, wartete schon im Frühjahr mit der Empfehlung auf, dem produktiven Gewerbe nach Corona absolute Priorität einzuräumen.

Es mutet schon fast paradox an, dass nach dem ersten Lockdown die These des Freiburger Wirtschaftswissenschaftlers Bernd Raffelhüschen unwidersprochen blieb, „wir leben nicht davon, dass wir uns gegenseitig umeinander kümmern, sondern davon, dass wir ökonomischen und technischen Fortschritt generieren“.

Besagten unsere Erfahrungen damals nicht etwas ganz anderes? Dass fast alles heruntergefahren werden kann, nur nicht die Arbeit, die mit der unmittelbaren Sorge für das tägliche Leben zu tun hat: die Gesundheitsversorgung, die Betreuung von Kindern und hilfebedürftigen Menschen oder die Sorge für die täglichen Nahrungsmittel und Hygiene?

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    Industriegetriebenes Wachstum ist nicht systemrelevant

    Die Industrie- und Technikfixierung hat in Deutschland eine lange Tradition. 1994 formulierte der ehemalige Arbeitgeberpräsident Hans-Olaf Henkel, dass wir nicht auf Dauer davon leben könnten, dass wir uns gegenseitig die Haare schneiden. Abgesehen davon, dass niemand so etwas je behauptet hat, griff der ehemalige Bundeskanzler Gerhard Schröder diese verunglückte Metapher im Bundeswahlkampf 2002 bei einem Auftritt vor den Opelianern erneut auf, um die Vorrangstellung der Industrie zu betonen.

    Wer in Deutschland Autos oder Parkhäuser baut, gilt folglich als Leistungsträger und speist sein Selbstbewusstsein aus der Überzeugung, dass ohne ihn aller Wohlstand im Orkus versänke. Wer sich um pflegebedürftige Alte kümmert, Kindern das Schreiben beibringt oder uns die Haare schneidet, den beschleicht das ungute Gefühl, dass er oder sie eine Art „sozialen Luxus“ produziert, der von den Auto- und Parkhausbauern mitfinanziert wird.

    Das ist aber vollkommen falsch, wie uns doch diese Pandemie gelehrt hat: Die nicht oder schlecht bezahlte Care-Arbeit in privaten Haushalten, im öffentlichen Dienst und in Unternehmen bildet das Fundament unseres Wirtschaftssystems und muss endlich den Stellenwert erhalten, der ihr zukommt.

    In den ersten Monaten der Pandemie wurde uns schlagartig klar, wer hier eigentlich den Laden zusammenhält. Das allabendliche Klatschen vom Balkon war ehrlich gemeint. Doch was ist seither über solche Symbolik hinaus passiert? Herzlich wenig.

    Deshalb ist eine Neukonzeption von Wirtschaft überfällig, in der die wechselseitige Abhängigkeit von (ver-)sorgenden Dienstleistungen und industrieller Produktion verankert wird. Und zwar auf Augenhöhe. Ein pandemieresistentes Wirtschaftssystem kommt um diese Erkenntnis nicht herum. Dazu müsste im Bundeskanzleramt ein Care-Gipfel stattfinden.

    Mehr: Die Niedriglohnstrategie macht aus Deutschland eine Dienstleistungswüste.

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    3 Kommentare zu "Kolumne: Homo Oeconomicus: Deutschland ist zu sehr auf Industrie und Technik fixiert"

    Das Kommentieren dieses Artikels wurde deaktiviert.

    • Hier werden die Tatsachen doch etwas auf den Kopf gestellt. Nur durch den Mehrwert der produktiven Wirtschaft, welche gerechtfertigten Abgaben und Sozialbeiträge ermöglichen, wird erst die soziale gesellschaftliche Arbeit ermöglicht.

      Nicht desto trotz, ist die Achtung der aufopferungsvollen Tätigkeit im Gesundheits- und Sozialwesen immer in den Focus zu stellen.

    • Ist ja ein edles Anliegen, dass Erziehung und Pflege besser honoriert werden sollte und die Anmerkung, dass Deutschland aktuell sehr einseitig auf Automobil und Bau ausgerichtet ist, ist eine valide Beobachtung. Nur wo kommen wie da raus?
      Bei der letzten Wirtschaftskrise hieß es wie gut, dass wir noch einen industriellen Kern haben und nicht wie in den USA eine reine Dienstleistungsgesellschaft sind.
      Heißt das jetzt, dass die Leistungen innerhalb der Familie monetarisiert werden, damit man sie mit Abgaben und Steuern belegen kann? Da werden die Familien sicher weiter verlieren.
      Heißt das, dass die gut bezahlten Industriejobs verschwinden sollen und die Ingenieure sich zu Erziehern und Pflegekräften umschulen lassen sollen. Würde auf jeden Fall helfen den Handelsüberschuss abzubauen.
      Das System wir spätestens kippen, sobald die Pflege und Erziehung mehr kostet, wie die Erzogenen und Gepflegten erwirtschaften können. Wahrscheinlich schon früher , da der Mensch nicht alleine von Pflege und Erziehung leben kann.

    • Ich weiss, dass es solche Meinungen gibt. Und ich respecktiere sie. Nur habe ich nicht erwartet, dass sie auch zunehmend im Handelsblatt ein Forum finden. Lückenbüßer - gab's sonst nichts oder wird es Zeit die Hauspostille umzubestellen?

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